Der letzte Schliff für das Saisonhighlight
29.07.2022 SportLuana Güntert
Was für eine Idylle: Oberhalb der Zivilisation, eine hügelige grüne Landschaft, der beruhigende Klang von Kuhglocken und ein Waldstück im Hintergrund – das ist die Szenerie auf dem «Chilchmetthof» zwischen Wittnau, Rothenfluh und Wegenstetten. Auf ...
Luana Güntert
Was für eine Idylle: Oberhalb der Zivilisation, eine hügelige grüne Landschaft, der beruhigende Klang von Kuhglocken und ein Waldstück im Hintergrund – das ist die Szenerie auf dem «Chilchmetthof» zwischen Wittnau, Rothenfluh und Wegenstetten. Auf diesem Wittnauer Bauernhof erhalten zwei Fricktaler Schwinger den letzten Schliff, um am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (Esaf) in Pratteln optimal vorbereitet zu sein. David und Samuel Schmid vom Schwingklub Fricktal haben dafür auf dem elterlichen Bauernhof ein Fitnessstudio eingerichtet.
Die «Schmid Buebe» absolvieren in ihrem «Homegym» Kraftübungen, die ihr Training im Schwingkeller in Möhlin ideal ergänzen. Eigenständige Krafttrainings werden dabei unterstützt durch Einheiten des Physiotherapeuten und Trainers Felix Zimmermann aus Buus. Alle ein bis zwei Wochen kommt der Buusner nach Wittnau, um die Brüder für das grösste Schwingfest des Jahres zu stählen. Die «Volksstimme» durfte die «Schmid Buebe» bei einem Training begleiten.
Muskeln erhalten
Da die Schwingsaison aktuell in vollem Gang ist, verläuft das Training anders als in der Vorbereitung während der kalten Jahreszeit. «Im Herbst quetschen wir uns aus, bis gar nichts mehr geht», sagt David Schmid. Dann gehe es nur um den Muskelaufbau. «In zwei Tagen findet ja das Weissenstein-Schwinget statt, da dürfen wir uns nicht kaputt machen im Training», sagt Samuel Schmid. Das Ziel der beiden Fricktaler lautet zurzeit, die im Herbst und Winter gewonnene Muskulatur zu erhalten.
«Im Winter verbessern die Schwinger ihre Maximalkraft am ganzen Körper. Dann, im Frühling, werden wir spezifischer und feilen an unserer Schnellkraft. Die Trainings sind schon auch intensiv, ermüden die Schwinger aber nicht so stark», erklärt Zimmermann.
Zimmermann fokussiert sich beim Training seiner Schützlinge entweder auf den Ober- oder den Unterkörper. Zusätzlich werden diverse Rumpfübungen absolviert. In der heutigen Lektion sind die Beine und der Rumpf an der Reihe. Dafür wird zuerst der ganze Körper mithilfe eines Therabands aufgewärmt. Während der Aufwärmübungen und bei den darauffolgenden Rumpfübungen fällt auf, dass das Sybopa eine grosse Rolle spielt im Training. Das Sybopa ist ein Gleichgewichtsbrett auf einer Rolle, auf dem entweder mit den Armen oder stehend balanciert werden kann.
Reaktion muss trainiert werden
Nach diversen Rumpfübungen absolvieren die beiden Fricktaler die ersten Beineinheiten. «Jeder macht nun zehn Kniebeugen – so schnell, wie es geht», weist Zimmermann die beiden Brüder an. Die Kniebeugen absolvieren sie am Squat-Rack, das Gewicht der Langhantel ist mit 60 Kilogramm für zwei sportliche Männer relativ tief. «Meine Aufgabe ist es, die Muskeln der beiden immer wieder zu kitzeln», erklärt Zimmermann. Durch das regelmässige gezielte Ansteuern der Muskulatur sollen die Schwinger auf den Moment genau parat sein. «Kniebeugen trainieren wir deshalb mit einem mittleren Gewicht, um den Muskelfasern noch etwas ‹Speuz› zu geben», sagt Zimmermann.
Die Reaktionsfähigkeit ist im Schwingen essenziell. Die Athleten müssen innert kürzester Zeit auf die Angriffe ihrer Gegner reagieren und Unachtsamkeiten schnell ausnützen können. Um die Reflexe der «Schmid Buebe» zu verbessern, hat sich Zimmermann diverse, sehr simple Übungen einfallen lassen: Die Brüder sitzen mit den Händen auf dem Rücken auf einem alten Ledersessel und versuchen, einen Ball zu fangen, den Zimmermann vor ihren Augen fallen lässt. Danach wird die Aufgabe wiederholt, jedoch nicht mehr sitzend, sondern in der Hocke. Nur noch der hintere Teil des Gesässes berührt den Sessel. Somit sind die Beine angespannt und es ist deutlich schwieriger, sich nur auf den Ball zu konzentrieren.
Die Übung wird noch komplizierter: Nun wird sie stehend und mit zwei Gegenständen absolviert: einem Feuerzeug und einem aufgerollten Verband – was halt gerade so griffbereit im Raum liegt. Was einfach aussieht, hat es in sich. Häufig fallen die beiden Dinge zu Boden. Die drei Männer nehmen es mit Humor. Die Stimmung im Team ist gut und es fallen regelmässig ein paar Sprüche.
Sprints im Schopf
Nach den Reaktionsübungen werden die Beinmuskeln nochmals gefordert, denn es geht um die Königsdisziplin im Schnellkrafttraining: Sprints. Dafür eignet sich der Schopf mit den eingestellten Traktoren und Landmaschinen perfekt. Die beiden Brüder rennen über den Betonboden, bremsen geschickt, drehen ab und spurten wieder in die andere Richtung los. Nach wenigen Sekunden ist die erste Runde vorbei.
Nach mehreren Sprintrunden werden in der grossen Halle noch ein- und zweibeinige Sprünge trainiert, die nicht nur die Oberschenkelmuskulatur aktivieren, sondern auch die Waden strapazieren. Während der Sprünge kriegen die Schwinger zweimal Besuch. Einmal vom neugierigen Hofhund und einmal von ihrer Mutter mit dem im Kinderwagen liegenden Baby von David Schmid.
Um das Training abzuschliessen, werden im Fitnessraum noch «Bulgarian Split Squats» absolviert, also einbeinige Kniebeugen, bei denen der eine Fuss hinter dem Körper auf einer Bank abgestützt ist und die Kraft somit nur aus dem vorderen Bein kommt. Zudem machen die Brüder eine Übung, die von aussen ziemlich amüsant aussieht. Auf Kommando von Zimmermann müssen sie ihren ganzen Körper für zwei Sekunden anspannen. Sei es in gerader Haltung oder in der Haltung für einen Wurf ihrer Wahl. Diese Übung hilft besonders bei der Prävention von Verletzungen. Speziell David Schmid wird dabei immer gut von Zimmermann beobachtet. Er ist etwas angeschlagen und hat Schmerzen im Nacken. «David ist ein sehr wendiger Schwinger, er schafft es oft, sich noch im letzten Moment beim Bodenkampf zu drehen. Das geht natürlich voll auf den Nacken», sagt Zimmermann. Er gibt ihm Ratschläge, wie er die selbstständigen Trainings aufbauen und welche Übungen er unterlassen soll.
Grosse Ziele in Pratteln
Verletzungen beim Schwingen betreffen häufig die Gelenke. «Ellbogenverletzungen gibt es regelmässig», sagt Zimmermann. Die Kräfte, die in einem Sägemehlring wirken, sind immens. Gewisse Schwinger wiegen 150 Kilogramm. Wie sich das anfühlt, wenn sich ein solch stämmiger Mann auf einen wirft, ist nur schwer vorstellbar. «Wenn man mit dem Gegner zusammen ins Sägemehl fällt, ist es nicht so schlimm.» Der Körper sei dann überall angespannt, deshalb tue das nicht so weh. Viel schlimmer sei es, wenn man vom Gegner ins Sägemehl geworfen werde und er sich dann erst auf einen stürze. Nach dem ersten Aufprall verliere der Körper die Spannung und sei auf das von oben kommende Gewicht nicht vorbereitet, erklärt Samuel Schmid.
Auch am Esaf werden die beiden Fricktaler von Zimmermann begleitet. «Dann betreue ich alle Schwinger des Nordwestschweizer Verbandes. Auf meine beiden Schützlinge lege ich aber ein besonderes Augenmerk», so Zimmermann lachend. Für das «Eidgenössische» haben die Gebrüder Schmid hohe Ziele: «Wir wollen einen Kranz gewinnen», sagen sie unisono. Einen Tipp abgeben, wen sie als Favoriten sehen, wollen die beiden nicht. «Das machen Schwinger nicht», sagt Samuel Schmid. David Schmid ist der Meinung, dass an einem Esaf sowieso alles möglich sei und kein Schwinger unterschätzt werden dürfe. Auf die Stimmung in der Arena freuen sich beide enorm. «Es ist immer speziell an einem ‹Eidgenössischen›. Wenn es aber noch fast zu Hause stattfindet, ist das nochmals eine andere Dimension.»