«Ich gehe mit zwei lachenden Augen»
30.03.2021 GelterkindenSander van Riemsdijk
Der Abschied kommt mit grossen Schritten näher. In wenigen Tagen wird nach acht Jahren mit der Pensionierung von Evelyne Bauer Richter die Leitung des Zentrums für Sonderpädagogik «Auf der Leiern» in andere Hände übergehen. Mit der ...
Sander van Riemsdijk
Der Abschied kommt mit grossen Schritten näher. In wenigen Tagen wird nach acht Jahren mit der Pensionierung von Evelyne Bauer Richter die Leitung des Zentrums für Sonderpädagogik «Auf der Leiern» in andere Hände übergehen. Mit der Stabsübergabe am 1. April an René Zumsteg geht nicht nur eine Ära auf Leitungsebene zu Ende. In der achtjährigen Amtszeit von Evelyne Bauer Richter erfuhr das Zentrum auf verschiedensten Ebenen Erneuerungen.
Zurückblickend lässt Bauer Richter die vielen Veränderungen in ihrer Zeit als Institutionsleiterin Revue passieren. Neben dem intensiven Prozess der Digitalisierung ist die Einführung der integrativen Schule, die just mit ihrem Stellenantritt zusammenfiel, zentral: «Eine schwierige und belastende Zeit für mich und für alle im Zentrum eine grosse Herausforderung», sagt Evelyne Bauer Richter. Ein Systemwechsel, der für die weitere Zukunft des Zentrums einschneidend war und zuerst sinkende Belegungszahlen zur Folge hatte.
Änderungen mitgeprägt
Statt für Kinder mit einer körperlichen Beeinträchtigung wurde das Zentrum von Anfragen für die Aufnahme von Kindern überhäuft, die so starke Auffälligkeiten im sozialen und psychischen Bereich zeigten, dass ein normaler Unterricht in der Regelschule nicht möglich war.
Der Abschluss dieses grundlegenden Wandels vollzog die Institution mit dem Weggang der letzten Klientin mit einer körperlichen Beeinträchtigung vor vier Monaten. Eine Umbildung vom Heim für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und kognitiven Beschränkungen zu einem Zentrum für Sonderpädagogik für Kinder und Jugendliche mit speziellem Förderbedarf: Diese bedeutende Änderung im Auftrag des Zentrums wurde wesentlich von Evelyne Bauer Richter mitgeprägt.
Viel hat sie in diesen arbeitsintensiven Jahren dazulernen können, wie Evelyne Bauer Richter mit Dankbarkeit erläutert: «Ich habe in meinem ganzen Berufsleben immer wieder Herausforderndes und Neues lernen dürfen, aber sicher nicht so viel, wie in den acht Jahren im Zentrum. Es war eine bereichernde Zeit.»
«Gehe mit einem guten Gefühl»
Der Abschied fällt ihr schwer, weil sie sich von den Kindern und Mitarbeitenden verabschieden muss. Trotzdem geht sie mit zwei lachenden Augen: «Ich habe mit Herz alles gegeben für die Institution, für die Kinder und für die Mitarbeitenden», und schiebt nach: «Damit es allen gut geht und dass die Kinder sich im Zentrum aufgehoben und gefördert fühlen.» Resümierend fügt sie hinzu, dass ihr dies zusammen mit den Mitarbeitenden gut gelungen ist und sie deshalb mit einem guten Gefühl die Leitung der Institution an ihren Nachfolger Zumsteg übergeben kann.
Der Umstand, dass sie nun pensioniert wird, macht es ihr emotional einfacher, den Abschied zu akzeptieren. «Ich wechsle nicht in ein anderes Berufsfeld. Es ist einfach das Ende meines Berufslebens», sagt sie mit einem Hauch von Pragmatik in der Stimme. Der Zukunft für das im Dorf Gelterkinden gut integrierte Zentrum schaut sie mit Optimismus entgegen: «Die ‹Leiern› ist gut aufgestellt. Sie hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt und wird sich weiterentwickeln.» Dabei könnte sie sich im Sinne einer Empfehlung eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema Traumapädagogik gut vorstellen.
Stabsübergabe intensiviert
Der Leitungswechsel ist durch die Verantwortlichen von langer Hand eingefädelt worden. Bereits vor fast einem Jahr konnte das Bewerbungsprozedere mit der Wahl von René Zumsteg abgeschlossen werden. Damit wurde der Grundstein für eine qualitative und systematische Einarbeitung gelegt, die in den vergangenen vier Wochen vor der Stabsübergabe nochmals intensiviert wurde.
Mit einem Tagesausflug mit allen Kindern und Mitarbeitenden wollte Evelyne Bauer Richter sich in einem feierlichen Rahmen vom Zentrum verabschieden. Die Pandemie lässt dies zu ihrem Bedauern jedoch nicht zu. In einem kleineren Rahmen wird sie nun klassenweise von den Kindern und mit einem kleinen Apéro im Freien von den Mitarbeitenden Abschied nehmen.
An Ideen für die Zeit des Ruhestands mangele es ihr nicht, beteuert sie. «Ich habe mich jedoch ganz bewusst dafür entschieden, zuerst mal gar nichts zu machen, das mit Verpflichtungen verbunden ist.» Sie möchte vorerst die neu gewonnene Freizeit geniessen. «Langweilig wird es mir bestimmt nicht», sagt sie zu ihren Zukunftsplänen. Sie freut sich auf ihren Garten, auf das Lesen, ihre Enkelkinder und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Pandemie vorüber ist, möchte sie mit ihrem Mann auf Reisen gehen. Und schenkt sich damit Zeit für neue Erinnerungen.
Die abtretende Leiterin
svr. Evelyne Bauer Richter ist 64 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, vier Enkelkinder und ist in Reinach wohnhaft.
Sie hat in ihrem Berufsleben in verschiedenen Bereichen der Sozialpädagogik gearbeitet, unter anderem im Frauenhaus, mit beeinträchtigten Kindern in einer Tagesschule, im Jugendheim Erlenhof und auf dem Arxhof.
Sportlich betreibt sie die philippinische Stockkampfkunst und ist eine passionierte Hobbygärtnerin.
Der neue Institutionsleiter
svr. René Zumsteg ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von sieben und neun Jahren. Er ist in der Region Brugg wohnhaft. Er war 20 Jahre im Sozialbereich in verschiedenen Institutionen mit verhaltensauffälligen Kindern und auch körperlich beeinträchtigten Kindern und Erwachsenen tätig. In seiner letzten Funktion war er Bereichsleiter im Kinder- und Jugendbereich und als Mitglied der Geschäftsleitung für eine heilpädagogische Schule, ein Schulinternat und eine Kindertagesstätte mit insgesamt 80 Mitarbeitenden verantwortlich. René Zumsteg übernimmt am 1. April die Institutionsleitung.