Der Filmjäger und -sammler
26.07.2022 BaselbietValentin Zumsteg
Alte Filmrollen stapeln sich im Büro von Ruedi Wullschleger in Kaiseraugst. Mit einem Filmbetrachter kann der 76-Jährige die historischen Aufnahmen im Schnelldurchlauf visionieren und herausfinden, ob etwas dabei ist, das für ihn von Wert ist. «Pro zehn ...
Valentin Zumsteg
Alte Filmrollen stapeln sich im Büro von Ruedi Wullschleger in Kaiseraugst. Mit einem Filmbetrachter kann der 76-Jährige die historischen Aufnahmen im Schnelldurchlauf visionieren und herausfinden, ob etwas dabei ist, das für ihn von Wert ist. «Pro zehn Filmrollen ist im Durchschnitt eine für mich interessant», erzählt er. Der älteste Film, den er in den vergangenen Monaten aufgestöbert hat, stammt aus dem Jahr 1927 und zeigt die Holzflösserei bei Rheinfelden.
Wullschleger, der in Rheinfelden aufwuchs, ist ein Jäger und Sammler – er sammelt alte analoge Filmaufnahmen. Dabei recherchiert er geduldig und akribisch. «Das ist hochinteressant. Ich komme mit vielen Leuten in Kontakt.» Er steigt aber auch in Zeitungsarchive, um die Geschichte hinter den Aufnahmen zu beleuchten.
Angefangen hat alles mit einer Reise nach Italien, die er zusammen mit einem Jugendfreund unternommen hatte. Dieser besass eine Filmkamera. «Ich habe ein kleines Drehbuch geschrieben, und wir haben einen Film über unsere lustigen Streiche gedreht.» Da hat er Feuer gefangen. Später lieh er sich für eine Studentenreise in die Türkei ebenfalls eine Kamera aus. «Das Festhalten von Bewegung und Ton hat mich fasziniert.» So entwickelte er sich zu einem ambitionierten und leidenschaftlichen Amateurfilmer, der seine Werke liebevoll schneidet, vertont und Filmtricks einbaut.
Rheinfelder Erinnerungen
Im Lauf der Jahrzehnte begann er, ein Interesse für historische Filmaufnahmen aus der Region zu entwickeln. «Anlässlich einer Klassenzusammenkunft habe ich Aufnahmen des Rheinfelder Jugendfestes von 1958 zusammengeschnitten und meinen ehemaligen Schulkameraden gezeigt. Das kam sehr gut an», erzählt Wullschleger. Der Bildband «Fotografien einer Stadt: Rheinfelden 1860–1940» hat ihn ebenfalls fasziniert. Er hatte die Idee, dass es dazu eine filmische Fortsetzung und Ergänzung braucht. Daraus entstand sein neustes Projekt, das vor allem in der Corona-Zeit Fahrt aufnahm: «Rheinfelder Erinnerungen in Film, Ton und Text».
Es geht ihm dabei darum, einmaliges Filmmaterial von allgemeinem Interesse über Rheinfelden zu erhalten und zu digitalisieren. Aus dem Material produziert er Filme zu verschiedenen Themen. Sein erstes Werk in dieser Reihe beschäftigt sich mit den Rheinfelder Kadetten, die 1806 gegründet und 1972 aufgelöst wurden. Als Jüngling gehörte er, wie viele Rheinfelder Buben, selber zum Kadettenkorps. Sein Film zeigt unter anderem, wie die Kadetten jeweils am Rheinfelder Jugendfest mitmarschierten und wie sie 1956 ihr 150-Jahr-Jubiläum mit zahlreichen Gast-Delegationen feierten.
Technik und Geschichte
Ruedi Wullschleger studierte Vermessungsingenieurwesen. Bei der Fima Kern in Aarau war er zunächst als technischer Redaktor tätig, wechselte dann nach Bern zum Amt für Mass und Gewicht, heute Metas. Von dieser Tätigkeit profitiert er bei seinem Filmhobby, denn dort verband sich das Technische mit dem Historischen. «Wir mussten teilweise alte Mass- und Gewichtseinheiten recherchieren», erzählt der Vater von zwei erwachsenen Kindern, der heute mit seiner Partnerin in Kaiseraugst lebt.
Im Lauf der Jahre hat Wullschleger Perlen aus vielen Jahrzehnten entdeckt. Was ihm aber fehlt, sind historische Filmaufnahmen über den Kurbetrieb im ehemaligen «Hôtel des Salines» in Rheinfelden. «Ich würde gerne eine Dokumentation darüber produzieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es gar keine Aufnahmen gibt, doch bis jetzt habe ich noch keine gefunden. Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand Hinweise dazu hätte.»
Auch wenn Wullschleger viel Energie in sein Filmhobby steckt, gibt es doch eine Zeit, in der er das Thema ruhen lässt: Jeweils im Spätsommer und Herbst rückt nämlich «Hohlers Schoggi-Magenbrot» ins Zentrum. Die Familie seiner Partnerin Lucie Häring-Hohler produziert seit Jahrzehnten nach einem alten Rezept der Grossmutter die Süssigkeit und verkauft sie an der Kaiseraugster Chilbi und der Basler Herbstmesse. Da packt Ruedi Wullschleger jeweils kräftig mit an. Aber wer weiss – vielleicht entsteht ja irgendwann auch ein Film darüber.
Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der «Neuen Fricktaler Zeitung» entstanden.

