Zeitgeschichte – biografisch dokumentiert
19.03.2026 Sissach«Cheesmeyer»-Gespräch zum Thema Heimat
vs. Am Donnerstag, 26. März, diskutiert Ueli Mäder mit Helen Liebendörfer und Ruedi Epple im «Cheesmeyer» in Sissach darüber, wie sich der soziale Wandel biografisch zeigt.
...«Cheesmeyer»-Gespräch zum Thema Heimat
vs. Am Donnerstag, 26. März, diskutiert Ueli Mäder mit Helen Liebendörfer und Ruedi Epple im «Cheesmeyer» in Sissach darüber, wie sich der soziale Wandel biografisch zeigt.
Für Helen Liebendörfer drückt Heimat etwas Vertrautes aus. Wenn die Autorin historischer Romane nach Riehen geht, wo sie aufgewachsen ist, fühlt sie sich «zugehörig, wohl und daheim». Mit Erinnerungen verbunden, kenne sie hier «viele Menschen und jede zweite Ecke». Ihr neuer Roman, «Die einsame Nachtigall» (2025), führt allerdings nach Basel ins 13. Jahrhundert zurück. Im Vordergrund steht der Minnesänger Konrad von Würzburg. Die Biografie erhellt, wie dieser Dichter lebte, bevor die Eidgenossenschaft existierte. Der Rückgriff hilft auch zu verstehen, was sich heute tut. Zwar hat sich in der langen Zwischenzeit viel verändert. Ähnlich geblieben seien jedoch, so Helen Liebendörfer, «Menschen und ihre Gefühle». Ebenso die Verbundenheit mit prägenden Orten, die Heimat vermitteln.
Der frühere Roman von Helen Liebendörfer, «Nicht ohne Regenschirm» (2024), handelt ebenfalls in Basel. Er veranschaulicht, zeitlich näher, was ledige Frauen im 19. Jahrhundert bewegte und was die Industrialisierung für sie bedeutete: für ihre Ausbildung, ihren Beruf. Die Veränderungen beeinflussten auch, teilweise bis heute, Menschenbilder und die Stadtentwicklung.
Für Politologe Ruedi Epple ist Heimat der Ort, an dem er sich wohlfühlt und auskennt. Dazu gehöre, verwurzelt und mit Leuten verbunden zu sein, «mit der Landschaft vertraut, der Tradition und der Herkunft». Heimat drücke für alle etwas anderes aus und wandle sich: «Was ich als Heimat erlebe», so Epple, «muss nicht für alle Heimat sein.» Man könne sich auch selbst beheimaten und Heimat utopisch oder «als Ort des guten Lebens für alle» verstehen.
Wie soziale Netzwerke über Generationen verbinden oder trennen, eruiert Epple anhand der Gemeinde Sissach. Ein konkretes Beispiel ist Welt-Demokrat Ulrich Fausch, der Mann der bekannten Mundartdichterin Helene Bossert (1907–1999). Er war eher zurückhaltend und wenig bekannt, aber kein Aussenseiter. Fausch gehörte sogar zur politischen Elite, die ihn jedoch mit dem Verfemen seiner Frau ebenfalls diskriminierte. Derzeit untersucht Epple weiter, «wie sich nach dem Zweiten Weltkrieg politische Opposition herausbildete und organisierte».
Netzwerke sind heute «lockerer», resümiert der Soziologe: «Die Bedeutung, die Geburtsorte, Nachbarschaften oder berufliche Verbindungen haben, ist geringer geworden.» Vereine spielten hingegen nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie zeigten eben den Wandel auf, den lokale Netzwerke im Dorf erfuhren. Turn- und Sportvereine sowie Feuerwehr und Fasnacht verschaffen laut Epple nach wie vor Zugang zur dörflichen Gemeinschaft. Sie könnten «für die Verwurzelung oder Vernetzung sorgen», die er «als eine Voraussetzung von Heimaterfahrung» betrachtet.
Früher fand Ausschluss, präzisiert Epple, mehr «in Form von Sippenhaft» statt, wie am Beispiel Fausch angedeutet. Der Ausschluss habe damals, «etwa durch den Entzug politischer oder ziviler Rechte», eher härter gewirkt. «Wohl auch deshalb, weil man noch stärker gegenseitig aufeinander angewiesen war.» Persönlich durfte Epple später «auch als Militärdienstverweigerer das Recht, zu stimmen und zu heiraten, behalten». Heute nimmt er jedoch wahr, «dass Ausschluss anonymer abläuft». Unsere Gesellschaft stigmatisiere Kollektive als «Fremde», «Wirtschaftsflüchtlinge» oder «Asylanten». Sie suggeriere und benachteilige so «kollektive Identitäten». Und «grossen Minderheiten» bleibe damit, so Epple, «die politische Teilhabe als Voraussetzung einer Beheimatung weiterhin verbaut».
Gespräch zum Thema Heimat mit Helen Liebendörfer und Ruedi Epple, moderiert von Ueli Mäder,
Donnerstag, 26. März, 19.30 bis 21.00 Uhr,
«Cheesmeyer», Sissach.

