Worum geht es eigentlich?
23.04.2026 SportTunesien hat mich nicht nur mit Sonne und Meer empfangen, sondern vor allem mit einer Wucht an Herzlichkeit, die noch lange nachwirkt. Mit meiner Mutter und den beiden Kindern war ich kürzlich dort – eingeladen zu einer Hochzeit. Wir als «Fremde» wurden mit einer Offenheit ...
Tunesien hat mich nicht nur mit Sonne und Meer empfangen, sondern vor allem mit einer Wucht an Herzlichkeit, die noch lange nachwirkt. Mit meiner Mutter und den beiden Kindern war ich kürzlich dort – eingeladen zu einer Hochzeit. Wir als «Fremde» wurden mit einer Offenheit aufgenommen, die sich nicht planen lässt und die niemand erwarten kann. Sie war einfach da.
Natürlich sind wir aufgefallen. Und wie. Zwei blonde Kinder mit hellen Augen und deren ebenso helle Mutter … Wir waren nicht zu übersehen. Und es blieb nicht bei neugierigen Blicken: Wir wurden geküsst, berührt, angelächelt. Immer wieder wurden wir gebeten, für Fotos zu posieren, als wären wir selbst ein kleines Spektakel. In einem anderen Kontext könnte dies vielleicht irritierend wirken, hier aber fühlte es sich nie übergriffig an. Vielmehr wie ein Ausdruck ehrlicher Neugierde und Wärme.
Aufgefallen bin ich allerdings nicht nur wegen meines Aussehens. Sondern auch, weil ich als Frau Fussball gespielt habe. Spontan aus einem Moment heraus, ausgelöst durch einen simplen Kauf: Ein orangefarbener Ball von einem Marktstand, nichts Besonderes, eher billig gemacht. Und doch wurde genau dieser Ball zum Mittelpunkt. Kaum hatten wir ihn dabei, richteten sich alle Blicke darauf. Kinder kamen näher, schauten, warteten. Man sah den Neid, aber auch die Lust, mitzuspielen. Und dann wurde gespielt. Auf unebenen Plätzen, auf staubigem Boden, mit Bällen, die längst nicht mehr rund waren. Aber es spielte keine Rolle. Fussball ist auch in Tunesien ein Riesenthema – ein noch grösseres vielleicht sogar als hier, gerade weil er so wenig braucht. Ein Ball, ein paar Menschen … Schon entsteht etwas.
Mir wurde in diesen Momenten wieder einmal bewusst, wie verbindend Sport sein kann. Ohne Worte, ohne Vorurteile. Es ist egal, woher du kommst, wie du aussiehst und welche Sprache du sprichst – es geht einfach darum, miteinander zu spielen.
Natürlich kamen mir auch Vergleiche in den Sinn. All die vielen Situationen, in denen wir Frauen in den letzten Jahren immer wieder erklären mussten, warum wir Fussball spielen. In denen wir uns rechtfertigen, uns unseren Platz erst erkämpfen mussten. Die Vorurteile, die immer noch existieren. Und die Frage, warum überhaupt um eine Daseinsberechtigung gerungen werden muss für etwas, das so selbstverständlich sein sollte: Freude, Bewegung, Gemeinschaft.
Vielleicht liegt genau darin die grösste Stärke des Sports. Dass er uns immer wieder daran erinnert, wie einfach es eigentlich sein könnte.
Vera Gmür
Vera Gmür (1985) ist Präsidentin Frauenfussball beim FVNWS. Die Ormalingerin spielte früher selber im Halbprofibereich, heute engagiert sie sich für die Entwicklung des Mädchen- und Frauenfussballs in der Region und spielt bei den Seniorinnen des SV Sissach.

