AUSGEFRAGT | ALEXANDRA GNOS, REISEBERATERIN, SISSACH
19.06.2020 Baselbiet, Wirtschaft, Gesellschaft«Die Schweizer sind noch sehr vorsichtig»
Ende 2019 übernahm Alexandra Gnos-Bütikofer das Reisebüro Sissach, in dem sie viele Jahre als stellvertretende Geschäftsführerin gearbeitet hatte. Nur wenige Monate später stürzt die Tourismusbranche in eine tiefe Krise. ...
«Die Schweizer sind noch sehr vorsichtig»
Ende 2019 übernahm Alexandra Gnos-Bütikofer das Reisebüro Sissach, in dem sie viele Jahre als stellvertretende Geschäftsführerin gearbeitet hatte. Nur wenige Monate später stürzt die Tourismusbranche in eine tiefe Krise. Trotzdem bleibt die Reiseberaterin optimistisch.
Julia Kaufmann
Frau Gnos, vor nicht allzu langer Zeit haben Sie das Reisebüro übernommen und müssen nun diese Krise meistern. Wie gehen Sie damit um?
Alexandra Gnos: Die vergangenen drei Monate waren sehr intensiv. Am 15. März habe ich durch das Radio erfahren, dass ich das Reisebüro bis auf Weiteres schliessen muss. Das kam sehr plötzlich und ich musste von heute auf morgen alles umstellen, damit meine langjährige Mitarbeiterin und ich von Zuhause aus weiterarbeiten konnten. Wir wurden von unseren Kundinnen und Kunden mit E-Mails überflutet, da sie besorgt und verunsichert waren. Wir waren für sie rund um die Uhr erreichbar und haben viel Arbeit in die Rückführung von Urlaubern und die Bearbeitung der vielen annullierten Reisen gesteckt, ohne dass wir jeglichen Umsatz verzeichnen konnten. Wir warten bis heute auf mehrere Tausend Franken Rückerstattung für annullierte Flüge.
Sind die Löhne gesichert?
Für meine Mitarbeiterinnen habe ich sofort Kurzarbeitsentschädigung beantragt, jedoch dauerte es über zwei Monate, bis diese ausbezahlt worden war. Ich als Inhaberin hatte ebenfalls Anrecht auf eine Entschädigung für Erwerbsausfall, die aber bis zum 16. Mai begrenzt war.
Wie eng wurde es für Sie finanziell?
Da ich erst seit vier Monaten Inhaberin des Reisebüros bin, sind noch keine finanziellen Reserven vorhanden, auch wenn das Geschäft vor der Coronakrise sehr gut lief. Ich arbeite nun schon viele Jahre in der Tourismusbranche, doch solch eine schwere Krise habe ich noch nie erlebt. Nicht einmal nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 waren die Einbussen so hoch wie jetzt.
Über drei Monate waren Reisen ins Ausland nicht möglich. Blieben Ihre Kundinnen und Kunden trotzdem unternehmungslustig und haben stattdessen Reisen innerhalb der Schweiz unternommen?
Das kann ich nicht so genau sagen. Unser Angebot an Reisen im Inland ist eher klein, wir bieten vor allem Auslandsreisen an. Zudem werden Ferien in der Schweiz oft direkt online gebucht.
Am 15. Juni haben zahlreiche Länder ihre Einreiserestriktionen gelockert. Was genau ist jetzt wieder möglich?
Viele Länder in Europa haben ihre Grenzen für Touristen nun wieder geöffnet, allerdings gelten vielerorts noch Beschränkungen. Die genauen Richtlinien werden regelmässig aktualisiert, sodass wir uns täglich informieren müssen, ob es weitere Lockerungen gegeben hat. So wurde für uns die Planung von Reisen viel aufwendiger.
Nutzen die Baselbieter diese Möglichkeit denn auch?
Viele sind immer noch sehr vorsichtig, was das Reisen betrifft. Obwohl die Sommerferien vor der Tür stehen, es zahlreiche Lockerungen gegeben hat und der Flugbetrieb Schritt für Schritt wieder aufgenommen wird, konnten wir noch nicht sehr viele neue Buchungen verzeichnen. Viele Kunden lesen auch viele Unwahrheiten im Internet und sind dadurch verunsichert. Daher raten wir ihnen, sich direkt an uns zu wenden, um aktuelle Informationen zu ihrer Traumdestination zu erhalten, anstatt im Internet selbst auf die Suche zu gehen. Die Angaben, die wir ihnen mitteilen, stammen aus geprüften und verlässlichen Quellen.
Sind Auslandsreisen nun unbedenklich? Was sagen Sie Ihren Kunden?
Befolgt man die Verhaltens- und Hygieneregeln, wie sie auch hier in der Schweiz gelten, ist das Ansteckungsrisiko stark verringert. Vor allem südliche Länder, die besonders vom Tourismus abhängig sind, bemühen sich, dass diese Massnahmen eingehalten werden können. Ferienländer wie beispielsweise Griechenland, Kroatien, Portugal und Italien hoffen, ihre Sommersaison noch retten zu können, so gut es geht.
Was sagen Sie zur CO2-Abgabe? Werden in Zukunft weniger Flugreisen gebucht werden?
Ich persönlich befürworte sie. Flugtickets wurden immer billiger, das konnte nicht mehr so weitergehen. Dass die Schweizer nun viel weniger fliegen werden, denke ich eher nicht. Im Moment fehlt vielen einfach noch der Mut, sich in den Flieger zu setzen. Der Preis spielt hier eine Nebenrolle.
Wie geht es für Sie und Ihren Betrieb nun weiter? Was erwarten Sie?
Wir sind optimistisch, dass wieder bessere Zeiten kommen werden. Nach so langer Zeit ohne Reisen hat sicher der eine oder andere gemerkt, wie sehr ihm diese Freiheit fehlt und was für ein Privileg das eigentlich ist. Nun hoffen wir, dass Reisefreudige bald wieder unbeschwert in die Ferien fahren können.

