«Besserwisser»
14.09.2018 GesellschaftWer kennt sie nicht, die notorischen Rechthaber? Menschen, die ihre Meinung in belehrend-aufdringlicher Art und Weise äussern, stets meinen, im Recht zu sein und grundsätzlich immer das letzte Wort haben müssen. Sie belehren «uneingeladen» und glauben, anderen helfen ...
Wer kennt sie nicht, die notorischen Rechthaber? Menschen, die ihre Meinung in belehrend-aufdringlicher Art und Weise äussern, stets meinen, im Recht zu sein und grundsätzlich immer das letzte Wort haben müssen. Sie belehren «uneingeladen» und glauben, anderen helfen zu müssen, ohne nachgefragt zu haben. Diese Selbstdarstellung und Gier nach Aufmerksamkeit kann für die Umgebung anstrengend sein, sowohl Nerven als auch Zeit kosten und den Anschein von Überheblichkeit und mangelndem Taktgefühl erwecken.
Doch was versteckt sich hinter dem Besserwissen und der Rechthaberei?
Der Psychologe Michael Thiel hat folgende Erklärung dazu: «Die meisten Besserwisser haben ein ganz niedriges Selbstwertgefühl. Sie stellen sich ganz toll dar, dabei sind sie eigentlich sehr unsicher. Ihr Ziel ist es, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen. Das Problem dabei: Sie merken nicht, dass sie mit ihrer Besserwisserei genau das Gegenteil erreichen. Sie werden oft als aufdringlich empfunden, sie schrecken andere ab. Im schlimmsten Fall wenden selbst Freunde sich ab.» Das Gefühl, andere verbessern und deren Fehler aufdecken zu können, kann das eigene Selbstwertgefühl erhöhen. Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, können ihre Unzufriedenheit und Verbitterung hinter dieser Fassade verbergen. Neid kann ein weiteres Motiv für besserwissendes und arrogantes Verhalten sein.
«Rechthaber erhöhen ihr Selbstwertgefühl durch die Selbstdarstellung. Sind sie einmal auf den Geschmack gekommen, werden sie regelrecht süchtig danach und können gar nicht mehr aufhören. Bei diesen Menschen werden Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die für Zufriedenheit sorgen», erklärt Michael Thiel weiter. Sie sind nicht zur Reflexion ihres eigenen Verhaltens fähig.
Wie ergeht es uns bei der Auseinandersetzung mit besserwissenden Personen? Sie rauben uns Energie, lassen uns vielleicht verärgert und irritiert zurück. Wir fühlen uns überrumpelt und empfinden den Zeitpunkt und Inhalt der Äusserungen als unangemessen. Der Umgang mit Rechthabern erfordert eine Menge Geduld, Gelassenheit und eine stabile innere Ruhe. Auch eine gesunde Portion Humor ist ratsam. Besserwissende gibt es überall. Auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, hatten vielleicht schon entsprechende Begegnungen.
Im Wissen um die Not dieser Menschen gelingt es uns eher, ein klares und bestimmtes Auftreten an den Tag zu legen. Wer von sich überzeugt ist, über eine gesunde Selbstachtung und ein gutes Selbstwertgefühl verfügt, der verhält sich nicht wie ein Wichtigtuer. Wir können Besserwissende mit ihrer Aufdringlichkeit konfrontieren, ihnen ihr unreflektiertes Verhalten aufzeigen, damit auch sie anfangen können, ihre Überzeugungen, Verhaltensmuster und Standpunkte zu hinterfragen.
Besserwisserei beginnt erst in dem Moment, in dem dieser Wissensvorsprung falsch eingesetzt wird. Heissen wir also weiterhin konstruktiven Rat willkommen und distanzieren uns von «gut gemeinten» Ratschlägen.

