Sie kennen es: Man kommt in ein Restaurant oder in eine Bar und schaut sich erst einmal um, checkt alles ab. Wer ist sonst noch da, wer ist nicht da? Gibt es überhaupt freie Plätze? Wo steht die Theke? Und ein erster Blick fällt meist auch schon aufs Angebot, vielleicht auch auf ...
Sie kennen es: Man kommt in ein Restaurant oder in eine Bar und schaut sich erst einmal um, checkt alles ab. Wer ist sonst noch da, wer ist nicht da? Gibt es überhaupt freie Plätze? Wo steht die Theke? Und ein erster Blick fällt meist auch schon aufs Angebot, vielleicht auch auf die Preise. Vielleicht hat man mit jemandem abgemacht und sucht die betreffende Person oder Gruppe. Diese erste Orientierung ist für den Neuankömmling wichtig und läuft automatisch ab.
Umgekehrt ist auch jeder neue Gast, der das Lokal durch die Eingangstüre betritt, Zielscheibe von flüchtigen Blicken jener, die es sich bereits bequem gemacht haben, ihr Getränk schlürfen und sich miteinander unterhalten beziehungsweise sich gegenseitig langweilen. Man wird kurz gemustert, im Normalfall bleiben die Blicke aber nicht länger als ein paar Sekunden an einem kleben.
Wenn ich derzeit eine Bar betrete, macht es erst einmal «wwwusch» und ich sehe nur Silhoutten im Nebel um mich herum. Ich höre Geklimper, Gelächter und Musik, aber sehen tu ich nichts. Ich weiss nicht, wer mich gerade anschaut, ob mir vielleicht jemand Bekanntes zuwinkt oder ob ich wegen Platzmangel oder Wucherpreisen sowieso gleich wieder umkehren sollte. So wie mir geht es allen Brillenträgern und Brillenträgerinnen bei Minustemperaturen, wie sie im Moment gerade herrschen. Die Gläser laufen innert Sekunden an, die erste Orientierung im Lokal muss alleine übers Ohr stattfinden.
Das ist unangenehm, gerade wenn ich mir vorstelle, dass mich in diesem Moment alle sehen, wie ich sie nicht sehe und wie ich etwas «deppert» an meinem Brillengestell herumfummle. Es könnte ja sein, dass ich das T-Shirt verkehrtrum anhabe oder der Hosenschlitz weit offen steht. Die ersten Musterungen der Insassen würden mir das, wenn auch unfreiwillig, unverzüglich verraten und ich könnte schnell reagieren. Im Winter fällt diese (Selbst-)Kontrolle aus.
Natürlich könnte es mir auch völlig egal sein, wer mich anschaut, warum er das tut und was er genau sieht. Trotzdem nerven mich die winterlichen Nebelgläser. An der Fasnacht habe ich auch schon Brillen mit Scheibenwischern gesehen. Sollte ich mir etwa so etwas zutun? Eins ist klar: Dann wäre ich, also zumindest nach der Fasnacht, der Oberdepp. Selbst dann, wenn neben mir ein Typ mit offenem Hosenladen und verkehrtem Hemd steht. Und wie wärs mit einer eingebauten Frontscheibenheizung? Technisch sollte das doch möglich sein – aber nein, die Forschung investiert lieber in Brillengläser, mit denen man auf Google surfen kann, was zum gleichen Problem führt, nämlich dass ich nicht sehe, was sich vor meiner Nase abspielt.
Item. Je länger ich über mein Pseudo-Problem nachdenke, desto mehr fällt mir auf: Richtig mies wäre es, wenn die Gläser keinen Unterschied zwischen drinnen und draussen spüren würden.
Sebastian Schanzer, Redaktor «Volksstimme»