Zwischen Code und Klang
10.04.2026 LausenComputerkünstler Andreas Meier tritt in der Buchhandlung Forum in Liestal auf
Andreas Meier, aufgewachsen in Lausen, verbindet Mathematik, Sprache und Musik zu einer eigenwilligen Kunstform. Mitte April tritt er in Liestal auf.
Wendy Maltet
...Computerkünstler Andreas Meier tritt in der Buchhandlung Forum in Liestal auf
Andreas Meier, aufgewachsen in Lausen, verbindet Mathematik, Sprache und Musik zu einer eigenwilligen Kunstform. Mitte April tritt er in Liestal auf.
Wendy Maltet
Herr Meier, Sie sind in Lausen aufgewachsen und haben das Gymnasium in Liestal besucht: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Region?
Andreas Meier: Ich liebe das Baselbiet immer noch, von Schönenbuch bis «Ammel». Als Jugendlicher war ich mit meinem Velo regelmässig im «Chilpen» bei Diegten und habe die einheimischen Orchideen fotografiert – zum Beispiel Bienen- oder Hummelorchideen.
Ihr Weg führte Sie von der Musik über Mathematik bis zur Data Science. Wie haben sich diese Bereiche gegenseitig beeinflusst?
Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Musik und Mathematik, denn alles ist Komposition, Poesie oder Klang – entweder harmonisch oder disharmonisch.
Sie haben international geforscht und gearbeitet, unter anderem im Silicon Valley, in Vietnam und Ecuador. Was hat Sie dabei am meisten geprägt?
Die Natur! Im Silicon Valley waren meine Frau Lydia und ich regelmässig in den State Parks oder am Meer unterwegs, um Pflanzen und Tiere zu beobachten. In Vietnam fuhren wir auf Booten in der Halong Bay und im Mekong-Delta, in Ecuador badeten wir in den heissen Quellen von Papallacta in den Anden.
Sie bezeichnen sich heute als Computerkünstler. Was genau versteht man darunter und was ist generative Poesie?
Computerkunst umfasst Kunstformen wie Musik, Poesie oder Grafik, die mithilfe eines Computers erzeugt werden. Unter generativer Lyrik versteht man programmierte Gestaltung: Eine Maschine wird mit Instruktionen, Fragen oder Formeln gefüttert und erzeugt daraus Gedichte oder «Nonsense Poems». Aus Buchstaben, Zahlen oder Symbolen entstehen so – zufallsgeneriert oder nach Algorithmen – unterschiedliche Muster als Output.
Wie entsteht ein solches Gedicht?
Der Algorithmus steht im Zentrum. Mit einer bestimmten Anzahl Buchstaben lassen sich zum Beispiel Permutationsgedichte oder Anagramme generieren. Die künstlerische Intuition kommt bei der Auswahl der Zeilen ins Spiel. Ich entscheide, welche Kombinationen sinnvoll erscheinen und wie sie angeordnet werden.
Was reizt Sie daran, Sprache mit Technologie zu verbinden?
Intelligente Technologie benötigt Sprache – dabei kommen künstliche Sprachen, also Programmiersprachen, zum Einsatz. In der Schule war ich eine Niete im Deutschunterricht, doch über die Jahre habe ich mehr als ein Dutzend Programmiersprachen kennenund schätzen gelernt.
Ihre Texte werden oft als «Nonsense Poems» bezeichnet. Steckt dahinter vielleicht trotzdem eine Botschaft?
Klar. Ich weiss beim Produzieren nie genau, ob die generierten Zeilen Sinn ergeben. Manchmal regt eine scheinbar sinnlose Zeile den Geist mehr an als eine sinnvolle. So entstehen neue Assoziationen, die Leserinnen und Leser inspirieren, das Gedicht anders zu verstehen oder weiterzudenken.
Welche Rolle spielt Musik in Ihren Performances heute noch?
Meine Gedichte sind Klanggedichte. Ich verwende mein Bass-Cajon, um mit Hand- und Fingerschlägen auf unterschiedlich dicken Sperrhölzern Klangmuster zu erzeugen. Ursprünglich wurden solche Kisten von Sklaven auf Kuba benutzt, nachdem ihnen die traditionellen Trommeln weggenommen worden waren – als Mittel, um Gemeinschaft und Kultur zu bewahren.
Was treibt Sie an, sich nach Ihrer wissenschaftlichen Karriere der Kunst zu widmen?
Schon am Gymnasium Liestal habe ich Rechenmaschinen genutzt, um Gedichte zu generieren. Ich hatte damals Freude an Programmiersprachen und an Experimenten mit Algorithmen. Es macht mir Freude, diese Faszination in die Kunst zu übertragen.
Gibt es Themen, die sich wie ein roter Faden durch Ihr Werk ziehen?
Mein innerer Kompass beruht auf Mathematik und Musik. Nach meinen Studien in Wien wollte ich mein Hobby nicht zum Beruf machen und studierte deshalb Mathematik an der ETH Zürich. Das war ein Glücksfall, denn dort lernte ich in einer Kammermusikgruppe meine Frau kennen – wir spielten unter anderem das Schubert-Oktett und das Beethoven-Septett. Heute sind wir Grosseltern und versuchen, unsere Freude an der Musik an die Enkelkinder weiterzugeben.
Wie reagieren Menschen auf Ihre Performances?
Meine Auftritte finden meist im kleinen Rahmen statt. Wenn es mir gelingt, die Besucherinnen und Besucher abzuholen und vielleicht zum Mitmachen zu bewegen, bin ich glücklich. Viele geben nachher zurück, dass meine Welt fremd, aber anregend ist. Die treuesten Fans sind meine Enkelkinder, die spontan meine Gedichte zerpflücken oder mit diversen Schlaginstrumenten begleiten.
Warum haben Sie gerade Liestal als Aufführungsort gewählt?
In Liestal liegen meine musikalischen Wurzeln! Kaum konnte ich gehen, wollte ich das Trommeln lernen. Meine Eltern verlangten zunächst, dass ich Unterricht auf einem anderen Instrument nehme. Zum Glück fragte ich, für wie lange – und die Antwort lautete: mindestens ein Jahr. Zum Schrecken meiner Musiklehrerin gab ich nach diesem Jahr meine Blockflöte ab und konnte in Liestal mit dem Trommelunterricht bei der Rotstab-Clique beginnen.
Was unterscheidet eine Live-Performance Ihrer Gedichte von einem gedruckten Text?
Stephanie Jaeckel schreibt in ihrem Buch «Hölderlin leuchtet» auf Seite 5: «Gedichte müssen auch gelesen werden, sonst sind es keine Gedichte, sondern nur beschriebene Blätter Papier». Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Klanggedichte müssen auch performt werden, damit sie zum Klingen kommen.
Woran arbeiten Sie aktuell und wohin möchten Sie sich künstlerisch noch entwickeln?
Momentan arbeite ich an meinem neuen Lyrikband «Stechmücken – Poems für den geistigen Gebrauch». Geplant sind 17 mal 3 Gedichte. Mein Traum ist es, einige Poems mit einem 3D-Drucker in den Raum zu stellen.
Die Plätze für den Anlass am 17. April in der Buchhandlung Forum sind begrenzt. Anmeldung unter kontakt@forumbuch.ch.


