Wie entwickelt sich unser Gehirn?
30.09.2021 RegionUnser menschliches Gehirn wird mit den typischen eindrücklichen Fähigkeiten wie Sprechen, Sehen, Denken, Abstrahieren, Erinnern, Vertrauen und vielem mehr in Verbindung gebracht.
Bei der Geburt sind praktisch keine dieser Fähigkeiten vorhanden. Meistens warten freudig ...
Unser menschliches Gehirn wird mit den typischen eindrücklichen Fähigkeiten wie Sprechen, Sehen, Denken, Abstrahieren, Erinnern, Vertrauen und vielem mehr in Verbindung gebracht.
Bei der Geburt sind praktisch keine dieser Fähigkeiten vorhanden. Meistens warten freudig gespannte Gesichter auf das erste mühsam produzierte Geschrei des Kindes, welches ab sofort auf Hilfe von aussen angewiesen ist. Es kann noch nicht richtig trinken, nicht essen, verdaut nur mühsam, muss gegen Umwelteinflüsse geschützt werden.
Die Reflexe und die Grundfunktionen wie essen, trinken, sexuelle Tätigkeit brauchen wir zum Überleben, unabhängig von unserer Intelligenz. Unsere Gene haben jedoch ein Gehirn vorbereitet, das viel dazulernen kann, und steuern diese Vorgänge entsprechend. Bei Säugetieren, zu denen auch der Mensch gehört, hat sich zusätzlich eine Hirnrinde gebildet, die Leistungen hervorbringt, auf welche wir stolz sind. Aber der Aufbau dieses sogenannten Neocortex, unserer Hirnrinde, wird von denselben Genen gesteuert wie die älteren Anteile. Deshalb unterscheidet sich unser Gehirn nicht von denen der Tiere, es hat nur Anteile, die allmählich in der Entwicklung dazugekommen sind und besondere Aufgaben übernehmen können. Grob gesagt sichern unsere alten, hergebrachten Hirnanteile unser Überleben, die neuen Anteile sind die Voraussetzung dafür, dass Sie diese Zeilen überhaupt lesen, darüber nachdenken und vielleicht auch weitergeben oder diskutieren können.
Allerdings kann die Hirnrinde auch zur Bedrohung der Natur werden, denn all unser Wissen und Wirken kann potenziell zu enormen Zerstörungen führen. Das Zusammenspiel von überlebenssichernden Hirnfunktionen und intellektueller Kontrolle ist wahrscheinlich für unsere Zukunft entscheidend. Dazu später mehr.
Wie lernt der Mensch dazu? Entscheidend sind die gemachten Erfahrungen und der Kontext, in dem jemand aufwächst. Das Gehirn sammelt ständig Erfahrungen und kann sie wieder abrufen; je öfter gebraucht, desto besser automatisiert. Hier sind zwei Begriffe wichtig, die in der Hirnforschung zunehmend bedeutend werden: das Konzept oder das Modell. Durch vergangene Erfahrungen kristallisieren sich ganze Einheiten von Vorstellungen heraus. Abhängig sind diese Erfahrungen von der Sippe, der Gesellschaft, der Umwelt, den herrschenden Wertvorstellungen und den Einflüssen des täglichen Lebens.
Jeder Mensch hat mit der Zeit für verschiedenste Problemstellungen sein persönliches Konzept und reagiert entsprechend. Es wählt unter Tausenden Lösungsmöglichkeiten in Blitzesschnelle eine aus. Die Auswahl geschieht nach dem Prinzip: Was ist das Ähnlichste, das ich kenne, was hat sich bisher bewährt? Und ganz wichtig: Schaffe ich das mit meinen Kräften? Hier wirkt wieder das schon erwähnte Budget im Hintergrund, das der bedeutendste Faktor für das Gehirn ist.
Angenommen, Sie geraten in eine unangenehme Situation in einer Menschengruppe. Dann hängt Ihre Entscheidung davon ab, ob sie allein sind, sich zumuten, eine Konfrontation einzugehen, es gewohnt sind, sich rauszuhalten oder früh genug der Angst nachzugeben und das Weite zu suchen. Ihr Konzept, das sich Ihr Gehirn im Lauf der Zeit angelegt hat, hilft Ihnen, rasch zu reagieren. Sie müssen nicht einmal lange überlegen und abwägen, denn die Entscheidung ist gefallen, bevor sie klar nachdenken können.
Die wichtige Rolle, welche die Konzepte und Modelle spielen, wird uns in Zukunft immer wieder vor Augen geführt werden.

