Scheidegg – Wohnsitz der Herren von Gelterkinden
29.12.2020 GelterkindenDie Burg wurde vor 700 Jahren ein Raub der Flammen
In den Jahren 1970 und 1971 wurde die Burgruine Scheidegg archäologisch untersucht. Die Ausgrabungen ergaben zahlreiche neue Erkenntnisse über das Leben auf der Burg im 13. Jahrhundert und ihre Zerstörung.
Martin ...
Die Burg wurde vor 700 Jahren ein Raub der Flammen
In den Jahren 1970 und 1971 wurde die Burgruine Scheidegg archäologisch untersucht. Die Ausgrabungen ergaben zahlreiche neue Erkenntnisse über das Leben auf der Burg im 13. Jahrhundert und ihre Zerstörung.
Martin Stohler
Die Burg Scheidegg, seit Jahrhunderten dem Zerfall preisgegeben, befindet sich auf einem bewaldeten Höhenzug hoch über der Gemeinde Tecknau. Der Grossteil der Anlage liegt auf Gelterkinder Gebiet; wenige Meter südöstlich der Burgmauern steht der Grenzstein Nr. 1384, an dem sich die Banngrenzen der Gemeinden Tecknau, Rünenberg und Gelterkinden treffen.
Lange Zeit wusste man praktisch nichts über das Leben in der Burg. Das sollte sich erst ändern, als der Gelterkinder Tierarzt Erich Roost, Mitglied der kantonalen Kommission für archäologische Forschung und Altertumsschutz, im Dezember 1967 auf den pitoyabeln Zustand der Ruine aufmerksam machte und eine umfassende Grabung sowie Sicherungsarbeiten anregte. Nach einem Augenschein vor Ort im Mai des folgenden Jahres fasste die Kommission den Beschluss, die vom Verfall bedrohten Mauern zu sichern.
In den Jahren 1970 und 1971 wurde die Ruine unter der Leitung des Kantonsarchäologen Jürg Ewald ausgegraben. Bei den Ausgrabungsarbeiten, die während der Schulsommerferien stattfanden, kam in beiden Jahren auch eine grössere Anzahl junger Leute zum Einsatz. Die Konservierungsarbeiten wurden anschliessend an die Ausgrabung im Herbst 1971 in Angriff genommen und fanden im April 1974 ihren Abschluss. Die Ergebnisse und Erkenntnisse wurden im Jahr darauf in einem Forschungsbericht sorgfältig dokumentiert.*
Die Herren auf Scheidegg
Schriftlich erwähnt wurde die Burg erstmals im Farnsburger Urbar, einem Güter- und Abgabenverzeichnis, von 1372. «Aus diesem kurzen Quellentext», so der Burgenhistoriker Werner Meyer in der Publikation zur Grabung, «geht hervor, dass Scheidegg mit einem nicht näher beschriebenen Umschwung im Jahr 1372 Eigengut des Grafen Sigmund II. von Thierstein-Farnsburg gewesen ist und als Bestandteil der Herrschaft Farnsburg gegolten hat.»
Die Grafen von Thierstein-Farnsburg sind allerdings nicht die Erbauer und ursprünglichen Besitzer der Burg. Die thiersteinische Herrschaft Farnsburg wurde erst im 14. Jahrhundert aus vielen Einzelteilen ungleicher Herkunft zusammengefügt. Aufgrund der bei der Ausgrabung gemachten Kleinfunde lässt sich die Entstehungszeit der Feste aber in das frühe 13. Jahrhundert datieren. Erbaut wurde sie wohl von einer aus der reichen bäuerlichen Oberschicht Gelterkindens stammenden Familie, die in den Adelsstand aufgestiegen war und in Urkunden als Herren von Gelterkinden bezeichnet wird.
Nach 1308 brechen die urkundlichen Nachrichten über sie ab. Wenige Jahre später, circa 1320, wie Funde belegen, fiel die Burg einer Feuersbrunst zum Opfer. Was in der Folge aus dem Geschlecht wurde, wissen wir nicht.
Bau in zwei Etappen
Die Burg Scheidegg wurde in zwei Etappen gebaut. In der ersten Zeit bestand sie lediglich aus einem Wohnturm. In dessen Erdgeschoss befand sich wohl eine Küche, darüber ein Aufenthaltsraum und die Schlafkammern.
Später, nach den Funden zu beurteilen nach 1250, kamen zum Turm ein Wohn- und Wirtschaftstrakt mit einem kleinen Zisternenhof hinzu. In jener Zeit dürfte auch der nördliche Halsgraben ausgehoben worden sein.
Gleichzeitig oder vielleicht einige Jahre später wurde der Wohnturm durch eine Längsmauer unterteilt und der Keller ausgehoben. Im Parterre des Anbaus waren Pferde untergebracht, darüber befanden sich Wohngeschosse, unter anderem auch eine Stube, die mit einem Kachelofen beheizt werden konnte. In der Burg Scheidegg bewegte man sich auf engem Raum. Trotzdem lebte man hier in jenen Tagen komfortabler als in jedem Bauernhaus oder in mancher Stadtwohnung.
Die Burg Scheidegg wies einige fortifikatorische Elemente auf. Dazu bemerkt Werner Meyer: «Diese wehrhaften Bauteile machen aus der Burg freilich noch keine Festung. Scheidegg war in erster Linie der repräsentative Wohnsitz einer Adelsfamilie, wobei auch die wehrhaften Elemente Repräsentativcharakter haben.»
Landwirtschaft und Viehzucht
Zwar wurden bei der Ausgrabung Waffen gefunden. Jürg Tauber gab bei der Fundauswertung aber zu bedenken, dass Pfeileisen auch zum Jagdbedarf gehörten und an eigentlichen Kriegswaffen lediglich Dolche und ein Kettenhemd gefunden wurden. Gejagt wurden von den Herren auf Scheidegg, wie Knochenfunde zeigen, Hirsche, Hasen, Rehe, Wildschweine und Füchse. Zudem wurden auf Scheidegg auch Schweine und Ochsen, Hühner, Gänse und Enten als Haustiere gehalten und gegessen. Und schliesslich gab es auf der Burg Pferde.
Natürlich stand nicht nur Fleisch auf dem Speisezettel. Wie gefundene Sicheln und Hacken zeigen, wurde Gemüse und Getreide angepflanzt. Das Getreide wurde in Mörsern zerkleinert und in einer Trogmühle gemahlen.
Neben Viehzucht und Landwirtschaft fanden auf Scheidegg diverse handwerkliche Tätigkeiten statt. Werner Meyer bemerkte dazu mit Blick auf entsprechende Funde: «Werkzeuge und Geräte für Holz- und Metallbearbeitung sind dahingehend zu interpretieren, dass die Burgbewohner hölzerne und metallene Gegenstände des täglichen Lebens selber herstellen und reparieren konnten.»
Dabei pflegten die Herren von Gelterkinden auf Scheidegg einen Lebensstil, der, wie Werner Meyer bemerkt, «rustikale Einfachheit mit ritterlicher Repräsentation vereinigt». Für ihren Wohlstand spricht der Besitz von mehreren Pferden und kostbaren Gläsern sowie einem kunstvollen Handwaschgefäss.
Ein Ende mit Schrecken
Irgendwann um das Jahr 1320 brach im Anbau ein Brand aus. Das Feuer muss sich derart schnell ausgebreitet haben, dass nicht einmal die wertvollen Pferde gerettet werden konnten, wie die bei der Ausgrabung gefundenen Pferdeskelette bezeugen. Beim Brand stürzte der Boden des Obergeschosses ein. Im Brandschutt fand man neben den Überresten eines Kachelofens ein stark beschädigtes Aquamanile, ein Wassergefäss fürs Händewaschen, ferner Waffen, Werkzeuge sowie Geräte aller Art. Diese dürften zum Grossteil im oberen Stockwerk aufbewahrt worden und beim Brand in die Tiefe gestürzt sein.
Während der Anbau ein Raub der Flammen wurde, blieb der ältere Wohnturm wahrscheinlich vom Feuer weitgehend verschont. Dafür spricht, dass in seinem Bereich lediglich einige kleine Metallteile gefunden wurden. Jürg Tauber sah darin ein Indiz, dass der Turm die Katastrophe überstand und anschliessend geräumt wurde. Dabei nahm man auch das wertvolle Eisen mit. Nach dem Brand wurde die Burg nicht mehr aufgebaut, sondern aufgegeben. Die Gründe liegen im Dunkeln.
Im 16. Jahrhundert war die Ruine bereits stark zerfallen. Damals war es in ihrer Nähe, wie Christian Wurstisen in seiner «Basler Chronik» berichtet, «bey Nacht sehr ungeheuer». Auch am Tage prassle es dort oft im Gestrüpp, wie wenn «Kürisser», Kavalleristen mit Brustpanzer, vorbeireiten und aufeinandertreffen würden. Wissenschaftlich verwertbare Spuren scheinen jene wilden Reiter aber, anders als die einstigen Bewohnerinnen und Bewohner der Scheidegg, nicht hinterlassen zu haben. Jedenfalls ist man bei den Ausgrabungen nicht auf solche gestossen.
*Jürg Ewald, Jürg Tauber: «Die Burgruine Scheidegg bei Gelterkinden. Berichte über die Forschungen 1970–1974». Mit Beiträgen von Bruno Kaufmann, Werner Meyer und Rolf Schenker, 1975. – Eine moderne Rekonstruktion der Burganlage in 3D sowie ein 3D-Modell des Handwaschgefässes und eine ausführlichere Beschreibung des zunächst fälschlich als «Sturzhumpen» gedeuteten Destilliergefässes sind auf der Website von Archäologie Baselland (www. archaeologie.bl.ch) unter dem Suchbegriff Scheidegg zu finden.
Handwaschgefäss und Destillierhelm
sto. Zu den Fundstücken, welche die Grabungen in der Ruine Scheidegg an den Tag förderten, gehören auch ein kostbares Handwaschgefäss aus Bronze und ein kurioses Keramikgefäss.
Das Handwaschgefäss, ein sogenanntes Aquamanile, war beim Brand stark beschädigt und verformt worden. In jüngster Zeit konnte es dank 3D-Computertechnik rekonstruiert und ein Replikat hergestellt werden. Das Aquamanile stellt einen Hirsch mit vorgewölbter Brust, gespannten Hinterläufen und zottigem Fell dar. In seinem Nacken sitzt eine Schlange, die den Gefässgriff bildet.
Auf der Website der Archäologie Baselland heisst es dazu: «Der Hirsch galt im Mittelalter als das Sinnbild Christi, die Schlange als die teuflische Versucherin, als sein grösster Feind.» Körperhaltung und Zierdetails sprechen dafür, dass das Gefäss um 1230/40 in Hildesheim, damals ein herausragendes Zentrum der Bronzegiesskunst, hergestellt wurde. Das kostbare Objekt macht deutlich, dass die Herren auf der Scheidegg zu den gehobenen und vermögenden Gesellschaftskreisen gehörten.
Sehr speziell ist auch ein zuckerhutförmiges Gefäss, das innen und aussen glasiert und vom Kopf eines «Junkers» gekrönt ist, der keck unter seiner Mütze hervor in die Welt blickt. Die Ausgräber sahen seinerzeit darin einen mächtigen «Sturzhumpen», der an Gelagen die Runde machte, bis er leer war. Den Humpen konnte man nämlich nur leer abstellen, da er wegen seiner Form nur mit der Mündung nach unten hingestellt werden konnte. Dies und weitere Details schienen denn auch nicht so recht ins Bild zu passen. Jürg Tauber bemerkte im Grabungsbericht zum Gefäss: «Nur ein einziges vergleichbares Stück ist in der Literatur zu finden – aus einem römischen Gräberfeld!»
Die Deutung «Sturzhumpen» ist inzwischen Geschichte. Dies, nachdem die Archäologen verstanden hatten, dass eine ebenfalls bei der Grabung gefundene glasierte Keramikschale exakt zu dem merkwürdigen Teil passte. Damit wurde klar, dass es sich um einen Destillierhelm handelte. Ob damit Baselbieter Kirsch gebrannt wurde oder ob auf Scheidegg gar ein Alchemist am Werk war, bleibt ein Geheimnis.