WELTENBUMMLERIN
31.05.2018Mona Lisas Brüste
Nur wenige würden mir glauben, wenn ich ihnen erzählte, dass ich eine barbusige Mona Lisa auf die Frontseite der konservativsten Zeitung Chinas gebracht habe. Aber so war es.
Es gibt Lustigeres, als im Reich der Mitte zu einer ...
Mona Lisas Brüste
Nur wenige würden mir glauben, wenn ich ihnen erzählte, dass ich eine barbusige Mona Lisa auf die Frontseite der konservativsten Zeitung Chinas gebracht habe. Aber so war es.
Es gibt Lustigeres, als im Reich der Mitte zu einer Minderheit zu gehören. Ob man aufgrund seiner Ethnizität, einer Behinderung, oder der sexuellen Orientierung vom Mainstream ausgeschlossen ist, spielt dabei keine grosse Rolle. Die kommunistische Partei möchte eine «harmonische» Gesellschaft, in der alle nach dem Gleichen streben. Gleich aussehen, gleich denken, die gleiche Musik hören, denselben Lebensweg einschlagen, demselben Staat dienen.
Wenn eine soziale Gruppe, Idee oder kulturelle Bewegung, die von der Mehrheit und den Leitwerten der Partei abweicht, zu viel Aufschwung bekommt und sich eigenständig organisiert, wird sie deshalb unterdrückt oder zerschlagen, in den offiziellen Staatsapparat integriert, oder beides.
Bei der LGBTQ-Gemeinschaft, zu der sich lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen zählen, sah es zunächst nach blosser Duldung, dann nach Repression aus. Noch im April verkündete Weibo, das chinesische Pendant zu Twitter, ab sofort homosexuelle Inhalte radikal zu verbieten. Das Verbot brachte jedoch zutage, wie viele junge Internetbenutzer sich mit der LGBTQ-Gemeinschaft solidarisch zeigten und sie unterstützten. Mit dem Hashtag #iamgay teilten sie Millionen von Bildern, Texten und Likes als Protest dagegen.
Dieses Mal unterhielten sie Unterstützung vom System, das dem Aufruhr somit den Wind aus den Segeln nahm. Es sei ein Grundprinzip der modernen Gesellschaft, nicht gegen Homosexualität zu diskriminieren, und ihre Rechte und Interessen zu schützen, schrieb eine Journalistin in der «People’s Daily», oft Sprachrohr der Partei genannt. Dieser Artikel war das Signal dafür, dass Chinas Leitmedien in Zukunft eine aktivere Rolle einnehmen im Bestreben, Vorurteile gegenüber LGBTQ abzuschaffen und sie als Teil der Gesellschaft zu akzeptieren.
Just in dem Moment schlug ich bei einer Redaktionssitzung vor, einen Beitrag zu einem beliebten Beijinger LGBT-Treffpunkt zu machen. Roter Hund heisst die Bar im Untergrund von Beijings Szeneviertel Sanlitun, wo die LGBTQ von Beijing die Sau rauslassen. Eigentlich eine gediegene Cocktailbar, wenn man von der lasziv tanzenden Wonder Woman, natürlich eine Drag Queen, absieht. Das Thema wurde genehmigt, und mein Video dazu erhielt über eine halbe Million Klicks. Es war Internationaler Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie, als die barbusige Mona Lisa aus dem Roten Hund die Titelseite der Beijinger Auflage der «Global Times» schmückte. Am Abend davor, nach Redaktionsschluss, erhielt ich noch eine besorgte Nachricht von meiner Chefin. Sie sei nicht sicher, ob sie recht gesehen habe. Die Mona Lisa sei doch nicht etwa … nackt? Doch, antwortete ich, das habe sie schon richtig gesehen. Aber Kunst ist Kunst. Und Liebe ist Liebe. Oder etwa nicht?
Katrin Büchenbacher ist ehemalige «Volksstimme»- Praktikantin und berichtet an dieser Stelle von ihrer Arbeit als Journalistin in China.