Wohnen im Alter – weniger Dogma, mehr Unterstützung
20.01.2026 PolitikMarcel Staudt, Gemeindepräsident Lupsingen, parteilos
Irgendwann im Leben stellt sich die Frage: Passt mein Zuhause noch zu meinem Leben – oder passe ich mein Leben nur noch meinem Zuhause an? Es ist keine Frage des Alters im Pass, sondern des Alltags. Und ...
Marcel Staudt, Gemeindepräsident Lupsingen, parteilos
Irgendwann im Leben stellt sich die Frage: Passt mein Zuhause noch zu meinem Leben – oder passe ich mein Leben nur noch meinem Zuhause an? Es ist keine Frage des Alters im Pass, sondern des Alltags. Und gerade deshalb ist sie so schwer zu beantworten.
Die schleichende Verschlechterung der eigenen Lebensumstände erkennt man selten selbst. Man arrangiert sich. Der Garten wird nicht kleiner, aber die Kräfte schon. Die Treppe im Einfamilienhaus bleibt dieselbe, doch sie wird steiler. Das Kochen macht noch Freude – meistens zumindest. Es geht ja noch. Irgendwie.
Über all dem schwebt ein Dogma: in den eigenen vier Wänden alt werden. Ein Satz, der Geborgenheit verspricht, aber auch den Blick verstellen kann. Wer ihn hinterfragt, gilt schnell als jemand, der aufgibt. Dabei könnte es genau das Gegenteil sein.
Objektiv betrachtet sind die Vorteile eines Wechsels in eine moderne Seniorenwohnung erheblich. Der Garten, der früher Freude bereitete, heute aber mehr Last als Lust ist, verschwindet – ersetzt durch einen Park oder eine gemeinschaftliche Grünanlage. Die Küche bleibt, aber sie muss nicht mehr jeden Tag liefern. Ein Café oder Restaurant in Gehdistanz kann mit nachlassenden Kochkünsten locker mithalten – und bietet nebenbei Gesellschaft. Die Freiheit, Dinge zu tun, weil man will und nicht, weil man muss, ist ein unterschätzter Luxus.
Und dann ist da die Vereinsamung. Sie kommt leise. Nicht, weil man keine Freunde mehr hätte, sondern weil die Wege länger werden und die Mobilität abnimmt, auch und vor allem in unserer ländlichen Region der Frenkentäler. In einer Seniorenwohnanlage wird das soziale Leben wieder beiläufig: im Lift, im Café, im Gemeinschaftsraum oder im Garten. Man muss nichts organisieren, um nicht allein zu sein.
Vielleicht liegt die grösste Herausforderung nicht im Loslassen eines Hauses, sondern im Loslassen eines Selbstbildes, der Vorstellung, dass Unabhängigkeit nur dort existiert, wo man alles alleine macht. Dabei könnte wahre Selbstbestimmung genau darin liegen, sich rechtzeitig für ein Umfeld zu entscheiden, welches das Leben leichter und lebendiger macht – nicht, weil man nicht mehr kann, sondern weil man noch will. Doch nicht nur für die Betroffenen selbst bringt ein solcher Schritt Vorteile. Auch für unsere Gemeinden im oberen Baselbiet ist es wichtig, dass Seniorinnen und Senioren in Würde alt werden können. Vereinsamung im Eigenheim ist das in vielerlei Hinsicht nicht.
Wenn Einfamilienhäuser in den Frenkentälern frei werden, entsteht Raum für Neues. Junge Familien ziehen ein, Kinder beleben Quartiere, sichern Dorfschulen und Vereine. Sie stärken die Gemeindefinanzen und helfen mit, steigende Gesundheits- und Pflegekosten langfristig tragbar zu halten.
Damit stellt sich die politische Frage auch bei uns: Wie schaffen wir die richtigen Rahmenbedingungen – in den Gemeinden, im Kanton, auf Bundesebene? Heute zeigt sich oft ein Flickenteppich aus Gesundheitskostendebatten und der Sorge um Pflegekosten. Was fehlt, ist ein ganzheitlicher Ansatz: Stimmen die Rahmenbedingungen, entscheiden sich Seniorinnen und Senioren für kleinere, altersgerechte Wohnungen. Der zunehmende Pflegebedarf kann so früher, menschenfreundlicher und gleichzeitig kostengünstiger aufgefangen werden.
Würdevoll alt werden heisst nicht, am Vertrauten festzuhalten um jeden Preis, sondern sich rechtzeitig ein Umfeld zu schaffen, das trägt – heute und morgen.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

