Wo Demenz willkommen ist
08.04.2026 OberdorfBarbara Rüegsegger bietet Betreuung und einen Ort zum Durchatmen
Barbara Rüegseggers Firma nennt sich «Demenz na und!». Menschen mit Demenz und Depressionen sowie Vereinsamte finden hier offene Türen vor.
Elmar Gächter
Es ...
Barbara Rüegsegger bietet Betreuung und einen Ort zum Durchatmen
Barbara Rüegseggers Firma nennt sich «Demenz na und!». Menschen mit Demenz und Depressionen sowie Vereinsamte finden hier offene Türen vor.
Elmar Gächter
Es fühlt sich an, als betrete man kein nüchternes Lokal wie das vormalige Restaurant, sondern einen Ort, an dem man sich sofort wohl fühlt: eine heimelige Wohnstube. Grün und Pink, die Lieblingsfarben der Gastgeberin, verleihen dem Raum eine angenehme Atmosphäre. Farbig präsentieren sich auch die selbst gemachten Gegenstände auf dem Ausstellungstisch, darunter die «Glückswürmli», die künftig noch eine spezielle Bedeutung erhalten werden.
Barbara Rüegsegger hat hier, bei der Station der Waldenburgerbahn in Oberdorf, 2024 den Mehrgenerationen-Treffpunkt «Demenz na und!» ins Leben gerufen. Sie bietet Betreuung für Menschen mit Demenz an, um ein paar Stunden für sie da zu sein, ihnen zuzuhören, mit ihnen Gespräche zu führen, zu stricken, zu spielen oder zu basteln. Das Haus ist auch offen für depressive und einsame Menschen.
Die 55-jährige Bernerin aus dem Emmental ist diplomierte Hauspflegerin. Schon als junge Frau hat sie in der Pflege gearbeitet, davon viele Jahre als Nachtwache auf Demenzstationen. Sie hat sich laufend weitergebildet und sich 2020 selbstständig gemacht. Bis zu ihrem Umzug nach Oberdorf betreute sie Demenzkranke in deren Zuhause. «Ich habe in meinem Berufsleben viele krankheitsbedingte Problemfälle erlebt und stelle fest, dass laufend mehr Menschen von Demenz, Depressionen und Einsamkeit betroffen sind, zunehmend auch jüngere», hält Barbara Rüegsegger fest.
Bedarf nimmt zu
In einigen Jahren werde es viel zu wenige Plätze geben, an denen man sich um diese Kranken kümmert, und auch zu wenig Personal. «Demenz gehört zu unserer Gesellschaft, auch wenn viele Leute nicht gerne darüber sprechen», sagt sie. Umso wichtiger sei es, dass es Rückzugsmöglichkeiten gebe, damit die betreuenden Angehörigen sich eine kurze Auszeit nehmen können.
Vor dem ersten Aufenthalt führt Barbara Rüegsegger ein Gespräch mit der dementen Person und deren Bezugsperson. «Ich möchte möglichst viel von den Demenzkranken erfahren, damit ich sie dort abholen kann, wo sie stehen und sie sich hier wohl fühlen können.» Dass jemand wegen der neuen Umgebung Stress empfindet und sich zurückzieht, gehöre zu dieser Krankheit. «Man muss ihnen Zeit geben, sich zu öffnen; ich habe hier absolut keinen Zeitdruck», betont Rüegsegger. Im Vorgespräch werde zudem die Höhe der Entschädigung vereinbart, die sich nach den finanziellen Möglichkeiten der betreuten Person richtet. Dass ihre Tätigkeit und die jener Personen, die Angehörige zu Hause betreuen, nicht von der öffentlichen Hand entschädigt wird, stört Rüegsegger zunehmend.
Ein wichtiger Teil ihrer Dienstleistung liegt in der Beratung von Angehörigen. Diese kämen oft schnell an ihre Grenzen und schätzten es, wenn sie helfen könne oder über ihr Beziehungsnetz die nötigen Kontakte vermittle. Barbara Rüegsegger erwähnt zudem die Trauergruppe, die sie vor ein paar Jahren nach dem Suizid ihres Sohnes gegründet hat, um Menschen mit dem gleichen Schicksal zusammenzubringen und um ihre Erfahrungen der Trauerbewältigung auszutauschen.
Jede Person sei in ihrem Mehrgenerationen-Treffpunkt willkommen, ohne sich vorher anmelden zu müssen, und sei es auch nur, um einen Kaffee zu trinken und ein paar Worte zu wechseln. So könne es durchaus vorkommen, dass plötzlich bis zu zehn Personen am Tisch sitzen und sich ungezwungen austauschen: «Solche Orte gibt es ja kaum mehr im Waldenburgertal», bedauert sie.
Hündin öffnet die Herzen
«Man kennt mich eigentlich nur mit meiner Hündin Ljna, sie begleitet mich bereits seit 11 Jahren», sagt Barbara Rüegsegger. Die meisten ihrer Besucherinnen und Besucher, auch Demenzkranke, spürten, wie gut ihnen die Anwesenheit der Labrador-Dalmatiner-Dame tue. «Sie ist ein richtiger Herzensöffner und weiss genau, zu wem sie gehen darf und zu wem nicht.» Wer Angst vor Hunden habe, könne an der Hausglocke läuten, damit sie Ljna vorübergehend in einen anderen Raum bringen kann. Die älteren Leute schätzten es zudem sehr, von Kindern umgeben zu sein.
Wer bei Barbara Rüegsegger zu Besuch ist, darf sich ein «Glückswürmli» – ein Maskottchen – aussuchen, das sie aus Polyester oder Restenwolle selber herstellt, natürlich in ihren Lieblingsfarben grün und pink. «Glückswürmli» wird auch jene Stiftung heissen, in die sie ihre Einzelfirma umwandeln will. Auch wenn sie momentan ihre Dienstleistungen allein anbietet und nur beschränkt Kundinnen und Kunden aufnehmen kann, ist sie überzeugt, dass ihr Mehrgenerationen-Treffpunkt laufend an Bedeutung gewinnen wird.

