«Vorbereitung ist alles»
29.03.2019 GelterkindenTheres Fuchs steht vor ihren sechsten kantonalen Wahlen
Nach 20 Jahren als Präsidentin des Gelterkinder Wahlbüros steht Theres Fuchs vor ihren sechsten kantonalen Wahlen. Probleme gab es unter ihrer Leitung noch nie – weil sie nichts dem Zufall überlässt.
Christian ...
Theres Fuchs steht vor ihren sechsten kantonalen Wahlen
Nach 20 Jahren als Präsidentin des Gelterkinder Wahlbüros steht Theres Fuchs vor ihren sechsten kantonalen Wahlen. Probleme gab es unter ihrer Leitung noch nie – weil sie nichts dem Zufall überlässt.
Christian Horisberger
Frau Fuchs, am Sonntag wird gewählt. Sieht es nach einer grossen Wahlbeteiligung aus?
Theres Fuchs: Bis Mitte Woche war es lau. Der grosse Ansturm kommt erst kurz vor dem Wahltermin. Meistens geht es am Donnerstag richtig los und am Samstag nehmen wir noch 200 bis 500 Kuverts aus dem Briefkasten. Bei populäreren Themen gehen die Stimmzettel schon früher ein. Bei Wahlen oder bei Abstimmungen, die schwieriger verständlich sind, gehen die Leute eher spät stimmen.
Wie viele der Wählerinnen und Wähler kommen am Sonntag jeweils noch an die Urne?
5 bis 10 Prozent, die meisten kurz vor Schliessung um elf Uhr. Speziell bei uns ist: Das Wahllokal ist am Samstagabend und am Sonntagmorgen geöffnet. Am Sonntag kommen immer doppelt so viele Wählerinnen und Wähler an die Urne wie am Samstagabend, obwohl das Wahllokal dann länger geöffnet ist.
Als wir am Dienstag den Termin fürs Gespräch vereinbarten, sagten Sie mir, Sie seien gerade an einer Instruktion. Haben Sie Ihr Wahlbüro-Team bereits eingefuchst?
Nein, nicht das Wahlbüro, sondern acht Mitarbeitende der Verwaltung. Sie werden die Mitglieder des Wahlbüros beim Erfassen der Wahlzettel unterstützen.
Wo und wie wird ausgezählt?
Am Samstag packt das Wahlbüro nach einer Instruktion die Wahlzettel aus und macht eine Vorsortierung, ausgezählt wird am Sonntag in den Räumen der Verwaltung. Das Wahlbüro muss zuerst jeden Wahlzettel kontrollieren. Die Landratswahlzettel werden zudem sortiert: verändert, unverändert, leer, ungültig? Panachierte und kumulierte werden überprüft: Stimmt die Listennummer, sind zu viele drauf, muss man etwas streichen?
Was passiert bei Unklarheiten?
Wir versuchen, anhand des Wählerverzeichnisses und der Kandidaten und deren Nummern herauszufinden, was der Wähler gemeint hat. Die Vorgaben sind klar, im Zweifelsfall entscheide ich als Wahlbüropräsidentin oder ich wende mich an die Landeskanzlei.
Kommt es oft vor, dass Sie Unterstützung von Liestal einholen?
Bisher noch nie.
Wie gross ist der Anteil der problematischen Stimmzettel?
Viele sind es nicht – bei 2000 Wahlzetteln vielleicht 30 bis 50.
Gibt es oft Blödel-Wahlzettel?
Es gibt sie, aber nicht so viele. Die Wähler schreiben etwa «Globi» oder «Alain Berset» auf – diese Stimmen sind ungültig. Häufig werden für die Regierungswahl auch Leute aufgeschrieben, die für den Landrat kandidieren. Die sind nicht ungültig, sondern werden gezählt und unter «Vereinzelte» aufgeführt. Diese Stimmen beeinflussen das absolute Mehr.
Gibt es fürs Auszählen Hilfsmittel? Wird gewogen?
Die Briefwaage kommt allenfalls zum Einsatz, wenn wir auf der Suche nach einem Wahlzettel zu viel oder zu wenig sind. Ansonsten steht uns beim Zählen der Stimmzettel ein Banknoten-Zählautomat zur Verfügung. Wir müssen aber noch testen, ob er mit den Listen funktioniert.
Wie gross ist der Anteil der unverändert eingelegten Listen?
Ich schätze, etwa 50 Prozent.
Bei welcher Partei ist der Anteil der unveränderten Listen jeweils am höchsten?
Viele unveränderte Listen gibt es vor allem bei den grösseren: SVP, FDP und SP. Ich kann es nicht beschwören, aber nach meinem Eindruck ist bei der SVP der Anteil am höchsten. Aber auch dort wird sehr auf die Köpfe geschaut. Manchmal staunt man, welche Parteimitglieder zusammen auf einem Wahlzettel sind. Bei den Nationalratswahlen etwa wurde oft auch auf SVP-Listen ein Kandidat gestrichen und die Grüne Maya Graf draufgesetzt. Oder als Christine Mangold (FDP) noch für den Landrat kandidiert hatte: Sie machte überall viele Stimmen, von Wählern aller Parteien, auch von SP und Grünen.
Als Chefin lastet am Sonntag eine grosse Verantwortung auf Ihnen. Sind Sie nervös?
Nein. Man muss halt alles von früher wieder hervorholen, zudem macht die Landeskanzlei jeweils eine Instruktion für die Wahlbüropräsidentinnen und -präsidenten. Ich stelle jeweils eine Anleitung für die Mitglieder des Wahlbüros zusammen: Prozedere, wie wird gezählt, was ist gültig, wie erfasst man die Stimmen? Zudem bereite ich eine Liste mit allen Kandidierenden nach Listennummer und alphabetisch nach Nachnamen vor. Ich mache Hilfsmaterial wie Stifte, Kuverts und so weiter bereit. Ausserdem muss ich schauen, dass meine Leute am Sonntag etwas zu trinken und zu essen haben. Vorbereitung ist alles.
Und am Wahltag?
Ich habe die Oberaufsicht, prüfe die von den Stimmenzählern ausgefüllten Journale auf Plausibilität und bin Anlaufstelle, wenn etwas nicht klar ist. Ausserdem sichere ich die erfassten Daten jede Viertelstunde. Als letzte Amtshandlung bringe ich die ganzen Wahlunterlagen nach Liestal zur Landeskanzlei. Dies, damit der Kanton bei Ungereimtheiten die Wahlzettel überprüfen kann.
Was ist das Schwierigste am ganzen Prozess?
Zuerst muss ich selber wieder reinkommen nach vier Jahren Pause, um alles vorbereiten und meine Leute gut instruieren zu können. Die Wahlbüro-Leute sind alle in der dritten oder vierten Amtsperiode, die wissen bereits, wie es läuft. Die Mitarbeitenden der Verwaltung bereite ich intern vor, dann können sie am Programm üben.
Sie sprechen vom Programm «Sesam». Der Kanton verlangt bei den kommenden Wahlen von allen Wahlbüros erstmals, die Ergebnisse damit zu erfassen. Sind Sie zuversichtlich?
Wir haben bereits die Wahl 2015 mit «Sesam» durchgezogen. Zuvor gab es «Strichli-Listen» und eine telefonische Übermittlung der Ergebnisse. Mit der digitalen Erfassung gehe ich davon aus, dass wir mit 20 Personen um 13 bis 14 Uhr mit allem fertig sind. Mit der «Strichli-Liste» und 30 Leuten im Wahlbüro dauerte es bis 17 Uhr.
Sie sind seit 20 Jahren Präsidentin des Wahlbüros, fünf kantonale haben Sie bereits hinter sich. Sind Sie jemals ins Schwitzen geraten?
Einmal, als wir noch die «Strichli-Listen» hatten. Auf dem Wahlzettel der SD waren drei Kandidaten jeweils zweimal aufgeführt. Ich hatte vergessen, diese Kandidaten zweimal zu zählen. In so Momenten hat man einen kurzen Schweissausbruch und muss trotzdem kühlen Kopf bewahren und überlegen: Warum geht es nicht auf?
Als stellvertretende Gemeindeverwalterin und Wahlbüro-Präsidentin ist Gelterkinden mit Ihnen wohl sehr gut bedient. Mit 20 Jahren im Amt macht Ihnen wohl keiner etwas vor …
Sagen wir es so: Ich weiss, was eine Wahl für eine Gemeinde mit sich bringt. Als Regierungsrat Peter Zwick im Amt gestorben ist, wurde die Ersatzwahl auf den Muttertag am Wochenende nach Auffahrt angesetzt. Es war noch eine Abstimmung hängig, sodass die Stimmbürger die Kuverts für die Ersatzwahl bereits erhalten hatten, obwohl die Abstimmung zuvor noch stattfinden musste. Zudem waren viele Leute wegen Auffahrt abwesend und die Gemeindeverwaltungen kurz vor der Wahl geschlossen. Ich habe die damalige Regierungspräsidentin in einer E-Mail darauf hingewiesen. Einen Tag später gab die Regierung bekannt, dass sie aufgrund von «Informationen der Gemeinden» die Ersatzwahl verschoben habe.
Und dann?
Dann riefen sie mich von der Landeskanzlei an, dass die Parteipräsidenten wegen der verschobenen Wahl verärgert seien. Sie fragten mich, wie sie es den Präsidenten beibringen sollen. Ich sagte, ich würde es ihnen schon erklären. Ich wies sie in einer E-Mail auf die logistischen Hürden hin, die für die Gemeinden mit dem Wahlgang verbunden gewesen wären. Von dreien bekam ich eine Antwort: Sie hätten nicht gewusst, was für ein Aufwand für die Gemeinden dahintersteckt.
Es ging um eine Ersatzwahl. So gross kann der Aufwand da ja wohl nicht sein.
Doch, das ist er. Der Kanton liefert uns für Abstimmungen und Wahlen nur die Stimmzettel, alles andere macht die Gemeinde: Kuverts beschaffen, mit Adressen bedrucken, Unterlagen einpacken – das dauert zwei Tage –, versenden. Dann der Wahltag, in den Wahlbüro und Verwaltung involviert sind. Die Kosten sind erheblich: Trotz Sondertarif bezahlen wir alleine für den Versand der Wahlunterlagen an 4223 Stimmberechtigte, davon 56 Auslandschweizer, rund 3000 Franken Porto.
Haben Sie bei Wahlen persönliche Ziele – ausser, dass Sie keine Fehler machen wollen?
Es warten so viele Leute auf das Ergebnis, dass ich möglichst rasch ein sauberes Resultat liefern möchte. Ich kann nicht nachvollziehen, wie eine Kleinstgemeinde mit einigen Hundert Stimmberechtigten erst am späten Nachmittag oder gar am Abend das Ergebnis liefert.
Na ja, wenn das Wahlbüro mit neuen Leuten besetzt ist, kann es halt auch einmal länger dauern …
Das sehe ich anders: Dann muss die Gemeindeverwaltung dem Wahlbüro-Präsidenten die politischen Rechte unter die Nase halten: lesen, studieren, gut vorbereiten. Dann kommt alles gut.