«Flüchtlinge brauchen eine Perspektive»
23.06.2022 Gelterkinden, VereineSander van Riemsdijk
Herr Rebmann, wie hat Ihr Engangement angefangen?
Hans Rebmann: Anfang 2016, auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise, moderierten die Kirchen von Gelterkinden und Umgebung zwei Anlässe, deren Ziel es war, Freiwillige, ...
Sander van Riemsdijk
Herr Rebmann, wie hat Ihr Engangement angefangen?
Hans Rebmann: Anfang 2016, auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise, moderierten die Kirchen von Gelterkinden und Umgebung zwei Anlässe, deren Ziel es war, Freiwillige, die sich für Geflüchtete engagieren möchten, zu motivieren und zu koordinieren. Im Anschluss daran entstanden verschiedene Aktivitäten: Eine Gruppe organisierte Deutschkurse, eine Gruppe stellte die Lindenhof-Tafel auf die Beine, eine andere Gruppe eröffnete den Treffpunkt im «Jundt-Huus». Insgesamt etwa 20 Freiwillige haben dann den Verein gegründet. Ich habe mich von Anfang an in erster Linie für den Treffpunkt eingesetzt.
Warum gerade das Flüchtlingswerk?
Ich suche gerne den Kontakt zu Menschen und betrachtete es als eine sinnvolle Aufgabe, diesen Flüchtlingen in ihrem Schicksal zu helfen und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Ich kann dabei auch selber viel lernen.
Wie viele Freiwillige unterstützen Sie momentan in Ihrer Arbeit und wie können diese die Flüchtlinge in ihrem Alltag unterstützen?
Wir sind ein Verein mit einem relativ kleinen, losen Netzwerk von Freiwilligen, deren Zahl sich immer verändert. Die Angebote unseres Vereins richten sich an alle, die sich angesprochen fühlen. Die Deutschkurse sind für Geflüchtete gedacht, die keinen bezahlten Deutschkurs besuchen können. Der Treffpunkt im «Jundt-Huus» ist für alle offen. Hier wird gespielt, geredet, Kaffee getrunken, gegessen, es werden Fragen beantwortet, Briefe übersetzt und vieles mehr. Die Lindenhof-Tafel hat sich zu einem wichtigen Angebot für Menschen in prekärer wirtschaftlicher Situation entwickelt, egal welchen Pass sie haben.
Welche Nationalitäten haben die meisten Flüchtlinge im Oberbaselbiet?
Es sind vor allem Menschen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, der Ukraine und Äthiopien. Momentan haben wir am meisten Kontakt zu Menschen aus Eritrea mit B-Ausweis, die sprachlich noch nicht gut integriert sind. Mit den Menschen aus der Ukraine haben wir eher wenig Kontakt. Die meisten aus der Ukraine Geflüchteten sind privat untergebracht. Die Gastfamilien haben in kurzer Zeit mit Unterstützung aus kirchlichen Kreisen ein eigenes Betreuungsangebot auf die Beine gestellt.
Was brauchen die Flüchtlinge am dringendsten, wenn sie ankommen?
Eine Perspektive. Die grösste Unsicherheit, die diese Menschen in ihrem Alltag begleitet, ist das Fehlen eines Bleiberechts. Kann ich hier bleiben und wie lange? Ebenso sind es die primären Bedürfnisse wie Kleider, Pflegemittel und anderes.
Wie reagiert die Bevölkerung auf Ihr Engagement, wie die Politik?
Das Echo auf unser Engagement aus der Bevölkerung und aus der Politik ist nicht so gross. Aber wer unsere Angebote kennt, reagiert positiv. Wir müssen den Leuten immer wieder die Situation der Geflüchteten erklären und auch, was wir genau machen. Mit der Sozialhilfebehörde pflegen wir einen regelmässigen Austausch.
Gibt es Unterschiede in der Betreuung von zum Beispiel syrischen und ukrainischen Flüchtlingen?
Wir sind für alle Geflüchteten da. Die Frage setzt voraus, dass Flüchtlinge aus einem bestimmten Land eine homogene Gruppe sind. Das sind sie aber nicht. Es gibt jedoch schon Unterschiede. Ukrainische Flüchtlinge erhalten in der Regel den Schutzstatus S und haben damit einige Vorteile gegenüber anderen Flüchtlingen mit Status F. Besondere Situationen erfordern oft besondere Massnahmen wie jetzt mit dem Gewähren des Status S für Menschen aus der Ukraine.
Was bedeutet der Weltflüchtlingstag für Sie persönlich?
Er ist eine gute Gelegenheit, auf die Probleme der Migration weltweit, in unserem Land und in unserem Dorf aufmerksam zu machen. Das Ziel vom «Mitenand-Fescht» ist die Möglichkeit, mit anderen Menschen aus anderen Kulturen zu feiern und einander kennenzulernen. Der Film im Kino Marabu will Anregung sein, sich mit dem Thema Flucht auseinanderzusetzen. Aus organisatorischen Gründen feiern wir in Gelterkinden den Tag eine Woche später als die Schweizerischen nationalen Flüchtlingstage.
Wo liegen die grössten Probleme, die überwunden werden müssen?
Wenn wir Menschen, die als Geflüchtete in die Schweiz gekommen sind, nicht mehr als Hilfsbedürftige wahrnehmen, die unsere Unterstützung brauchen, sondern als Nachbarn, Arbeitskollegin, Eltern von gleichaltrigen Kindern, zufällige Bekannte, dann ist ein erster grosser Schritt getan. Wenn ich jedoch offen oder versteckt höre, man müsse jetzt, da viele Flüchtlinge aus der Ukraine angekommen seien, die Politik gegenüber Wirtschafts- und Armutsflüchtlingen aus anderen Ländern deutlich verschärfen, dann sehe ich für die Zukunft schwarz.
Verein FFGU
svr. Der am 23. August 2017 gegründete Verein «Freiwillige für Flüchtlinge Gelterkinden und Umgebung» (FFGU) setzt sich mit humanitärer Hilfe für Geflüchtete in Not ein und unterstützt ein Netzwerk von Freiwilligen, das Angebote für Asylsuchende, Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten ermöglicht. Die FFGU orientieren sich in ihrer Arbeit an den Grundsätzen der Freiwilligenarbeit des Roten Kreuzes.
Anlässe diese Woche
svr. Im Rahmen des Weltflüchtlingstags und der nationalen Flüchtlingstage wird diese Woche in Gelterkinden an zwei Anlässen auf die Situation der Flüchtlinge in der Region aufmerksam gemacht. Organisator ist der Verein FFGU.
Kino im Marabu: Heute Donnerstag, 23. Juni, um 20.15 Uhr, zeigt das «Marabu» in Gelterkinden – zurzeit in der Rössligasse – den Film «Flee»: Ein Dokumentarfilm über Flucht, Migration und Identitätssuche im gegenwärtigen Europa.
«Mitenand-Fescht»: Am Samstag, 25. Juni, um 10 Uhr, findet auf dem Begegnungsplatz bei der katholischen Kirche in Gelterkinden ein «Mitenand-Fescht» statt. Geboten werden Musik und eine Festwirtschaft mit internationaler Küche. Die Festansprache hält Didier Pfirter, Sondergesandter des EDA fürs östliche Mittelmeer.