«Potenzial in der Region ist riesig»
11.11.2022 Bauprojekte, Energie/Umwelt, GelterkindenEnergieexperte Thomas Tribelhorn über den Solarausbau
Die Adev Energiegenossenschaft in Liestal betreibt im Oberbaselbiet einige grössere Photovoltaikanlagen. Geschäftsführer Thomas Tribelhorn begrüsst die aktuell hohe Nachfrage nach erneuerbarer Energie, fordert aber zugleich weitere ...
Energieexperte Thomas Tribelhorn über den Solarausbau
Die Adev Energiegenossenschaft in Liestal betreibt im Oberbaselbiet einige grössere Photovoltaikanlagen. Geschäftsführer Thomas Tribelhorn begrüsst die aktuell hohe Nachfrage nach erneuerbarer Energie, fordert aber zugleich weitere Fördermassnahmen.
Willi Wenger
Die technische Entwicklung bei den erneuerbaren Energien schreitet weiter voran, auch bei der Photovoltaik. Zudem verringern sich mit der aktuell steigenden Nachfrage zusehends die Beschaffungskosten für Solarmodule. Optimale Zeiten also für einen flächendeckenden Solarausbau? Nicht ganz, meint Thomas Tribelhorn, Geschäftsführer der Liestaler Adev Energiegenossenschaft. Er hält im Gespräch mit der «Volksstimme» fest, dass beim Ausbau der Solarenergie noch erheblicher Nachholbedarf vorhanden sei, so auch im Oberbaselbiet. «Das Potenzial hier ist riesig», sagt Tribelhorn, der die brachliegenden Industriedächer im Ergolztal anführt. In den oberen Bezirken des Kantons Baselland gebe es überdies «wahnsinnig» viele freie Flächen auf Einfamilienhäusern.
Der in Läufelfingen wohnhafte Enerigeexperte ist allerdings Realist und weiss, dass diese freien Flächen nicht einfach auf die Schnelle mit Solarmodulen bestückt werden können. Und er ergänzt: «Bei sogenannten Bestandesbauten werden wohl nie alle Dächer und Fassadenflächen mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet sein.» Gründe dafür gebe es viele: Etwa schiebt der Denkmal- und Heimatschutz in Kernzonen dem flächendeckenden Solarausbau einen Riegel vor. Erst vor einer Woche entschied der Landrat denkbar knapp, die Bewilligungspraxis in historischen Ortskernen nicht zu lockern. Weiter verhindern laut Tribelhorn zu kleine und zu verwinkelte Dachflächen bei älteren Häusern das Montieren von Solarzellen. Und schliesslich könnten einige grössere Industrie- und Gewerbedächer aus Gründen der Statik die Last einer Photovoltaik-Anlage nicht tragen.
Eigenstrom bei Neubauten
Tribelhorn setzt grosse Hoffnungen in den diesjährigen «Energieplanungsbericht» der Baselbieter Regierung. Dieser sieht vor, dass die Stromerzeugungspflicht für Neubauten gesetzlich verankert wird. «Dieses Anliegen hat die Adev in einer Stellungnahme zuhanden des Regierungsrats klar zum Ausdruck gebracht», sagt ihr Geschäftsführer Thomas Tribelhorn, der auch Präsident der kantonalen GLP ist. Er ergänzt, dass seine Partei «ohne Wenn und Aber» die Pflicht zur Eigenstromerzeugung bei Neubauten befürworte.
Das Baselbiet gehört wie seine Nachbarn Aargau und Solothurn zu den Kantonen im Land, die bisher keine Anstalten machen, ihre Energiegesetze in diesem Sinne anzupassen. «Dies erachte ich als schade und nicht zukunftsorientiert», kommentiert Tribelhorn. Gerade die aktuelle geopolitische Weltlage zeige, dass die Forderung nach einer unabhängigen Energieversorgung kein theoretisches Anliegen mehr sei. Die derzeit hohe Nachfrage nach erneuerbarer Wärmeerzeugung – und damit auch nach innovativen Lösungen – bekräftige diese These. «Wir bei der Adev spüren die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Energieproduktion», sagt ihr Geschäftsführer. Kassenschlager seien die wachsenden Wärmeverbünde mit Holzheizkraftwerken und mit Solarstrom betriebenen Wärmepumpen.
China als Herausforderung
Trotz Krise der fossilen Energie und steigender Nachfrage nach erneuerbarer Energie: Die Photovoltaik friste im Oberbaselbiet noch immer ein «Mauerblümchendasein», wie es Tribelhorn formuliert. «Sie ist noch kein Stützpfeiler der regionalen Energieversorgung. In der Vergangenheit haben wir diesbezüglich leider viel verpasst.» Dieses Versäumnis müsse jetzt möglichst zeitnah aufgeholt werden. Tribelhorn, selbst Gemeinderat in Läufelfingen, wünscht sich, dass die Gemeinden mit gutem Beispiel vorangehen und ihre eigenen Gebäude mit Solarenergie aufrüsten.
Der Kanton Baselland schneide punkto Solarausbau im schweizerischen Durchschnitt zwar gut ab, «aber eben nicht mehr», so Tribelhorn. Der Adev-Geschäftsführer sieht mehrere Hebel, um vorwärtsmachen zu können: Wie erwähnt, etwa die Einführung einer Installationspflicht von Photovoltaikanlagen bei Neubauten. Schliesslich, so Tribelhorn, eigne sich dank der neusten Solarmodule fast jedes Neubauten-Dach, egal in welche Himmelsrichtung es ausgerichtet sei.
Bei einer Ost-West-Ausrichtung des Daches beispielsweise wird mehr Strom im Winter produziert. Bei einer Südausrichtung hingegen fällt ein Grossteil des Stroms im Sommer an. Als Ergänzung, speziell für die Wintermonate, seien Fassadenanlagen zu empfehlen. «Auch deshalb, weil sie, anders als Solar-Anlagen auf Dächern, nicht vom Schnee bedeckt werden können», erklärt Tribelhorn. Bei all seinem Tatendrang: Der Energieexperte weiss auch, dass die globalen Lieferengpässe und die Abhängigkeiten von China den Solarausbau hierzulande verzögern. Momentan betragen die Lieferfristen für die benötigten Module vier bis sechs Monate. «Dennoch ist das kein Grund, politisch nicht vorwärtszumachen», meint Tribelhorn. Überdies müsse in Europa die Produktion von Solarzellen dringlichst wieder aufgebaut werden. «Der Umstand, dass diesbezüglich mehrere Schweizer Unternehmen aktiv sind, stimmt mich zuversichtlich.»
Substanzielle Förderbeiträge
Wer heute eine Solaranlage bauen will, profitiere von Fördermitteln des Bundes, sagt Tribelhorn weiter. Bei Eigenverbrauchanlagen würden 30 Prozent, bei Anlagen ohne Eigenverbrauch 60 Prozent der Baukosten vergütet. Auch deshalb stellt der Adev-Geschäftsführer besonders bei Einfamilienhäusern einen «Riesenboom» fest. «Viele Menschen wissen mittlerweile, dass der auf dem eigenen Dach produzierte Strom günstiger ist als derjenige vom Energieversorger.» Ein interessanter Fakt sei zudem, dass die Sonne pro Tag 8000 Mal mehr Energie liefert, als die gesamte Menschheit täglich verbraucht. Mit anderen Worten: Das Solarpotenzial sei «gigantisch».
Im Oberbaselbiet bleibe aber noch viel zu tun, damit dieses «gigantische» Potenzial ausgeschöpft werden könne. Anschauungsbeispiele seien vorhanden, sagt Tribelhorn – so etwa in Buus auf dem Dach des Bauernbetriebs Bäumlihof. Weitere Vorzeigeobjekte der Adev gibt es in Diegten (auf dem Hof Bachsäge), in Gelterkinden (auf dem Hallenbad und auf der Tennisanlage), in Niederdorf (auf der Mehrzweckhalle und auf dem Schulhaus) sowie in Ormalingen (auf dem Laufstall Mittlerer Homberg).
Tribelhorn lässt zum Schluss nicht unerwähnt, dass es auch im oberen Kantonsteil Gemeinden gibt, die beim Solarausbau über dem kantonalen Durchschnitt liegen: In Bennwil, Diegten, Itingen, Lupsingen und Zeglingen sind schon jetzt mehr als 6,2 Prozent der Dächer mit Photovoltaikanlagen bestückt. Die Energiewende schreitet voran – auch im Oberbaselbiet.
Die Adev-Gruppe – eine Pionierin
en. Die Adev-Gruppe gehört zu den nachhaltigen Pionierinnen der Schweiz und engagiert sich bereits seit 40 Jahren für eine ökologische und dezentrale Energieversorgung. Die Energiegenossenschaft entwickelt und betreibt Solarstromanlagen, Kleinwasserkraftwerke, Windenergieanlagen sowie Heizzentralen und Nahwärmenetze. Die Adev-Gruppe besitzt über 120 Produktionsanlagen in der Schweiz sowie im benachbarten Ausland und versorgt mehrere Liegenschaften und Quartiere mit Energie. Eine breite Bürgerbeteiligung ist ein zentrales Element der Philosophie der Adev-Gruppe.
Keine Steuersenkung bei Solaranlagen
vs. Die Besteuerung von Solaranlagen wird im Baselbiet nicht gesenkt. Dies sei aktuell nicht möglich, teilte die Regierung am Dienstag mit: «Der Handlungsspielraum ist für den Kanton aufgrund des Steuerharmonisierungsgesetzes eingeschränkt und maximal ausgenutzt.» Aus Regierungssicht fallen die Steuerabgaben für Solaranlagen moderat aus. Ein unmittelbarer Handlungsbedarf bestehe nicht. Zukünftig werde es aber – je nach Entwicklung auf Bundesebene – weitere steuerliche Erleichterungen geben. Der Regierungsrat beantwortet damit einen Vorstoss aus dem Jahr 2019 von FDP-Landrat Stephan Burgunder.


