Dem «Berteli» auf der Spur
29.03.2019 RothenfluhUnter der gefällten Linde befand sich ein alter Grabstein
Die Linde bei der Rothenflüher Kirche ist weg. Doch beim Ausreissen des Wurzelstocks kam überraschend der Grabstein eines in Oltingen bestatteten Kindes zum Vorschein. Lokalhistoriker Ueli Andrist nahm sich des Steins an und hat ...
Unter der gefällten Linde befand sich ein alter Grabstein
Die Linde bei der Rothenflüher Kirche ist weg. Doch beim Ausreissen des Wurzelstocks kam überraschend der Grabstein eines in Oltingen bestatteten Kindes zum Vorschein. Lokalhistoriker Ueli Andrist nahm sich des Steins an und hat dabei Erstaunliches herausgefunden.
Otto Graf
Die markante Linde unterhalb der Umfassungsmauer um die Kirche und den Friedhof in Rothenfluh hat der Liegenschaftsbesitzer vor ein paar Wochen fällen lassen. Das stand am 19. März auch in der Zeitung. Die Geschichte findet nun aber eine Fortsetzung, die wiederum bis ins vorletzte Jahrhundert zurückführt. Denn wenige Tage, nachdem er den Stamm zu Boden gebracht hatte, riss der Forstunternehmer mit seiner Maschine den Wurzelstock aus dem Boden. Dabei förderte er einen Grabstein ans Tageslicht mit der Inschrift «Berteli 1891–1892». Es liegt auf der Hand, dass dieser Stein einem Kind zugeordnet werden muss, das im zarten Alter von weniger als einem Jahr in die Ewigkeit abberufen wurde.
Der Fund rief Lokalhistoriker Ueli Andrist auf den Plan. Er fragte sich: «Wie und warum kam der Grabstein in den Wurzelbereich der Linde und wer waren die Eltern des kleinen Berteli?» In den Kirchenbüchern mit den Sterberegistern von Rothenfluh fand sich in den 13 Bestattungen im Jahr 1892 auf dem hiesigen Friedhof kein entsprechender Eintrag. Fündig wurde Andrist jedoch in den Kirchenbüchern von Oltingen, die wie diejenigen vieler anderer Gemeinden im Staatsarchiv Baselland online zugänglich sind.
Im Sterberegister ist ein Kind namens Bertha Rickenbacher vermerkt, geboren am 28. Oktober, an Schwä- che gestorben und am 7. August 1892 in Oltingen beigesetzt. Da war es gerade mal acht Monate und zwei Tage alt. Als Eltern des Kindes sind im Register der Metzger Friedrich Rickenbacher, geboren am 28. Oktober 1851 in Oltingen, und Maria Wilhelmine Schaffner, geboren am 11. Februar 1860, eingetragen.
Der Weg nach Rothenfluh
Weiter fand Andrist heraus, dass der Götti, ein Cousin des Vaters, Reinhard Rickenbacher hiess, von und in Oltingen. Die Gotte des Kindes war Anna Gass, von und in Oltingen. Bis hier sind die Daten belegt. Eine Tatsache ist auch, dass im Haus Nr. 75 bei der Kirche von Rothenfluh die ledige Rosina Erny wohnte, die den Götti des oben erwähnten Kindes, Friedrich Rickenbacher, aufzog, weil dessen Mutter bereits 11 Monate nach der Geburt von Friedrich verstarb.
Ueli Andrist und weitere Interessierte zerbrechen sich immer noch den Kopf, wie der Grabstein vom Friedhof Oltingen nach Rothenfluh gelangt ist. Denkbar ist es, dass der in Rothenfluh wohnhafte Götti, nachdem das entsprechende Grab in Oltingen aufgehoben wurde, unterhalb der Kirche eine Linde pflanzte und den Stein, aus welchen Beweggründen auch immer, in die Pflanzgrube legte, um vielleicht seinem Patenkind ein Andenken zu setzen.
Bei einer angenommenen Pietätsfrist von 20 Jahren wäre das Grab von «Berteli» in Oltingen um 1912 aufgehoben worden. Folglich wäre die vor wenigen Wochen gefällte Linde mit Sicherheit nicht älter als 110 Jahre. Die IGGR, die Interessengruppe für die Geschichte von Rothenfluh, sammelt weiterhin Fakten, um möglicherweise doch noch herauszufinden, warum ein Stein, der ursprünglich auf dem Grab eines in Oltingen beigesetzten Kindes stand, seine letzte Ruhe in Rothenfluh fand.