Im Grundriss liegt der Haken
31.05.2018 WintersingenKirchengeschichte anschaulich erzählt
Die Broschüre «Die reformierte Kirche von Wintersingen» erzählt die Geschichte des markanten Gotteshauses. Am 3. Juni erinnern alt Regierungsrat und alt Gemeindepräsident Erich Straumann sowie der Kulturhistoriker Remigius ...
Kirchengeschichte anschaulich erzählt
Die Broschüre «Die reformierte Kirche von Wintersingen» erzählt die Geschichte des markanten Gotteshauses. Am 3. Juni erinnern alt Regierungsrat und alt Gemeindepräsident Erich Straumann sowie der Kulturhistoriker Remigius Suter im Rahmen der Vernissage an die grosse Kirchenrestaurierung vor 40 Jahren und die vorgängigen Ausgrabungen.
Otto Graf
«Unser Auftrag besteht darin, der Nachwelt die Geschichte der Kirche von Wintersingen zu dokumentieren», sagt Daniel Anderegg, langjähriges Mitglied verschiedener weltlicher und kirchlicher Behörden im Weinbaudorf. So hat er, zusammen mit einem guten Dutzend weiterer Text- und Bildautoren, einen fast vierzigseitigen mit zahlreichen Bildern illustrierten Kirchenführer verfasst. Als Grundlage dienten die Dorfchronik «800 Johr Wintersinge», zahlreiche Protokolle und andere Quellen mit historischen Dokumenten, aber auch Gespräche mit Einheimischen. Die Broschüre, die in gut zweijähriger Arbeit entstand, umschreibt auf anschauliche Art die Geschehnisse um und in der Kirche mit dem Zweck, die Fakten zu bündeln und verständlich darzustellen.
Das Besondere am Gotteshaus der Kirchgemeinde Wintersingen-Nusshof ist der Grundriss. Denn die beiden Kirchenschiffe stehen rechtwinklig zueinander. Man spricht von einer Winkelhakenkirche, deren Typus in der Schweiz nur noch in der St.-Margarethen-Kirche in Binningen zu finden ist. Als Vorbild diente wohl die reformierte Stadtkirche auf dem Marktplatz von Freudenstadt im Schwarzwald, die wenige Tage vor Kriegsende niederbrannte und 1950 in der ursprünglichen Form mit zwei Türmen und Platz für 1300 Gläubige wieder aufgebaut wurde. Eine Delegation aus Wintersingen, so Anderegg, hat im Jahr 2017 Freudenstadt besucht, um sich persönlich ein Bild dieser imposanten Baute zu machen.
Bis 1960 galt in der Kirche Wintersingen die folgende Regel: «Im Gottesdienst sitzen die Leute aus Nusshof im Südschiff und die Wintersinger im Westschiff, zudem nach Geschlechtern und Zivilstand getrennt auf vorbestimmten Plätzen.»
1676 neu erbaut
Die Pfarrkirche von Wintersingen wurde erstmals am 8. Mai 1196 in einem Dokument von Papst Cölestin III. urkundlich erwähnt. Archäologische Untersuchungen förderten 1979 Erd- und Steinplattengräber sowie Fundamentsreste ans Licht. So ist zu vermuten, dass auf der Anhöhe am südlichen Dorfrand bereits um 700 eine Kirche gestanden haben muss. Insgesamt dürften am Ort der Grabungen vier aus verschiedenen Epochen stammende Kulturschichten übereinanderliegen.
Nach Ansicht von Hans Rudolf Heyer, ehemaliger Leiter Amt für Denkmalpflege, könnte die heutige Kirche seinerzeit dem Heiligen Leonhard geweiht gewesen sein, da sie im Hochmittelalter dem Chorherrenstift St. Leonhard zu Basel gehörte. Im Zuge der Reformation wurde der Altarstein 1534 für 10 Schilling verkauft. Nach verschiedenen kleineren Renovationen erstellte der Zimmermeister Daniel Hartmann aus Colmar 1676 einen kompletten Neubau, so wie er in seinen Grundzügen heute noch besteht. Die Steine für den Bau wurden in Liestal und Sissach gebrochen.
Auf dem Dach war ein «Thürmlein mit einer hochen welschen Hauben» geplant. Noch während des Baus beschlossen Lohnherr Jakob Meyer und die Deputaten, die welsche Haube durch einen vierseitigen Helm zu ersetzen. Der Turm hatte eine Höhe von 30 Schuh oder etwa 10 Metern.
Nach verschiedenen Renovationen entschied sich die Kirchgemeinde Wintersingen-Nusshof 1978 im Konsens mit der Landeskirche für eine umfassende Restaurierung des Gotteshauses für knapp 1 Million Franken. Nach Abzug der Beiträge der Landeskirche, von Bund und Kanton sowie der eigenen Mittel der Kirchgemeinde teilten sich die politischen Gemeinden Nusshof mit einem Anteil von 80 000 Franken und Wintersingen mit 363 000 Franken in die Restkosten.
Die Kosten des Kirchenführers tragen ebenfalls die beiden Gemeinden, während der Frauenverein Wintersingen den Apéro organisiert und spendiert.
Vernissage für die Broschüre «Die reformierte Kirche Wintersingen», Sonntag, 3. Juni, 10 Uhr, anstelle des Gottesdienstes, in der Kirche Wintersingen, anschliessend Apéro.
Früherer Gemeinderat
og. Daniel H. Anderegg, geboren 1944, wuchs in Bern auf und erlernte den Beruf des Buchbinders. 1977 zog er mit seiner Familie von Rheinfelden nach Wintersingen, wo er ein ehemaliges Bauernhaus erwarb. Im Dorf wurde er, wie er betont, ausgesprochen gut aufgenommen. Von 1987 bis 1993 sass er im Gemeinderat und von 2004 bis 2010 betreute er als Mitglied der Sozialhilfebehörde das Asylwesen. Ausserdem präsidierte er die paritätische Baukommission Nusshof/Wintersingen, die sich ab 1977 mit der Kirchenrestaurierung befasste. Von 2008 bis 2016 gehörte er sowohl der Kirchenpflege als auch der Synode an. 1983 wurde er Bürger von Wintersingen. Als Dank und als Gegenleistung für das ihm entgegengebrachte Vertrauen engagierte sich Daniel Anderegg als treibende Kraft, die Geschichte der Kirche von Wintersingen in einer Broschüre festzuhalten.