WM-Countdown
10.07.2026 PolizeiDer Countdown hat an der Fussball-Weltmeisterschaft längst begonnen. Im Hinblick auf die WM in vier Jahren, wenn sich der Anlass von drei auf sechs Austragungsländer ausweitet, zählen wir hier auf, was wir bis dann sprachlich und journalistisch nicht vermissen werden:
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Der Countdown hat an der Fussball-Weltmeisterschaft längst begonnen. Im Hinblick auf die WM in vier Jahren, wenn sich der Anlass von drei auf sechs Austragungsländer ausweitet, zählen wir hier auf, was wir bis dann sprachlich und journalistisch nicht vermissen werden:
10. Originelles: Gerne verzichten wir auf die Lektüre, wenn zum Beispiel im Sportteil der «Basler Zeitung», notabene an einem Montag, eine Lifestyle-Redaktorin auf einer ganzen Seite schöne und scheussliche Trikots vorstellen darf. Dieses Niveau auf der nach unten offenen Originalitätsskala unterbietet der Verbund der «Aargauer Zeitung», einschliesslich die «bz», locker. Dort wird ebenfalls auf der Aufschlagseite des Sportteils vom Montag dieser Woche ein Jus-Professor zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen befragt, die unausgeschlafenen Fans am Morgen im Büro drohen könnten. Da nimmt es sich geradezu bieder aus, wenn ein anderes Blatt in gleicher Grösse die Geheimnisse lüftet, die hinter den verschiedenen Torjubel-Posen der Schweizer stecken, oder wenn der Nationaltrainer unmittelbar nach dem Sieg am Fernsehen gefragt wird, ob er sich nun ein Glas Wein gönne.
9. Puritanisches: «Nati», die Verkürzung des Begriffs «Nationalmannschaft», ist seit jeher der gewohnte Übername für das Schweizer Team. Er wird von den Anhängern in Endlosschlaufe gesungen. Die Spieler haben ihn sogar geadelt, indem sie das Vierbuchstaben-Wort auf ihren T-Shirts tragen. Deshalb müssen uns Sprachpolizisten nicht darauf aufmerksam machen, dass das Wort gleich ausgesprochen wird wie Hitlers Gefolgsleute. Das ist allen bewusst und niemand benötigt Alternativen, erst recht keine Witzigen (siehe Originelles).
8. Leserbriefe: Wenn sich die Schweiz zum Auftakt blamiert, nicht gleich rassistische Leserbriefe verfassen und, liebe Redaktionen, erst recht nicht veröffentlichen. Auch keine Ratschläge an den Trainer. Lieber eine Bewerbung schicken an: SFV, Worbstrasse 48, 3974 Muri b.B. Stichwort «Muri». A-Post empfohlen.
7. Sechzehner: Die Deutschen nennen ihn den Strafraum, die wahren Fachleute bezeichnen ihn inzwischen als «Box» und Duracell-Läufer als «Box to box»-Spieler. Lassen wir uns von ihnen allen nicht ins Boxhorn jagen! Schliessen wir uns dem Kolumnisten Pedro Lenz an, der in der «bz» dazu aufruft, es doch beim guten, alten «Sechzehner» bewenden zu lassen.
6. «Weltklasse»: Ein punktgenaues oder überraschendes Zuspiel an einer Fussball- oder auch an einer Eishockey-WM muss nicht immer mit diesem Prädikat veredelt werden. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass hier die weltweit Besten und Genialsten ihres Fachs ihr Tagwerk abliefern.
5. Wir: Die Unsitte, bei Erfolgen über das eigene Nationalteam in der Wir-Form zu schreiben, wurde an dieser Stelle bereits angeprangert. 4. Public Viewing: Dieser scheussliche Anglizismus steht für öffentliche Übertragungen. Richtig: Schauen wir doch lieber gemeinsam statt einsam. Gleichwohl darf hinterfragt werden, ob das Schweizer Fernsehen in den Hauptausgaben seiner Nachrichten darüber berichten und fortwährend euphorisierte Fans ins Mikrofon kreischen lassen muss.
3. Hydration Break: Der nächste Anglizismus. Er steht für eine ärgerliche Neuerung, zu Deutsch eine Trinkpause. Ehrlicher wäre es, ihn als Werbeunterbrechung zu benennen, während der die Dollars rollen.
2. Geschichte schreiben: Auf der Titelseite der «bz» vom 2. Juli wird in der Überschrift verraten, dass Murat Yakin und die Schweiz «Geschichte schreiben» wollen; in der «NZZ» findet sich in einem Bericht über die gleichen Akteure der Zwischentitel «Geschichte schreiben». Kann eine Mannschaft dank des aufgeblähten Turniers erstmals eine WM bestreiten, so fällt diese Wendung unweigerlich, sobald sie das erste Tor erzielt, das erste Gegentor einfängt oder den ersten Punkt einfährt. Die getadelte «bz» war da am 24. Juni auf ihrer Frontseite weit einfallsreicher, als sie zur Hitze fett titelte: «Ein Juni für die Geschichtsbücher».
1. Der Doppelpack: Irgendein origineller deutscher Sportjournalist muss den Begriff «Doppelpack» ersonnen und ihn vorne mit dem männlichen Artikel «der» und hinten mit dem Verb «schnüren» versehen haben. Seither breitet er sich schneller aus als die Tapinoma-Ameise in Böckten. Längst hat die schreibende von der schreienden Zunft die Wendung übernommen, ebenso die nüchternen Nachrichtensprecher der «Tagesschau». Wurde einst bei drei Toren eines Spielers noch der «lupenreine Hattrick» bejubelt, so setzt er heute «dem geschnürten Doppelpack noch einen drauf». Wetten? Gelingt einem Spieler nur ein Tor, bejubelt ein findiger Reporter schon bald den halben Doppelpack. Und alle plappern es ihm nach.
Jürg Gohl
