AUSGEFRAGT | JENNIFER GRAF, PROJEKTLEITERIN FÜR PRÄVENTION IM INTERNET
03.09.2021 Baselbiet, GesellschaftDie App, die die Lernenden in ihrer Lehrzeit unterstützt
Jennifer Graf ist kantonale Projektleiterin bei der Lungenliga beider Basel. Seit 2016 steht für Lernende aus der ganzen Schweiz eine App zur Verfügung, welche deren Lebenskompetenzen verbessern soll. Dies in ...
Die App, die die Lernenden in ihrer Lehrzeit unterstützt
Jennifer Graf ist kantonale Projektleiterin bei der Lungenliga beider Basel. Seit 2016 steht für Lernende aus der ganzen Schweiz eine App zur Verfügung, welche deren Lebenskompetenzen verbessern soll. Dies in Deutsch, Italienisch und Französisch.
Christian Roth
Frau Graf, für wen wurde diese App entwickelt?
Jennifer Graf: Die Coaching-App «ready4life» wurde vor allem für Berufslernende entwickelt. Die App enthält Informationen zu den sechs verschiedenen Themen «Tabak & Nikotin», «Alkohol», «Stress», «Sozialkompetenzen», «Cannabis» und «Social Media & Gaming». Die Lernenden erhalten zu den Themen eine persönliche Rückmeldung und sehen sofort, ob sie gestresst sind oder ein mögliches Suchtverhalten im Alltag aufzeigen.
Beschreiben Sie die Vorgehensweise der Lungenliga. Wie erreichen Sie die Jugendlichen?
Als ersten Schritt gehen wir in die Berufsfachschulen oder Betriebe, um mit einem Vortrag über die Folgen und Schäden des Rauchens zu informieren. Während 45 Minuten werden die jungen Menschen auf die Problematik aufmerksam gemacht. Doch unser Fokus liegt nicht nur auf Tabak und Nikotin. Die App bietet ebenfalls Hilfe und Informationen für den Umgang mit Cannabis, Alkohol oder Stress. Ein grosses und aktuelles Thema ist die Suchtgefahr durch Social Media und Gaming, also das Spielen an Handy oder Computer.
Welche Sucht ist derzeit besonders ein Thema?
«Social Media & Gaming» ist aktuell sicher ein wichtiges Thema, was ein hohes Suchtpotenzial aufweist. Unser Modul «Social Media & Gaming» sowie auch «Stress» waren im letzten Schuljahr die meistgewählten Themen bei «ready4life».
Wird dieses Angebot auch genutzt?
Die Evaluationsergebnisse sind im Schuljahr 2020/21 erfreulich ausgefallen. Trotz der Covid-19-Umstände und der teilweise geschlossenen Berufsschulen konnten schweizweit rund 5890 Berufslernende für das Projekt begeistert werden.
Was kann diese App?
Der Nutzer kann in einen Chatdialog mit einem Chatbot (computergesteuertes System) treten und erhält Informationen, Aufgaben (Challenges) und Videos zu den diversen Suchtthemen. So kann sich der Nutzer auch anonym informieren, welche Probleme er/sie womöglich hat – und wo er/sie persönlich im Leben steht. Bei spezifischen Fragen werden auch Antworten und Tipps durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lungenliga persönlich im Chatverlauf in der App beantwortet.
Wird dieses Angebot auch hier in der Region genutzt?
Ja, in der Region Basel haben sich im letzten Schuljahr 865 Lernende aus 10 Berufsfachschulen und 8 Betriebe angemeldet. Alleine im Baselbiet wurde die App 477 Mal heruntergeladen und verwendet. Und toll ist, dass die Coaching-App sowohl bei Lernenden als auch bei Lehrpersonen und Ausbildungsverantwortlichen auf eine hohe Akzeptanz stösst. 70 Prozent der teilnehmenden Lernenden fanden die Informationen und Tipps hilfreich und auf ihre Bedürfnisse abgestimmt. Rund 77 Prozent würden nochmals am Programm teilnehmen, da es ihnen geholfen und auch Spass gemacht hat.
Hat sich das Suchtverhalten der jungen Menschen während Corona verändert?
Möglicherweise hat sich das Suchtverhalten der Jugendlichen durch Corona verändert, doch zum jetzigen Zeitpunkt gibt es noch keine vertrauenswürdigen Studien oder Erkenntnisse zu diesem Thema.
Über welchen Zeitraum wird das Tool angeboten?
Das Hilfsmittel steht den Anwenderinnen und Anwendern während vier Monaten zur Verfügung. Was aber nicht heisst, dass es alle bis zum Schluss nutzen müssen. Sie sind jederzeit frei, sich von dieser Plattform zu verabschieden. Wichtig in diesem Zusammenhang: Es werden keine Daten gesammelt.
Nützt die App auch etwas?
Was uns stolz macht, ist die Tatsache, dass die Lernenden, welche aktiv am Programm teilnahmen, ihren Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum signifikant verringert haben. Die App ist also eine richtige Erfolgsgeschichte.
Wie können Sie das kontrollieren?
Die Lernenden, die sich für «ready4life» anmelden, füllen zu Beginn eine Eingangsbefragung aus. Sie beantworten Fragen zu ihrem persönlichen Stressempfinden, ihrem Tabak- und Alkoholkonsum und ihren Sozialkompetenzen. Am Ende der 4 Monate beantworten sie die gleichen Fragen nochmals. So können wir diese Unterschiede feststellen. In diesem Schuljahr wird erstmals eine kontrollierte Studie durchgeführt, um die Wirksamkeit von «ready4life» mit einer Kontrollgruppe zu überprüfen.
Weiter erhalten wir auch positive Rückmeldungen von den Lernenden selbst, die sich bedanken und stolz erzählen, dass sie nun weniger oder sogar aufgehört haben mit dem Rauchen und dies mit der Unterstützung von «ready- 4life».
Zur Person
chr. Jennifer Graf (27) ist die kantonale Leiterin der Kinder- und Jugendprojekte der Lungenliga beider Basel. Graf kam vor fünf Jahren als Quereinsteigerin zur Lungenliga beider Basel, sie absolvierte zuvor eine Lehre als Bankkauffrau. «ready4life» ist ihr zeitintensivstes Projekt. Die App wird laufend betreut und weiterentwickelt. Auch diesen August erschien die «ready4life»-App in einem neuen, zeitgemässeren und benutzerfreundlicheren Design.

