Die Schwester frisiert die Ehrendamen
02.09.2021 Baselbiet, SportSchwingen | Christine und Franziska Rickenbacher stehen am «Eidgenössischen» ihre Frau
Die Schwestern Franziska und Christine Rickenbacher aus Zunzgen erfüllen am «Eidgenössischen» in Pratteln besondere Aufgaben: Die eine zählt zu den Ehrendamen, die andere sorgt ...
Schwingen | Christine und Franziska Rickenbacher stehen am «Eidgenössischen» ihre Frau
Die Schwestern Franziska und Christine Rickenbacher aus Zunzgen erfüllen am «Eidgenössischen» in Pratteln besondere Aufgaben: Die eine zählt zu den Ehrendamen, die andere sorgt dafür, dass diese Frauen wunschgemäss frisiert und geschminkt sind.
Jürg Gohl
Sorgfältig zupft Christine Rickenbacher am Haarkranz ihrer Schwester. Sie, Franziska, genannt «Fränzi», sitzt im Stuhl, nickt zufrieden. «Hübsch», sagt Fränzi. Normalerweise trägt sie ihre Haare offen. Würde sie anstelle eines grünen T-Shirts der Offiziellen bereits die Baselbieter Tracht, die noch bei Schneiderin Marianne Gysin in Oltingen hängt, und im Arm einen Blumenstrauss tragen, so hätte man eine Parade-Ehrendame für das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Pratteln vor sich.
Obwohl: Ihr Beruf und ihre Sportart sind auf Anhieb mit dieser Rolle gedanklich nur schwer in Einklang zu bringen. Gelernt hat Franziska Rickenbacher den Beruf der Zimmerin, der weiblichen Entsprechung des Zimmermanns. Heute fährt sie mit dem Lastwagen Schiffscontainer durch das ganze Land. Dazu zählt die 1,91 Meter grosse, athletische Frau inzwischen zu den besten Schwingerinnen des Landes.
Ihre Rangierungen an den vier Schwingfesten, die in diesem Jahr bei den Frauen ausgetragen wurden, bestätigen das: Dritte, Dritte, Vierte, Zweite. In Couvet erreichte die 27-Jährige, die im Binninger Schwingkeller mit Männern trainiert, den Schlussgang. 2021 wurden zu ihrem Leidwesen keine Kränze abgegeben, sodass sie nie in den Genuss kam, vor jungen Ehrenmännern niederzuknien und sich den Kranz aufsetzen zu lassen – die Analogie zum Männerschwingen mit vertauschten Rollen.
Eine von zwölf Ehrendamen
Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in einem Jahr in Pratteln wird Franziska Rickenbacher in diese andere Rolle schlüpfen. Sie zählt zu den zwölf ausgewählten Ehrendamen. So wird sie drei Tage lang am Fest allgegenwärtig sein und als Krönung im wahrsten Sinne des Wortes den erfolgreichsten Athleten, nämlich maximal 18 Prozent der Teilnehmer, den Kranz aufsetzen. Von den zahlreichen Bewerbungen für die Aufgabe der Ehrendame wurden insgesamt 20 in die engere Wahl genommen. Nach einem mündlichen und einem schriftlichen Test sowie einem Fototermin wurde ein Dutzend sowie eine Ersatzfrau gewählt. Franziska Rickenbacher zählt zu den Auserkorenen.
Mit ihr im Einsatz wird in Pratteln auch ihre zwei Jahre ältere Schwester Christine Rickenbacher stehen, allerdings in einer etwas anderen Rolle: Sie wird mit drei Kolleginnen drei Tage lang dafür besorgt sein, dass die zwölf Ehrendamen stets fein frisiert und geschminkt sind. Sie führt in Sissach einen eigenen Coiffeur-Salon, und weil sie über ihre Schwester mit der Schwingerszene sogleich in Kontakt kam, war die Verbindung zu den Organisatoren des Esaf schnell geknüpft. Neben den Schwestern leisten auch die Eltern Rickenbacher, die in Sissach wohnen, einen Beitrag an das «Eidgenössische», indem sie eine Treichel an den Gabentempel beisteuern.
Die Vorgaben an das Coiffeusen-Quartett sind ziemlich konkret: Nur «natürliches» – das heisst kein übertriebenes – Schminken; alle Ehrendamen tragen langes Haar, das aber hochgesteckt sein muss und nicht über die Schultern oder ins Gesicht fallen darf. Farbe ist tabu. «Kompakt», fasst Christine Rickenbacher in einem Wort zusammen, was sie pro Ehrendame bis gegen 90 Minuten Zeit kosten wird. Sie freut sich darauf, zur Abwechslung neben modernen Frisuren des Alltags auch mal etwas Traditionelleres zu schaffen.
Exakt ein Jahr vor dem «Eidgenössischen» bot sich ihr am Samstag erstmals die Gelegenheit, ihre Fertigkeit öffentlich unter Beweis zu stellen. Am 28. August, 365 Tage vor dem Schlussgang 2022, traten die Organisatoren – mit Ehrendamen – um das Prattler Kultur- und Sportzentrum mit Informationsständen, einer Festwirtschaft, folkloristischer Unterhaltung und der Muni-Taufe an die Öffentlichkeit. So weckten sie Vorfreude auf den riesigen Anlass. Die beiden Rickenbacher-Schwestern waren als Coiffeuse beziehungsweise Ehrendame auch dabei.
Für Christine folgt am Samstag bereits der nächste Einsatz beim «Nordwestschweizerischen» in Zunzgen, wo die beiden Sissacherinnen inzwischen gemeinsam wohnen. Dann wird Christine Rickenbacher unterstützt von einer Berusfskollegin ihre Aufgabe als Coiffeuse wegen der Nähe gleich in ihrem eigenen Salon erledigen können. Arbeitsbeginn wird, wie beim «Eidgenössischen», um fünf Uhr in der Früh sein.


