Zwischen Solidarität und Kostenfalle
20.03.2026 PolitikNadine Jermann, Landrätin und Gemeindepräsidentin FDP, Buus
Als neues Mitglied der Volkswirtschaftsund Gesundheitskommission im Landrat setze ich mich für die Standortattraktivität des Baselbiets sowie für eine nachhaltige Gesundheits- und ...
Nadine Jermann, Landrätin und Gemeindepräsidentin FDP, Buus
Als neues Mitglied der Volkswirtschaftsund Gesundheitskommission im Landrat setze ich mich für die Standortattraktivität des Baselbiets sowie für eine nachhaltige Gesundheits- und Altersversorgung ein. Ein Thema, das mich als Gemeindepräsidentin und Präsidentin des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden stark beschäftigt, ist die Angehörigenpflege.
Familien betreuen ihre Angehörigen oft über Jahre hinweg und meist im Stillen. Die Pflege von Angehörigen ist Ausdruck von Solidarität in der Familie. Ohne sie wäre die Versorgung kaum tragbar. Gleichzeitig wird sie zunehmend zur finanzpolitischen Herausforderung.
Die Pflegekosten steigen seit Jahren stark. Im Kanton Baselland haben sich die von den Gemeinden getragenen Kosten in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Diese Entwicklung ist systembedingt. Ein wesentlicher Treiber ist die «Kommerzialisierung» der Angehörigenpflege durch gewinnorientierte Pflegeanbieter.
Auslöser war ein Bundesgerichtsurteil von 2019, dem zufolge Angehörige Pflege- leistungen über die Grundversicherung abrechnen dürfen, sofern sie bei einer Spitex-Organisation angestellt sind. Diese übernimmt Ausbildung, Begleitung und Administration und erhält dafür einen er- heblichen Anteil der Vergütung. Pro Stunde zahlt die Krankenkasse rund 50 Franken, die Gemeinden 20 bis 30 Franken.
So ist ein neuer Markt entstanden. Zahlreiche private Anbieter haben sich auf Angehörigenpflege spezialisiert. Rund 600 000 Menschen in der Schweiz pflegen Angehörige – ein enormes Geschäft für private Spitex-Firmen, finanziert durch Prämien und Steuern. Was als Entlastung gedacht war, schafft neue Anreize: Aus familiärer Hilfe wird ein Abrechnungsmodell.
Auch im Baselbiet zeigt sich diese Dynamik. Zwar wurde der Tarif für die Grundpflege durch Angehörige per 2026 gesenkt – ein richtiger Schritt. Doch er macht deutlich, wie stark die Kosten gewachsen sind.
Das Problem ist nicht die Angehörigenpflege – im Gegenteil. Sie ist oft die beste Lösung für die Pflegebedürftigen. Doch das System setzt falsche Anreize. Wenn Leistungen der Angehörigen ähnlich vergütet werden wie professionelle Pflege, ohne gleich strenge Qualitäts- und Kontrollmechanismen, entsteht ein Graubereich. Gemeinden verzeichnen steigende Kosten, ohne deren Entwicklung genau nachvollziehen zu können. Gleichzeitig wächst der Markt privater Anbieter weiter.
Die demografische Entwicklung wird den Druck zudem weiter erhöhen: mehr ältere Menschen, weniger Fachpersonal und damit eine stärkere Verlagerung der Pflege in die Familien. Gerade im Oberbaselbiet, wo Hausärztemangel und Alterung zusammenkommen, wird diese Entwicklung besonders spürbar sein.
Angehörigenpflege bleibt unverzichtbar. Doch wenn aus Solidarität ein Geschäftsmodell wird, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Verantwortung heisst deshalb für mich in diesem Zusammenhang, klare Rahmenbedingungen zu setzen, damit die Pflegebedürftigen gut versorgt werden und die Beiträge den Pflegenden zugutekommen statt primär den gewinnorientierten Anbietern.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

