CARTE BLANCHE
30.10.2020 PolitikGrenzen sind Illusion
Bálint Csontos, Landrat Grüne, Ramlinsburg
Am 31. Oktober gebe ich mein Amt als Präsident der Grünen Baselland ab. Die letzten drei Jahre waren lehrreich, schön, intensiv und haben mir viel Freude ...
Grenzen sind Illusion
Bálint Csontos, Landrat Grüne, Ramlinsburg
Am 31. Oktober gebe ich mein Amt als Präsident der Grünen Baselland ab. Die letzten drei Jahre waren lehrreich, schön, intensiv und haben mir viel Freude beschert. Und, am wichtigsten, Freundinnen und Freunde, die ich nicht mehr missen möchte. Seit ich mich dem «jungen grünen bündnis» angeschlossen habe, habe ich einiges gelernt und nehme noch mehr spannende Fragen mit in die Zukunft. Einige Gedanken möchte ich mit Ihnen teilen.
Politik ist Zeitgeschehen. Fortschritt entsteht durch Bewusstsein, Solidarität und Organisation: Wir Menschen sind dazu in der Lage, uns die materiellen und psychischen Ursprünge der herrschenden Verhältnisse bewusst zu machen. Wir empfinden füreinander, wir können uns selber im Gegenüber erkennen. Und wir sind zu gemeinsamem organisiertem Handeln fähig.
Kürzlich sagte Sergio Ermotti, CEO der UBS, in einem Interview (NZZ): «Zum Glück wachsen die grossen Vermögen weltweit doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung. Davon profitieren wir. Das macht mich zuversichtlich.»
Genau um diesen unterdrückerischen Vertretern des Kapitals ihre so schamlos zur Schau gestellte Macht zu entreissen, müssen sich jene, die den Fortschritt wollen, verbünden, über alle Grenzen hinweg!
Denn Grenzen sind Illusion, sie dienen der Unterdrückung und der Herrschaft des Nationalismus. Grenzen suggerieren, dass die Welt aufgeteilt sei in kleine, voneinander verschiedene und unabhängige Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Grenzen geben vor, dass es ein «wir gegen die anderen» gibt, dass sich die Interessen der Menschen weltweit widerstreiten. Aber die Klimafrage ist auch in Europa schon heute eine Verteilungsfrage, bereits in zehn Jahren wird diese Tatsache nicht mehr auszublenden sein. Die Antwort, die Europa heute gibt, ist ein militaristisches, von der realen Welt abgeschottetes und postkoloniales Europa. Dieses Europa lässt die Schwächsten zahlen für sein Versagen in Krisen. An den Grenzen dieses Europa werden jene Menschen, die auf eine bessere Zukunft hoffen, getötet, Menschenrechte haben dort keine Geltung.
Ist ein anderes Europa möglich? Ja: Wenn wir diesen Tatsachen ins Auge blicken, wenn wir beginnen, uns ein besseres Europa vorzustellen, wenn wir die Menschlichkeit unser politisches Handeln bestimmen lassen und wenn wir uns organisieren, um diesen modernen Feudalismus zu überwinden.
Politisches Handeln unter dem Zeitdruck multipler globaler Krisen des Kapitalismus sollte bedeuten, stets jene Eigenschaften in uns zu suchen, die es schön machen, unter Menschen zu leben: Vorstellungskraft und Fantasie, Einfühlungsvermögen und Friedfertigkeit. Es geht darum, gemeinsam mit Freunden die Zukunft ins Heute zu holen.
Politisches Handeln muss bedeuten, genau hinzusehen: Politik liegt im täglichen Leben, in den materiellen Verhältnissen, in der Art, wie wir uns und andere betrachten. Politik liegt nicht zuletzt auf der Strasse und in der Repression, die all jene erfahren, die sich eine gerechte und friedliche Welt wünschen. Und Politik beginnt damit, das eigene Privileg zu kennen.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

