CARTE BLANCHE
30.07.2019 PolitikSchwarmintelligenz – Versuch eines unpolitischen Textes
Peter Riebli, Gemeindepräsident und Landratspräsident SVP, Buckten
Es entspricht einer alten Tradition, dass sich der Landratspräsident in seinem Amtsjahr nicht zu ...
Schwarmintelligenz – Versuch eines unpolitischen Textes
Peter Riebli, Gemeindepräsident und Landratspräsident SVP, Buckten
Es entspricht einer alten Tradition, dass sich der Landratspräsident in seinem Amtsjahr nicht zu tagespolitischen Themen äussert. Also auch keine politische «Carte blanche» schreibt. Der geneigte Leser meiner bisherigen Beiträge kann sicher nachvollziehen, dass das für mich nicht ganz einfach ist. Deshalb lesen Sie hier auch die vierte Version meines aktuellsten Beitrags.
Etwas über die unbeschwerte Ferienzeit – Reisezeit – Sommerzeit zu schreiben, scheiterte an der Klimadebatte. Die Versuche mit einem ausländischen Thema das politische Schweizer-Minenfeld zu verlassen, endeten ebenfalls im Papierkorb, da sie dank der fragwürdigen Personalentscheide der EU respektive der Brexit-Wirren in England auch nicht ganz politund wertneutral waren.
Aber England war dann doch das Stichwort. Ich erinnerte mich an meinen Besuch in der Hafenstadt Plymouth, in der Grafschaft Devon; aber nicht als Standort der königlich-britischen Marinewerft, sondern als Entdeckungsort der Schwarmintelligenz.
1906 besuchte der britische Naturforscher Sir Francis Galton die jährliche westenglische Nutztiermesse, bei der ein Ochsen-Gewicht-Schätz-Wettbewerb veranstaltet wurde. Für sechs Pence konnte jeder seine Schätzung abgeben. Insgesamt 787 Personen, sowohl Laien als auch Experten wie Metzger und Bauern, nahmen teil und gaben einen Tipp ab. Galton entschloss sich zu einem Experiment, um die Dummheit der Masse zu beweisen: Er wertete die Schätzungen statistisch aus.
Zu seinem grossen Erstaunen kam der Mittelwert aller Schätzungen (1207 Pfund) dem tatsächlichen Gewicht des Ochsen (1198 Pfund) erstaunlich nahe (Abweichung von 0,8 Prozent). Galtons Versuch, die Dummheit der Masse zu beweisen, war gescheitert.
Hingegen erkannte der Naturforscher die gesellschaftliche Parallele. Auch in einer Demokratie stimmen Menschen mit komplett unterschiedlichem Kenntnisstand über Inhalte ab. Er nannte seine Erkenntnis «Die Stimme des Volkes». Später entwickelte sich daraus die Theorie der kollektiven Intelligenz, resp. Schwarmintelligenz.
Aber ist das nun Schwarmintelligenz? Als Naturwissenschaftler ist für mich diese hohe Treffsicherheit eher dem Gesetz der grossen Zahlen geschuldet, denn dieses besagt, dass sich der Mittelwert einer
grossen Zahl von Schätzungen dem tatsächlichen Wert annähert, obwohl einzelne Schätzer weit danebenliegen.
Schwärme haben mit ihren Entscheidungen dann Probleme, wenn es um Ja-Nein-Fragen geht, da sich Ja-Nein-Entscheide nicht mitteln lassen.
Wähler bilden also keinen Schwarm im klassischen Sinn. Jedes Individuum agiert nach einer Mischung aus eigenen Interessen und dem Herdentrieb. Unser Wahlsystem setzt deshalb einen mündigen, rational entscheidenden Bürger voraus. Schwarmintelligenz kann helfen, muss es aber nicht. Man sollte, nein muss auch noch selber denken.
Zurück zu Galton und dem Fazit aus seinem Versuch: In einer demokratischen Wahl mag die Masse zwar nicht über detailliertes Expertenwissen verfügen, aber was sie ziemlich gut erkennt, ist die Grösse der Ochsen.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

