18 bis 19 Grad und Sonne für den perfekten Markt
20.03.2026 PersönlichDer Beruf der Markthändlerin bedeutet starke Wetterabhängigkeit, lange Arbeitstage und auch anstrengende Verhandlungen mit Behörden. Trotzdem hat sich Gewürzhändlerin Nadine Waltzer noch nie gewünscht, ins Büro zurückzukehren.
Christian ...
Der Beruf der Markthändlerin bedeutet starke Wetterabhängigkeit, lange Arbeitstage und auch anstrengende Verhandlungen mit Behörden. Trotzdem hat sich Gewürzhändlerin Nadine Waltzer noch nie gewünscht, ins Büro zurückzukehren.
Christian Horisberger
Wenn andere noch schlafen, werden Sie am kommenden Mittwochmorgen mit Ihrem Marktstand bereits in Sissach sein. Wann müssen Sie losfahren, wenn Sie am Frühlingsmarkt teilnehmen?
Nadine Waltzer: Um sechs herum, damit wir um halb sieben bis sieben den Anhänger in der Begegnungszone abstellen und unsere Ware auslegen können, was zu zweit eine gute Stunde dauert. Das ist für unsere Verhältnisse relativ spät. Sissach ist von meinem Wohnort Aesch ja nur einen Katzensprung entfernt. Wenn es zum Beispiel nach Grindelwald geht, müssen wir schon um halb vier Uhr los.
Wie viele Märkte besuchen Sie übers Jahr?
Wir rechnen in Markttagen, weil Messen und Ausstellungen bis zu zehn Tage dauern können und der Basler Weihnachtsmarkt sogar 30 Tage. Während der Weihnachtszeit sind wir manchmal gleichzeitig an zwei Standorten präsent. Insgesamt kommen wir so auf bis zu 300 Markttage in einem Jahr.
Wer sind «wir»?
Der «Gwürz-Egge» ist ein Familienunternehmen. Mein Vater hat 1979 damit angefangen, heute führe ich den Betrieb zusammen mit meinem Bruder. Unsere Eltern helfen immer noch mit und unterstützen uns beim Auf- und Abbau sowie im Verkauf – mit über 70 Jahren.
Sie sind also in eine Marktfahrerfamilie geboren. War Ihr beruflicher Weg damit vorgezeichnet oder hatten Sie eine Wahl?
Die hatte ich. Unser Vater sagte zu mir und meinem Bruder, dass wir gerne in den Betrieb einsteigen dürften, wir zuerst aber «etwas Rechtes» lernen müssten, da Markthändler ja kein Lehrberuf ist. Mein Bruder hat eine Lehre als Metallbauschlosser gemacht und ich absolvierte die Handelsmittelschule mit Berufsmatur.
Aber …
Zwei, drei Jahre habe ich auf dem Beruf gearbeitet, bei einer Treuhandfirma. Die Vorstellung, 40 Jahre lang einen Nine-to-five-Job machen zu müssen, war für mich schrecklich.
as gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?
Er ist vielseitig. Ich bin von A bis Z in alles involviert: Einkauf, Produktentwicklung, Buchhaltung, Verkauf. Als Markthändlerin gehe ich hin zu den Leuten, lerne verschiedene Landesteile kennen und die Menschen dort. Den Kontakt mit Menschen finde ich immer spannend, sogar dann, wenn es nicht die Einfachsten sind. Und falls einem ein Ort oder die Menschen dort verleiden sollten, dann geht man einfach nicht mehr hin. Wir haben auch unsere Freiheiten.
Wie sieht für Sie eine normale Marktwoche aus?
Die gibt es nicht – das ist gerade das Schöne an diesem Beruf. Wenn wir nicht an einem Markt teilnehmen, verschicken wir am Montag und Mittwoch Ware, die online bestellt worden ist. Am Dienstag erledige ich oft Bürosachen. Am Donnerstag sind wir während des ganzen Jahres am Markt auf dem «Barfi» in Basel präsent. Wenn wir mehrere aufeinanderfolgende Tage an einem Anlass teilnehmen, verschiebt sich die Büroarbeit spät in die Nacht hinein. Dann kann ein Arbeitstag auch einmal 14 oder 16 Stunden dauern. Handkehrum gibt es auch freie Tage, an denen ich Zeit für einen Ausritt habe.
Wie kompatibel ist der Beruf mit dem Familienleben?
Ich lebe in einer Partnerschaft, Kinder haben wir keine. In meinem Beruf brauche ich schon einen toleranten Partner. Den habe ich; er hat auch unregelmässige Arbeitszeiten.
Ihr Geschäft ist stark wetterabhängig. Wenn es Katzen hagelt oder es 36 Grad im Schatten hat, bleiben die Marktbesucher weg. Ganz abgesehen davon ist es kein Vergnügen, Wind und Wetter auszuhalten. Sehnen Sie sich nie nach einem klimatisierten Büro?
Nein. In meinen bisher 20 Jahren in diesem Beruf noch nie. Ich könnte mir nichts anderes vorstellen. Für mich ist es ein ganz toller Job, den ich jedem empfehlen kann. Man darf aber Arbeit nicht scheuen.
Sie handeln mit Gewürzen, Tee und Speisesalz. Welches sind die Klassiker in Ihrem Sortiment?
Immer gut verkaufen sich die Dip-Saucen und die Gewürzmischungen für «Café de Paris» und «Knoblibrot», welche Gewürzmühlen nach unseren Rezepten herstellen. Im Winter läuft das Raclette-Gewürz gut und während der Grillsaison Fleisch-Gewürzmischungen. Bei den Tees sind die Früchtetees, die man warm oder kalt geniessen kann, am beliebtesten.
Gibt es im Gewürzhandel auch Trends?
Tatsächlich kommt es vor, dass gewisse Produkte plötzlich stärker nachgefragt werden. Das kann damit zu tun haben, dass ein Influencer beispielsweise behauptet, dass Kurkuma super gesund sei oder Nelken das Wohlbefinden fördern würden. Ich recherchiere dann jeweils im Internet, was dahintersteckt.
Nicht lange überlegen: Welches ist Ihr Lieblingsmarkt – und warum?
Der in Grindelwald. Wo sonst hat man das Privileg, mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau seiner Arbeit nachgehen zu dürfen?
An welcher Stelle kommt Sissach?
Der Sissacher Herbstmarkt ist für uns ganz weit vorne. Ich finde ihn toll, wegen der vielen Besucher aus der Umgebung. Und der Frühlingsmarkt ist für unseren Betrieb immer etwas Besonderes, weil er nach der Winterpause die neue Saison einläutet.
Sie haben als Co-Präsidentin des Nordwestschweizer Marktverbands erfolgreich für die Wiedereinführung des Sissacher Sommermarkts gekämpft.
Kommt so etwas öfter vor?
Es kommt immer wieder zu Konflikten mit Gemeindebehörden. Ergibt sich – aus unterschiedlichen Gründen – ein Mehraufwand für die Gemeinde, wird ein Markt eher abgesagt als mit uns das Gespräch gesucht, um einen Kompromiss zu finden. Meiner Meinung nach wird zu wenig hinterfragt, was hinter einem Markttag für die Beteiligten steckt und wie viele Existenzen davon abhängen.
Am Frühlingsmarkt am nächsten Mittwoch sind keine Schranken in Sicht. Was braucht es für den perfekten Markttag?
Eine Temperatur von 18 bis 19 Grad und Sonnenschein.
Zur Person
ch. Nadine Waltzer (45) aus Aesch ist seit 20 Jahren Markthändlerin. Im «Gwürz-Egge» verkaufen sie und ihr Bruder Gewürze, Kräuter, Kräutermischungen, Tees und Speisesalze. Waltzer ist zugleich Co-Präsidentin der Nordwestschweizer Sektion des Schweizerischen Marktverbands.

