AUSGEFRAGT | PAUL HECHT, GEMEINDEPRÄSIDENT, WISEN
10.12.2021 Gemeinden, Gesellschaft, NaturJanis Erne
Herr Hecht, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erste Mal von den Bauplänen eines Windparks auf der «Wisnerhöchi» gehört haben?
Paul Hecht: Der Windpark wird direkt vor unserem Stubenfenster gebaut! Die Gemeinde Wisen liegt genau ...
Janis Erne
Herr Hecht, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erste Mal von den Bauplänen eines Windparks auf der «Wisnerhöchi» gehört haben?
Paul Hecht: Der Windpark wird direkt vor unserem Stubenfenster gebaut! Die Gemeinde Wisen liegt genau nördlich des geplanten Windparks und 100 Meter tiefer als die Fundamente der 160 Meter hohen Windräder. Zudem beträgt der horizontale Abstand zum Siedlungsgebiet minimal 450 und maximal 1000 Meter.
Was sprach aus Wisner Sicht gegen den Bau des Windparks?
Die geplanten Windräder im Süden von Wisen wären sehr gut sichtbar, und ein grosser Anteil des Siedlungsgebiets wäre vom Schattenwurf der Windräder betroffen gewesen. Das Landschaftsbild hätte sich massiv verändert: Aufgrund der exponierten Kretenlage wären die geplanten Windräder weiträumig sichtbar gewesen. Zudem wären mehrere kantonale und eidgenössische Natur- und Landschaftsschutzzonen sowie der Vogel- und Fledermausschutz tangiert gewesen. Die Auswirkungen auf die lokalen Naherholungsgebiete habe ich noch gar nicht ausgeführt.
Bitte.
Das Naherholungsgebiet Wisnerhöchi wäre massiv entwertet worden, denn es gibt einige Wanderrouten, die das Standortgebiet des Windparks durchquert hätten. Auch das Naherholungsgebiet Wisenberg mit dem Einzugsgebiet Olten und Oberbaselbiet wäre beeinträchtigt worden: Beim Blick nach Süden hätten nicht mehr die Alpen im Vordergrund gestanden, sondern die Windräder.
Nach dem Bekanntwerden der Baupläne erhielt der Wisner Gemeinderat von der Bevölkerung den Auftrag, sich gegen den Windpark einzusetzen. Wie genau sah dieser Auftrag aus?
2012 wurde im Rahmen der Gemeindeversammlung dem Gemeinderat die Motion «Schutz der Wisnerhöchi» übergeben – mit folgenden Forderungen: Der Gemeinderat soll die notwendigen Massnahmen ergreifen, um das Landschaftsbild der «Wisnerhöchi» zu schützen. Der Gemeinderat soll mit dem lokalen Energieversorger Kontakt aufnehmen und die Möglichkeiten abklären, ob an einem anderen, weniger exponierten Standort ein Windpark errichtet werden kann und ob Dachflächen für den Betrieb von Photovoltaikanlagen nutzbar sind.
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Verein «Wisnerhöchi ohne Windpark»?
Die Zusammenarbeit mit dem Verein war konstruktiv und gut organisiert. Bereits zu Beginn wurde festgelegt, dass sich der Verein auf die «subjektiven» Kriterien wie Sichtbarkeit, Schall- und Schattenschlag sowie Flora und Fauna konzentrieren soll. Demgegenüber fokussierte sich der Gemeinderat auf die «politischen» Kriterien wie die Juraschutzzone, das Gebiet des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler oder die kantonalen Naturschutzgebiete und führte betreffend Stellungnahmen einen regen Briefverkehr mit dem Amt für Raumplanung.
2015 liess die Planungsgesellschaft Trianel AG einen 99 Meter hohen Windmessmast aufstellen. Wie gross war die Angst dazumal, dass der Windpark kommt?
Damals wurden erste Bauten des künftigen Windparks erstellt und die Wisner Bevölkerung realisierte, dass es nun ernst wird. Jedoch wurde der Windmessmast auf dem Gebiet der Gemeinde Hauenstein-Ifenthal errichtet. Das hatte den Effekt, dass weniger Einsprachen gegen das Bauprojekt eingegangen sind und dass der Messmast von Wisen aus nicht einsehbar war. Doch der Verein «Wisnerhöchi ohne Windpark» hatte der Dorfbevölkerung schon ein Jahr zuvor mit speziellen Luftballons die tatsächliche Höhe der Windräder aufgezeigt.
Im Juni 2016 löste sich die projektführende Firma überraschend auf. Wie beurteilen Sie das Verhalten der Trianel AG aus heutiger Perspektive?
Privatwirtschaftliche Belange möchte ich nicht kommentieren. Als ressortverantwortlicher Gemeinderat von Wisen wäre ich aber schon sehr daran interessiert gewesen, Einsicht in die Daten der Windmessungen zu erhalten. Leider konnten wir die von der Trianel AG privat erhobenen Daten nie einsehen.
2017 wurde bekannt, dass der Wind für einen Windpark fehlt. Erst vier Jahre später strich der Kanton Solothurn den Windparkstandort «Wisnerhöchi» definitiv aus dem Richtplan. Weshalb dauerte das so lange?
Das ganze Anpassungsverfahren des Richtplans musste wieder rückgängig gemacht werden: Es brauchte Stellungnahmen der betroffenen Gemeinden Wisen, Trimbach und Hauenstein-Ifenthal, der Betreiberfirma und der zuständigen kantonalen Ämter. Letztendlich war noch ein Regierungsratsbeschluss erforderlich.
Was denken Sie, hätte der Widerstand von Wisen auch dann Erfolg gehabt, wenn es auf der «Wisnerhöchi» genügend Wind für einen Windpark gegeben hätte?
Ja! Der Kanton hat uns immer wieder zugesichert, dass ein Windpark nur über eine Änderung des kommunalen Nutzungsplans realisiert werden kann. Und der kommunale Nutzungsplan unterliegt der Gemeindeautonomie, sprich der Gemeindeversammlung.
Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Widerstand gegen den Windpark mit?
Um es mit einem Sprichwort zu sagen: «Steter Tropfen höhlt den Stein!» Zudem war es erfreulich zu sehen, dass die Gemeindeautonomie eine Realität ist. Die Wisner Dorfbevölkerung konnte gemeinsam etwas bewirken und das hat sie zusammengeschweisst.
Zur Person
je. Paul Hecht ist seit 2017 Gemeindepräsident von Wisen, zuvor amtete er bereits acht Jahre lang als Gemeinderat. Beruflich arbeitet der 57-Jährige als Tierarzt und ist Geschäftsleiter einer Kleintierpraxis in Sursee.

