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07.07.2026 SissachGeschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 2
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. In Teil zwei macht er Halt auf Sansibar und entdeckt, dass die Insel weit mehr zu bieten hat als türkisblaues Wasser und weisse ...
Geschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 2
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. In Teil zwei macht er Halt auf Sansibar und entdeckt, dass die Insel weit mehr zu bieten hat als türkisblaues Wasser und weisse Strände.
Hanspeter Gsell
Sansibar ist ein halb autonomer, aus Inseln bestehender Teilstaat vor Ostafrika und gehört zu Tansania. Die Inseln liegen an der «Küste der Schwarzen» – eine direkte Übersetzung des historischen arabischen Namens «Barr az-Zandsch», der die ostafrikanische Küste und die vorgelagerten Inseln bezeichnet, insbesondere die Region um das heutige Sansibar sowie die angrenzenden Gebiete in Kenia und Mosambik.
Sansibar spielte als Drehscheibe und Hafen für Waren wie Gold, Elfenbein und Sklaven eine wichtige Rolle für die Handelsströme des Indischen Ozeans. Die Inselgruppe umfasst 2654 Quadratkilometer, ihre Hauptstadt heisst ebenfalls Sansibar, und sie zählt rund 2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.
Der Sultan des Oman verlegte im 19. Jahrhundert seinen Regierungssitz nach Sansibar. Die Stadt war zu dieser Zeit der wichtigste Knotenpunkt für den Sklavenhandel an der ostafrikanischen Küste. 1873 wurde der Sklavenhandel auf Druck der Briten zwar offiziell verboten, jedoch weiterhin illegal betrieben. 1896 kam es zum Britisch-Sansibarischen Krieg – dem kürzesten Krieg der Geschichte. Er endete mit einem britischen Sieg und der Flucht des Sultans ins Ausland. Die Schlacht begann um 9 Uhr und dauerte nur 38 Minuten. Die Kapitulation der sansibarischen Streitkräfte erfolgte um 9.38 Uhr.
Die Sansibar-Türen
Stone Town («Steinerne Stadt») ist der älteste Stadtteil von Sansibar-Stadt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Insel eine wichtige Produzentin von Gewürznelken und die Stadt der grösste Sklavenmarkt an der ostafrikanischen Küste. Die Gebäude bestehen vorwiegend aus Korallengestein und Mangrovenholz und sind mit Kalkmörtel und Kalkputz ausgeführt. Der Baustil spiegelt die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse der Insel wider, ein Zusammenspiel von afrikanischen, indischen, arabischen und europäischen Traditionen. Es sind mehrheitlich zweistöckige Häuser, die um einen Hof gruppiert sind. Fast alle haben eine sogenannte Sansibar-Tür: geschnitzte Doppeltüren, welche die Häuser nicht nur vor Eindringlingen schützen.
Durch ihre Schnitzereien weisen sie auch auf die Herkunft ihrer Besitzer hin. Die swahilischen Türen sind schlicht und haben einfache Schnitzereien, die arabischen Türen haben aufwendig verzierte Rahmen mit Inschriften aus dem Koran. Am auffälligsten sind die indischen Türen: Sie verfügen über imposante, manchmal vergoldete Messingspitzen, die in Indien ursprünglich zum Schutz vor Elefanten verwendet wurden. Die engen, verwinkelten Gassen von Stone Town können nur von einachsigen Holzkarren, nicht aber von Autos passiert werden. Stone Town gehört heute zum Unesco-Weltkulturerbe.
Livingstone in Sansibar
Sansibar sollte eine grosse Bedeutung bei der Unterdrückung der Sklaverei bekommen. David Livingstone führte im 19. Jahrhundert von hier aus seine Kampagnen. Der Afrikaforscher wurde 1813 bei Glasgow geboren. Er besuchte, neben seiner Arbeit als Gehilfe in einer Spinnerei, die Schule, um lesen und schreiben zu lernen. Mit 23 Jahren nahm er Studien in Medizin und Theologie auf. Er entwickelte einen missionarischen Eifer und wollte Menschen in anderen Ländern zum Christentum bekehren. Der Weg war mühsam; heute können wir uns kaum mehr vorstellen, wie lange allein eine solche Reise dauerte. So brach Livingstone am 8. Dezember 1840 auf, kam im März 1841 in Südafrika an und erreichte die Missionsstation weiter nördlich erst im Juli.
Das Leben als Missionar war mühsam, entbehrungsreich und oft auch ergebnislos. Livingstone unternahm deshalb immer mehr Reisen. Eine davon führte ihn schliesslich nach Sansibar. Sein Wohnort an der «Bububu Road» wurde zum Ausgangspunkt seiner Expeditionen und Entdeckungen in Afrika. Er war der erste Europäer, der das südliche Afrika von Küste zu Küste durchquerte und die Victoriafälle beschrieb.
Sein eigentliches Ziel, dem Sklavenhandel entgegenzuwirken und die einheimische Bevölkerung für den Landbau und die Baumwollkultur zu gewinnen, konnte Livingstone nicht erreichen. Oder doch? Eines Tages wurde er Zeuge des Massakers von 400 Menschen durch arabische Sklavenhändler. Ein später von Henry Morton Stanley veröffentlichter Tagebucheintrag legt nahe, dieses Ereignis habe dazu beigetragen, dass der wichtigste Sklavenhandelsplatz Ostafrikas auf Sansibar schliesslich geschlossen wurde.
Ins Pfefferland!
Stone Town hat noch einen berühmten Sohn. Freddie Mercury wurde am 5. September 1946 als Farrokh Bulsara in Sansibar geboren. Als Mitbegründer, Songwriter und Leadsänger der Band Queen wurde er zu einem der richtungsweisenden Komponisten und Rocksänger der 1970er- und 1980er-Jahre. Mercury schrieb Welthits wie «Bohemian Rhapsody», «We Are the Champions», «Don’t Stop Me Now» und «Living on My Own». 1954 schickten ihn seine Eltern nach Indien. In Bombay besuchte er ein englischsprachiges Internat – und bekam dort den Spitznamen «Freddie», den er sein Leben lang behielt.
«Ins Pfefferland» wünschte mich mein Geschichtslehrer in den 1960er-Jahren. Jetzt aber war ich im Pfefferland! Und was kauft man dort? Pfeffer. Schwarzen Pfeffer. Pfeffer wurde zeitweise mit Gold aufgewogen. Nachdem in Europa zahllose Apotheker behauptet hatten, Pfeffer sei zudem ein Aphrodisiakum, kam man kaum mehr nach mit dem Geldzählen. Die durch den Gewürzhandel reich gewordenen Kaufleute nannte man verächtlich «Pfeffersäcke», ein heute noch gebräuchlicher Begriff für reiche, rücksichtslose und machtgierige Menschen.
Pfeffer kann fast ausnahmslos überall in der Küche verwendet werden: ob grün (aus unreifen Früchten), schwarz (aus reifen, fermentierten Früchten) oder weiss (geschälter schwarzer Pfeffer). Die berühmte Prise macht vielfach den Unterschied. Ausser beim rosa Pfeffer, der immer wieder in vermeintlich raffinierten Küchen auftaucht: Dabei handelt es sich um die beinahe geschmacklose Frucht des brasilianischen Pfefferbaums. Der ist nett anzusehen, aber aus kulinarischer Sicht unbrauchbar.
Unser Pfeffer stammt von einem Abfüller namens Aroma aus Darajani. Warum die Bauern ihr Produkt «Paper» (Papier) und nicht «Pepper» (Pfeffer) nennen, ist uns nicht bekannt.
Paradies mit Schattenseiten
Paradies, türkisblaues Wasser, weisse Korallenstrände, karibisches Feeling mit frischen Kokosnüssen – welch ein Traum! Ja, Sansibar ist ein Paradies. Zumindest teilweise. Die Schattenseite einer Insel, die vom Tourismus lebt: Es fällt viel Müll an, und der ist immer sichtbar. Auch an einsamen Stränden liegen alte Plastikflaschen neben verrotteten Turnschuhen. Kaum ein Hotel wird auf seiner Website schreiben: «Wir haben die schönsten Zimmer der Insel und vor unseren Toren liegen tolle Müllberge.» Auch wird man nicht schreiben, dass Sansibar wegen des hohen Wasserverbrauchs kaum genügend Trinkwasser für die eigene Bevölkerung hat.
Es ist Abend geworden in Sansibar. Wir sind zurück auf dem Schiff. Morgen werden wir in Daressalam anlegen, aussteigen werden wir jedoch nicht. Aufgrund der politischen Situation vor Ort und weil wir keine Lust auf eine weitere Millionenstadt in Afrika haben, verbringen wir lieber einen ruhigen Tag an Bord. Das EDA, das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten, hatte uns bereits im Vorfeld gewarnt: In Daressalam sei äusserste Vorsicht geboten, Kriminalität sei im ganzen Land weit verbreitet. Uns ist die Lust vergangen. Wir freuen uns auf Madagaskar.
Geschichten aus dem Indischen Ozean
vs. Hanspeter Gsell (Sissach), Autor und «Volksstimme»- Kolumnist, ist wieder unterwegs – dieses Mal auf dem Schiff: Auf einer Fahrt durch den Indischen Ozean konnte er eine ganze Menge neuer Inseln sammeln. Die siebenteilige Serie in der «Volksstimme» beinhaltet Reportagen und Geschichten aus Mombasa, Sansibar, Madagaskar, Praslin und La Digue. In lockerer Reihenfolge veröffentlichen wir seine Erzählungen. Unser Tipp: Lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Eine Sommerserie, nicht nur für Daheimgebliebene!




