Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet
19.07.2019 GesellschaftZur «Herzblut»-Kolumne «Ich verrate niemals, wo I. D. liegt» in der «Volksstimme» vom 16. Juli, Seite 6
Eine wunderbar treffende Beschreibung, wie die heutige Konsumgesellschaft subito ihre erträumten Paradiese zertrümmert, aber auch aufzeigt, ...
Zur «Herzblut»-Kolumne «Ich verrate niemals, wo I. D. liegt» in der «Volksstimme» vom 16. Juli, Seite 6
Eine wunderbar treffende Beschreibung, wie die heutige Konsumgesellschaft subito ihre erträumten Paradiese zertrümmert, aber auch aufzeigt, dass es doch anders ginge!
Ein positives Beispiel für mich ist die Ostfriesische Insel Juist, das autofreie «Töwerland» (Zauberland): Diese fragile Insel liegt im Unesco-Weltnaturerbe Wattenmeer. Den Insulanern und ihren immer wiederkehrenden Gästen wuchs die Erkenntnis, dass nur die Beschränkung der Gästezahlen und möglichst ökologisches Handeln ein Überleben sichern.
Dank all dieser Anstrengungen wurde Juist – verdient – mit mehreren Auszeichnungen in den Bereichen nachhaltiger Tourismus und Naturschutz geehrt.
Und das bittere Gegenteil? Ja – das haben meine Frau und ich vor wenigen Jahren in der Cinque Terre erlebt. Dieser wilde ligurische Küstenstreifen inmitten des «Parco Nazionale della Cinque Terre» war einst ein Geheimtipp für Natur- und Wanderfreunde. Und heute: Eine schier unerträgliche Überschwemmung durch asiatischen und amerikanischen Massentourismus – die Schwalbennest-Dörfer wirken wie verstopfte Pumpstationen! Touristinnen und Touristen tigern mit dem Handy vor der Nase durch die Gegend, müssen alle paar Meter ein Selfie produzieren, es sofort nach Hause schicken und dann hopp – weiter.
Und weshalb kam das so weit? Wir erfuhren, dass der frühere Direktor des Nationalparks in illegalen Geschäften mischelte und die Vermarktungsrechte dieser Destination an einen neuseeländischen Konzern verkauft hatte. Und das bewirkte dann die asiatisch-amerikanische Flut. Er landete im Gefängnis und intime Kenner der Cinque Terre prophezeien den schleichenden Untergang dieses einstigen Paradieses. Warum? Die jun- gen Einheimischen sind nur noch aufs schnelle Geld aus – verlassen die Gegend, sobald das Portemonnaie voll ist.
Dann fehlen fähige und willige Arbeitskräfte, die noch das alte Handwerk der speziellen Terrassenkulturen kennen. Dann zerfallen die Trockensteinmauern und beim nächsten grossen Unwetter rutscht wieder ein ganzer Hang ins Dorf runter. Irgendwann sind dann alle Menschen aus dem früheren Paradies vertrieben!
Ueli Pfister, Gelterkinden
