Er kennt den Kosmos wie sein Büro
29.12.2018 SissachAstronomie-Professor Roland Buser hält sein Wissen fest
«Der Mensch im Kosmos» lautet der Titel des Buchs, das der 73-jährige Wissenschafter Roland Buser verfasst und im Herbst herausgegeben hat. Der Träger des diesjährigen Baselbieter Kulturpreises, der in Sissach ...
Astronomie-Professor Roland Buser hält sein Wissen fest
«Der Mensch im Kosmos» lautet der Titel des Buchs, das der 73-jährige Wissenschafter Roland Buser verfasst und im Herbst herausgegeben hat. Der Träger des diesjährigen Baselbieter Kulturpreises, der in Sissach aufgewachsen ist, stellt darin die Geschichte des Menschen als winzigen Bestandteil in Zeit und Raum dar.
Jürg Gohl
«Er versteht es wie kein Zweiter, die Entwicklung der Menschheit aus kulturhistorischer Sicht in die grundlegenden Dimensionen von Raum, Zeit und Materie einzubetten.» Mit diesen Worten begründet die Baselbieter Regierung im vergangenen Mai, weshalb sie den diesjährigen Kulturpreis nicht einem Kulturschaffenden im landläufigen Sinn verleiht, sondern einem Astronomie-Professor. Dem 73-jährigen Roland Buser.
Was der Wissenschafter, der in Sissach aufgewachsen ist, dort in jungen Jahren das Handball-Tor gehütet hat und heute in Füllinsdorf wohnt, an der Ehrung bereits angekündigt hat, liegt nun vor: Sein Buch «Der Mensch im Kosmos», gedruckt bei der Schaub Medien AG in Liestal und herausgegeben vom Baselbieter Kantonsverlag, umfasst 400 dicht geschriebene Seiten, auf denen er die Geschichte des Menschen als zeitlich wie räumlich winzigen Bestandteil im Kosmos darstellt.
Ja, die Lektüre ist anspruchsvoll – wie er sagt, habe er sich bei der Niederschrift seine Studenten als Leser des Werks vorgestellt. Doch Buser gelingt es, mit einfachen Bildern und Tafeln seine Vorstellungen und Botschaften verständlich zu machen. Er belegt in seinem Buch, was die Regierung damals ebenfalls über ihn schrieb: «Er versteht es wie kein anderer, das Unvorstellbare in greifbare Worte zu fassen.»
Mensch fünf Sekunden mündig
Neben seinem dünnen Haarkranz und seinem zottigen langen Bart kommen als optische Merkmale seine funkelnden Augen und die gestikulierenden Arme hinzu, sobald der Professor über sein Buch zu sprechen beginnt. Laut denkt er beispielsweise über die Gewalt nach, die beim Urknall «geboren» worden sei und die in anderer Form die Menschen noch heute stetig herausfordert. Zielsicher schlägt er die Seite 402 auf und erläutert die vielleicht zentrale Tafel des Buchs. Dort vergleicht er die Geschichte des Kosmos mit einem Kalenderjahr, das am 1. Januar mit dem Urknall beginnt.
Die Erde entsteht in diesem Vergleich am 14. September, wenige Tage später entsteht das Leben. Am 29. Dezember gibt es die Primaten, am 30. Dezember die Hominiden, also das Vorläufermodell des Menschen, und erst am letzten Tag des Jahrs erscheint der Mensch, der zehn Sekunden vor Mitternacht die Schrift erfindet und fünf Sekunden später mit der Epoche der Aufklärung logisch und mündig zu denken beginnt.
Kurz: In der Geschichte der Menschheit macht er drei Schlüsselmomente aus. Dies sind der Urknall vor 15 Milliarden Jahren, das Leben, das auf der Erde entsteht, und der denkende Mensch, der sich daraus entwickelt. Die Zeitabstände in seiner Geschichte des Kosmos zeichnet er mit seinen Händen auf der Tischkante nach, aus den Augenwinkeln kontrollierend, ob sein Gegenüber seine Schilderungen fassen kann.
Absage an den Weltuntergang
An der nicht unumstrittenen Theorie des Urknalls hält er fest. «Sie hat sich etabliert», sagt er, «wir haben nichts Besseres zu bieten.» Und er glaubt auch nicht an einen Weltuntergang. «Es geht immer weiter», sagt er, «und sollte sich der Mensch tatsächlich einmal selbst beseitigen, so wird das Universum weiter bestehen. Und auch das Leben wird zumindest in einer primitiven Form erhalten bleiben.»
Roland Buser redet sich endgültig in Form. Schon fast im Minutentakt fallen Sätze wie «Religion ist der Versuch des Menschen, sich seinen Ursprung zu erklären», oder wie «wir meinen, jeder Furz bringe das Universum ins Wanken.Vergesst es!» Und später warnt er: «Die virtuelle Welt ist eine grosse Gefahr, weil wir unser Gehirn an sie abtreten und zu denken aufhören.» Wer ihm zuhört, versteht sogleich, dass der längst emeritierte Professor mit seinen Vorträgen auch heute noch viele Zuhörer anlockt.
Busers erstes Buch
Während seiner akademischen Laufbahn – er lehrte und forschte an der Universität Basel, aber auch in Frankreich und in den USA – hat Buser zahlreiche Beiträge für Fachzeitschriften verfasst. Doch bei «Der Mensch im Kosmos» handelt es sich tatsächlich um sein erstes Buch, was für einen Professor seines Kalibers doch überrascht. Es sei eine «Summa vitae», sagt er, eine Art Zusammenfassung seines Wissens. Philosophierend merkt er an: «Mein Wissen habe ich aus dem Universum bezogen und gebe es an das Universum zurück.»
Allerdings konnte er beim Verfassen nicht einfach alte Vorlesungsnotizen wiederverwerten, denn als Dozent bemühte er sich immer, möglichst ohne Manuskript zu seinen Studenten zu sprechen. «Ich wollte erkennen, ob meine Botschaften verstanden werden», sagt er, «so gesehen waren meine Monologe Dialoge.»
Im Gegensatz zu anderen Wissenschaftern lässt sich Buser auch nicht klar einer Disziplin zuordnen. Von Beruf ist er Astronom, betrachtet sich selber aber als Philosoph und ist mit viel historischem Wissen ausgestattet. Damit erklärt sich auch, weshalb sich Buser selber als Generalist unter den Uni-Dozenten bezeichnet. Diese würden von den Koryphäen zwar gerne etwas belächelt, räumt er ein, «dabei ist heute nichts wichtiger, als über das eigene Fachgebiet hinaus nachzudenken». Nicht ohne Stolz erzählt er, dass er in seinen wissenschaftlichen Studien sogar Französisch-Vorlesungen besuchte, nur um zu begreifen, wie sich die Sprache des Menschen entwickelt hat. Einst hätten sich die Menschen mit wenigen Lauten verständigt, und allmählich hätten sich durch Differenzierungen komplizierte Sprachen entwickelt.
Im Gespräch mit Roland Buser rutscht man mit der Zeit zwangsläufig in die Rolle des Zuhörers – des interessierten Zuhörers, der höchstens mal eine Zwischenfrage stellt oder mit einer eigenen Bemerkung zu bestätigen versucht, die Schilderungen und Gedankengänge des Professors nachvollzogen zu haben. Was nicht immer gelingt. Gegen die Feststellung, die zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Kosmos würden uns also lehren, wie gänzlich bedeutungslos wir Menschen eigentlich seien, wendet er zum Beispiel ein: «Man kann es auch anders sehen. Die Geschichte des Kosmos gibt es nur, damit wir heute so leben.»
Manchmal überfordert uns dieser aufgeweckte Roland Buser. Doch seit diesem Herbst können diese Gedanken in Buchform in aller Ruhe nachgelesen werden.
Acht neue Bücher aus dem Kantonsverlag vorgestellt
jg. Neben Roland Busers «Der Mensch im Kosmos» hat der Baselbieter Kantonsverlag an seiner alljährlichen Vernissage im vergangenen Monat sieben weitere neue Bücher vorgestellt: «Die Wehrlistiftung und ihre Kinder» von Hans Utz; «Reich der Quellen» von Daniel Küry, Beat von Scarpatetti und Edith Schweizer-Völker; «Handbuch zum Gemeinderecht» von Ruth Voggensberger und Walter Ziltener; «Schule im Grünen» von Räto Pfranger; eine weitere Ausgabe in René Salathés «Baselbieter Merk-würdigkeiten»; das auf Kinder zugeschnittene Sagenbuch «Vo Ärdwybli und Rägemännli» von Kathrin Horn und Barbara Saladin sowie schliesslich «Flora des Oberbaselbiets 2012–2015» des Botanikers Roland Lüthi.
Einzelne dieser Bücher wurden in der «Volksstimme» bereits vorgestellt. Mit 848 Seiten ist das zuletzt genannte Buch über die Oberbaselbieter Flora das mit Abstand umfassendste (und deshalb mit 49 Franken auch das teuerste). Kein Wunder: Roland Lüthi registriert beinahe 78 000 Pflanzenvorkommen und 1588 Arten. Sieben Jahre Arbeit – draussen und in der Studierstube – stecken in diesem Werk, das der Oberbaselbieter Pflanzenwelt eine nach wie vor sehr hohe Vielfalt bescheinigt. Wir kommen in der «Volksstimme» auf dieses Werk zurück.