Harald macht blau
29.05.2020 SissachInseln sammeln im Südpazifik, Teil 1: Moorea, Gesellschaftsinseln
Die Ankunft am Flughafen von Papeete ist grossartig: Man wird mit Musik empfangen! Drei echte Polynesier stehen auf einer kleinen Bühne, singen Lieder aus Tahiti, spielen Ukulele und Gitarre. Da nur alle paar ...
Inseln sammeln im Südpazifik, Teil 1: Moorea, Gesellschaftsinseln
Die Ankunft am Flughafen von Papeete ist grossartig: Man wird mit Musik empfangen! Drei echte Polynesier stehen auf einer kleinen Bühne, singen Lieder aus Tahiti, spielen Ukulele und Gitarre. Da nur alle paar Stunden ein internationaler Flug ankommt, legt man sich nach dem Einsatz auf der Bühne hin und schläft ein.
Hanspeter Gsell
Eine freundliche Taxifahrerin bringt uns gegen Mittag zum Fährhafen. Auf unsere Frage, weshalb Taxis offensichtlich nur von Frauen gefahren werden, meint sie süffisant, die Männer hätten anderes zu tun. Um was es sich dabei handeln könnte, sagte sie uns nicht.
Natürlich hätte man nach Moorea auch fliegen können. Doch nachdem 1995, einige Wochen nach unserem ersten Flug von Papeete nach Moorea, das Flugzeug in die Meerenge zwischen den beiden Inseln geplumpst war, hält sich unser Vertrauen in Grenzen. Sie meinen, man hätte sich ja die Rettungswesten überziehen können? Nein, in einer (FLUG- ?)Tiefe von 1500 Metern lassen sich die Dinger weder anziehen noch aufblasen.
Die Fahrt mit der Fähre jedoch war erholsam, trocken und vergnüglich. Auf dem Mitteldeck studierte eine Gruppe Schüler einen einheimischen Tanz ein. Ein paar Geschäftsleute blätterten in ihren Akten, Touristen fotografierten sich gegenseitig oder machten Selfies, Reisende beobachteten das Ganze.
In der Ferne sieht man die markanten Konturen der Insel Moorea. Auf einem Gebiet von nur 133 Quadratkilometern leben 17 000 Einwohner. Ich werde nicht nachzählen. Genauso wenig wie ich die Ringstrasse (62 km) ausmessen, noch den Mont Tohivea mit seinen 1207 Metern besteigen werde.
Moorea soll «Gelbe Eidechse» bedeuten, erklärt uns ein Mitreisender ungewollt. Irgendwie mag ich das nicht glauben. Ob er sich in der Farbe geirrt hat? «Heute blau und morgen blau, und übermorgen wieder!», lautet der Refrain eines alten deutschen Trinkliedes. Das «Blau» jedoch bekommt in Polynesien eine völlig andere Bedeutung. Wissen Sie, wie viele Blautöne es gibt? Harald Schendera hat auf seinem Blog «Mitternachtsblau» deren 272 aufgelistet. Während ich an diesem Text werkle, fällt mein Blick auf die Lagune von Moorea und ich bin sicher, dass es noch wesentlich mehr Blautöne gibt.
Ein Plagiat
Wenn ich mich durch Reiseführer und Reiseblogs wühle, dann frage ich mich manchmal, ob die Verfasser wirklich hier waren, oder ob sie ihre frisch-fröhlichen Texte nicht irgendwo abgekupfert haben. Ist es nicht ein plagiarius, ein Dieb geistigen Eigentums, ein «Plagööri» eben, oder ein Seelenverkäufer und Menschenräuber, wie man das lateinische Wort auch übersetzen kann, der sich solche Sätze zu eigen macht? Ist ein Plagiat immer noch ein Plagiat, wenn es zum dritten Mal verwendet wird, dazu noch verfälscht und abgeändert wurde?
Doch solche Gedankenspiele kümmern mich im Moment wenig. Ich sitze am Strand, blicke auf die Lagune und höre das ferne Donnern der sich am Saumriff brechenden Wellen. Der Gott der Farben hat tüchtig in seinen Kübeln gerührt und das Ganze mit blauer Farbe übergossen. Dann hat er sich ausgeruht, die Wolken vertrieben und die Insel mit Sonnenstrahlen überzogen. Eine Art Schöpfungsgeschichte, täglich neu inszeniert. Dem insularen Wettergott ist es völlig egal, dass Regenzeit angesagt ist. Das Klima könnte nicht besser sein, mit dem Regen experimentiert er vorwiegend nachts.
Donnermacher
Nur mit dem Donnermacher hatte sich der Wettergott vor einigen Tagen angelegt. Dieser fühlte sich wohl übergangen und veranstaltete zwischen den Spitzen des Mont Tohivea und des Mont Tautuapae ein gewaltiges Donnerwetter. Hinter unserem Bungalow schien der Himmel zu explodieren, die Palmen verneigten sich angstvoll, die Brotfruchtbäume wankten bedrohlich. Es regnete nicht, es schüttete aus vollen Kübeln; während zehn Minuten.
Denn bereits am frühen Morgen des nächsten Tages hatten sich Wettergott und Donnermacher auf einen Kompromiss geeinigt: Man verzog sich zusammen in die Berge und legte sich schlafen.
Am Strand versucht ein Hund, Krabben zu fangen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, so die Besitzerin, lässt sich dieser nicht mehr in die Nase beissen und ist manchmal sogar erfolgreich bei seiner Jagd.
Auf einer Mauer hat sich eine Katze breitgemacht: Eine Hinterpfote sowie den Schwanz lässt sie auf einer Seite des Mäuerchens hinunterhängen, eine Vorderpfote dient als sanfte Unterlage für den Kopf. Ob sie wohl träumt? Die vorbeihuschenden Mäuse interessieren sie nicht. Die kleinen, farbigen Vögel im benachbarten Strauch tanzen einen Tango vor ihrer Nase.
Ähnlich unbeeindruckt geben sich die Haie vor unserer Hütte.Weiss- und Schwarzspitzenhaie durchqueren die Lagune. Die Flossen lugen dabei neckisch aus dem flachen Wasser, die Szene erinnert mich an eine alte Karikatur. Unter dem Jetty, dem Bootssteg, haben sich einige Ammenhaie zur Ruhe gelegt. Darunter befinden sich auch grosse, stattliche Exemplare. Ich gehe davon aus, dass man schlafende Haie nicht wecken sollte.
Über dem Wasser hat sich ein Bouquet aus Iod, Algen und getrocknetem Salz wie unter einer Käseglocke gefangen, es vermischt sich mit dem Geruch der Uferzone. Es riecht nach Vegetation, nach tropischen Pflanzen, Muscheln, Krabben und Seegras.
Viele Inseln haben ihre ureigenen Duftmarken hinterlassen. So gab es früher Seeleute, die einzelne Inseln mithilfe ihrer Nase riechen und so bestimmen konnten. Dazu gehörte auch Tahiti, genauer gesagt die Meeresenge zwischen Moorea und Tahiti. Zu gewissen Tageszeiten, wenn die Fallwinde durch die Täler Mooreas zum Meer drängten, vermischten sie sich mit dem reichen und überwältigenden Geruch von Vanille.
In loser Folge erscheint in der «Volksstimme» die fünfteilige Serie zur Reise des Sissachers Hanspeter Gsell von den Gesellschaftsinseln über den Tuamotu-Archipel und die Gambierinseln zum südlichsten Archipel Französisch-Polynesiens, den Austral-Inseln. Die Reise fand im Frühjahr 2019 statt.