«Ab 6 Hektaren kann ich davon leben»
05.10.2021 Baselbiet, LandwirtschaftMatthias Kasper produziert CBD-Hanf und folgt damit einem Trend, der auch Sorgen bereitet
Früher produzierte er «scharf», jetzt will Matthias Kasper mit dem legalen und nicht berauschenden CBD-Hanf seinen Lebensunterhalt bestreiten. Im Oktober wird das erste Mal geerntet. ...
Matthias Kasper produziert CBD-Hanf und folgt damit einem Trend, der auch Sorgen bereitet
Früher produzierte er «scharf», jetzt will Matthias Kasper mit dem legalen und nicht berauschenden CBD-Hanf seinen Lebensunterhalt bestreiten. Im Oktober wird das erste Mal geerntet. Strafverfolgungsbehörden wundern sich derweil über den neuen CBD-Boom und stellen immer mehr mit Chemie behandelte Blüten sicher.
Sebastian Schanzer
Ein Elektrozaun auf Kniehöhe und eine Überwachungskamera mitten im Feld soll die Pflanzen schützen – vor gefrässigen Tieren und vor den «Töfflibuebe», wie Matthias Kasper seine seltenen, aber unerwünschten Gäste nennt. Im Mai pflanzte Kasper auf einer von einem Bauern gepachteten Hektare Acker irgendwo im Oberbaselbiet rund 3800 Cannabis-Stecklinge von Hand an. In den kommenden zwei Wochen will er die herangewachsenen Pflanzen ernten, trocknen und die Blüten an seinen Zwischenhändler verkaufen. Rund 220 Franken bekommt er fürs Kilo derzeit. Statt der erhofften Tonne wird es nach diesem regnerischen Sommer wohl maximal 600 Kilo geben.
Gerade jetzt, da die Hanfblüten langsam reif sind und ihren charakteristischen Duft verströmen, übe das Feld eine erhöhte Anziehungskraft auf Jugendliche aus. Spätestens wenn sie das gestohlene Material rauchen, merken sie aber, was ihnen auch das Plakat vor dem Acker in grossen Buchstaben sagen will: Hier wird CBD-Hanf angebaut. CBD ist einer von vielen Inhaltsstoffen der Cannabispflanze. Im Gegensatz zum weit bekannteren THC weist es keine psychoaktive, also berauschende Wirkung auf. Seit gut fünf Jahren ist der Handel mit den CBD-Blüten, mit einem maximalen THC-Gehalt von 1 Prozent, in der Schweiz erlaubt. Der Anbau ist sogar seit 10 Jahren legal. CBD-Produkte gibt es heute an Kiosken und Tankstellen, Onlineshops oder spezialisierten Geschäften zu kaufen – Blüten, Öle, Liquids für E-Zigaretten, Tee, Kaugummi, bis hin zur Anti-Aging-Creme.
Nachdem der erlaubte Verkauf von CBD-Produkten 2016 einen regelrechten Boom auslöste, sanken deren Preise bereits 2018 wieder aufgrund sinkender Nachfrage. Die Coronavirus-Pandemie bescherte der Branche dann wieder einen gewaltigen Anschub, wie verschiedene Grossproduzenten gegenüber Medien verlauten liessen. Schweizweit wurden laut Bundesamt für Landwirtschaft im vergangenen Jahr auf 307 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche Hanf angebaut. Das ist mehr als das Doppelte von 2018. Ob es sich dabei um CBD- oder Industriehanf handelt, wird von den Behörden allerdings nicht erfasst. Im Baselbiet sind im laufenden Jahr lediglich zwei Betriebe mit einer Fläche von zwei Hektaren registriert.
CBD zum Ausstieg
Dem CBD wird eine beruhigende Wirkung nachgesagt. Konsumenten verwenden es zur Entspannung, für besseren Schlaf, oder zur Linderung chronischer Schmerzen. Das therapeutische Potenzial von CBD ist laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) bisher aber wissenschaftlich noch nicht oder nur ungenügend belegt. Konsumiert wird CBD in den meisten Fällen oral in Form von Öl oder durch das Rauchen der getrockneten Blüten.
Auch Matthias Kasper raucht täglich CBD-Hanf. «Für mich ist es der ideale Ausstieg vom THC-Konsum. Ich habe nach wie vor meinen Joint in der Hand, bleibe aber voll leistungsfähig.» Vor Jahren produzierte Kasper illegal Cannabis mit höherem THC-Gehalt. «Inzwischen habe ich Kinder und Familie. Da bin ich lieber auf die legale Schiene umgestiegen.»
Einem gewissen Misstrauen sei man als CBD-Produzent dennoch ausgesetzt. «Den Pflanzen sieht man ihren THC-Gehalt nicht an und natürlich findet auch Missbrauch statt», sagt Kasper. Gemeint ist einerseits die Gefahr, dass jemand angibt, CBD-Hanf anzubauen, in Wahrheit aber THC-haltige Pflanzen für den Schwarzmarkt produziert.
Im Kanton Baselland gibt es für die Produktion von CBD-Hanf keine Meldepflicht. Entsprechend haben die kantonalen Behörden auch keinen Überblick darüber, wer wo produziert. Flächendeckende Kontrollen sind so unmöglich (siehe unten). Allerdings: Für THC-haltiges Cannabis, das im Freien produziert wird, besteht kaum Nachfrage, ist Kasper überzeugt. Drogenhanf stamme vielmehr aus Indoor-Plantagen.
Gefährliche Manipulation
Kasper hat seine Hektare Hanf dennoch beim Kanton angemeldet. Schliesslich kommt im nächsten Jahr eine weitere Hektare hinzu und dabei soll es nicht bleiben. «Ab sechs Hektaren kann ich vom Hanfanbau leben. Das ist mein Ziel.» Entsprechend hat der gelernte Betonwerker ein Interesse daran, transparent und im Einklang mit dem Gesetz zu handeln. Im Übrigen verlangten seine Abnehmer auch Laboranalysen bezüglich THC-Gehalt seiner Pflanzen. Pro 50 Kilo schickt Kasper eine Probe von 10 Gramm ins Labor und legt den entsprechenden Nachweis seiner Lieferung bei.
Dass sich unter seinen Stauden keine «scharfe» Ware befindet, garantiere ihm auch der Samenlieferant. Die Schweizer Firma Fenocan ist ein europaweit führender Hersteller feminisierter Hanfsamen und vertreibt diese in der ganzen Welt – ein boomendes Geschäft, sagt Geschäftsführer Daniel Arnold. Seit 2019 habe das Unternehmen seine Samenverkäufe jedes Jahr verdoppelt. Rund zwei Jahre lang habe man an der Genetik der Samen getüftelt, unter anderem, damit die Blüten den THC-Gehalt von 1 Prozent nicht überschreiten.
Die der Pandemie zugeschriebene erhöhte Nachfrage nach CBD-Hanf könnte aber auch Hinweis auf eine problematische europaweite Entwicklung sein. Seit 2019 werden vermehrt Behandlungen von CBD-Blüten mit synthetischen Cannabinoiden festgestellt. Diese aufgesprühten Chemikalien werden im Labor hergestellt und haben eine deutlich stärkere Wirkung als pflanzliches THC. Gemäss Tox Info Suisse, der offiziellen Informationsstelle der Schweiz für Fragen rund um Vergiftungen, können die synthetischen Stoffe zu schweren Symptomen wie Unruhe mit gewalttätigem Verhalten, Muskelkrämpfen, epileptischen Krampfanfällen, Bewusstlosigkeit, Nierenversagen und Herzinfarkt führen.
Garantieren, dass dieser Missbrauch nicht auch mit seinen Pflanzen geschieht, kann Kasper nicht, auch wenn er seine Hand dafür ins Feuer legen würde. Auch hier sagt er: «Outdoor-Pflanzen sind für diesen Markt nicht interessant. Aber letztlich muss ich meinen Abnehmern vertrauen, dass sie das Material nur in seriöse Hände weitergeben.»
Die Manipulation von CBD-Blüten mit synthetischen Cannabinoiden bereitet den Baselbieter Strafverfolgungsbehörden Sorgen. Staatsanwalt Daniel Stehlin ist auf Drogenkriminalität spezialisiert und zeigt sich irritiert ob der regelrechten Explosion von hauptsächlich Indoor-Hanf-Plantagen auch im Baselbiet. Er ist überzeugt: «Um den Bedarf an legalen CBD-Produkten in der Schweiz zu decken, bräuchte es bestimmt nicht so viele Plantagen.» Das heisst, ein Anteil davon wird wohl für illegale Zwecke genutzt oder ins Ausland exportiert. Regelmässig stosse die Polizei auf behandeltes Cannabis, und auch die «Drug-Checking»-Stelle in Basel melde viele solcher Fälle. Erst am Samstag vor einer Woche konnte die Baselbieter Polizei rund 600 Gramm synthetisch behandeltes Gras im Laufental sicherstellen. «Wir gehen davon aus, dass die Manipulation der Blüten auch in der Schweiz stattfindet.» Dingfest machen konnte man einen Produzenten bisher aber noch nicht.

