«Wissen ist regelrecht explodiert»
21.05.2026 BaselUni-Rektorin Andrea Schenker-Wicki über 25 Jahre Bologna-Reform und KI-Gegenwart
Im Mai 2001 verabschiedeten mehrere Staaten das Prager Kommuniqué. Es konkretisierte die Umsetzung des Bologna-Prozesses und bekräftigte das Ziel eines gemeinsamen Europäischen ...
Uni-Rektorin Andrea Schenker-Wicki über 25 Jahre Bologna-Reform und KI-Gegenwart
Im Mai 2001 verabschiedeten mehrere Staaten das Prager Kommuniqué. Es konkretisierte die Umsetzung des Bologna-Prozesses und bekräftigte das Ziel eines gemeinsamen Europäischen Hochschulraums. Andrea Schenker-Wicki, Rektorin der Universität Basel, blickt zurück.
Erika Bachmann
Frau Schenker-Wicki, wie kam es dazu, dass die Schweiz im Jahr 1999 die Bologna-Erklärung unterschrieb?
Andrea Schenker-Wicki: Ich war damals im Bundesamt für Bildung und Wissenschaften, dem heutigen Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, verantwortlich für die Universitäten und erinnere mich gut daran, dass es heftige Diskussionen zu diesem Thema gab, weil der damalige Staatssekretär die Bologna-Erklärung – die Basis des Bologna-Vertrags – ohne Rücksprache mit den Rektorinnen und Rektoren der Universitäten unterschrieben hatte, diese aber die ganze Umsetzungsarbeit leisten mussten. Es haben alle geschimpft!
Weshalb kam es zur Reform?
Der Hintergrund für die Bologna-Reform war ernst: die fehlende Wettbewerbsfähigkeit Europas gegenüber den USA und Asien. Dabei ging es nicht, wie heute, um KI oder Computerchips, sondern darum, dass wir über einen fragmentierten Hochschulraum verfügten mit einer Reihe von Abschlüssen, die in jedem Land anders lauteten und nicht vergleichbar waren. Europa war als Studienort für Talente aus Asien und den USA nicht attraktiv und unsere Absolventinnen und Absolventen waren für den internationalen Arbeitsmarkt nicht attraktiv. Eine Harmonisierung war daher durchaus sinnvoll.
Wie haben Sie die Änderungen im Hochschulsystem persönlich wahrgenommen?
Ich habe sie als Mitglied der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich miterlebt. Wichtig waren für uns die Harmonisierung der Abschlüsse, eine Revision der Curricula und die Einführung von gemeinsamen Qualitätsstandards.
Was genau bewirkten die Veränderungen?
Mit der Bologna-Reform wurden ein Bachelor- und Masterstudium mit einem Punktesystem eingeführt. Mit diesem Punktesystem wurde zum ersten Mal der tatsächliche Aufwand ausgewiesen, den die Studierenden bewältigen müssen, um in einem Fach eine Prüfung zu bestehen. Zusätzlich wurden die Curricula besser strukturiert und in vielen Fällen modernisiert. Das heutige Bachelor-Studium ist umfangreicher als früher ein Grundstudium und mit einem Bachelorabschluss verfügen die Studierenden bereits über einen auf dem Arbeitsmarkt anerkannten universitären Titel. Mit diesem Abschluss kann man entweder in den Arbeitsmarkt einsteigen oder sich für ein Masterstudium entscheiden.
Welche Ausgangslage hat man heute am Studium-Start?
Es ist nun klar definiert, wann man im Studium wie viele ECTS-Punkte erwerben muss. Im Bachelor-Studium erfolgt die Grundlagenausbildung, die dann im Master vertieft werden kann. Es ist heute einfacher, im Studium die Richtung zu wechseln, und man kann zwischen Bachelor und Master auch eine Pause einlegen und einige Jahre arbeiten. Als Studentin oder Student kann man sich darauf verlassen, dass unsere Abschlüsse international anerkannt sind. Dies erleichtert den Einstieg in den nationalen und internationalen Arbeitsmarkt.
Welche Herausforderungen gibt es heute für die Universität Basel?
Eine der grössten Herausforderungen ist und bleibt der Umgang mit den knappen Mitteln – und der Anspruch, mit diesen Ressourcen möglichst viel zu bewirken. Als ehrgeizige Rektorin an einer ehrgeizigen Universität ist es mir sehr wichtig, dass wir in der Lehre und Forschung erfolgreich sind und auf internationaler Ebene unsere Wettbewerbsfähigkeit weiterhin erhalten können. Wir sind in verschiedenen Rankings immer noch sehr gut aufgestellt und behaupten unsere Plätze. Dies ist allerdings nur möglich, weil an unserer Universität alle so gut mitziehen und dieses Ziel mit grossem Engagement verfolgen.
Man sagt manchmal, die jungen Leute hätten es schwerer oder strenger in der Ausbildung als früher. Wie nehmen Sie dies wahr?
Der Anspruch an ein Studium ist meines Erachtens insgesamt gestiegen. Die Wissensgesellschaft generiert andere Anforderungen als die Industriegesellschaft. Das Wissen ist in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert und sehr viel Neues ist dazugekommen. Aber nicht alles, was publiziert wird, ist auch relevant. Deshalb muss von den Dozierenden sorgfältig abgeklärt werden, welches Wissen vermittelt werden soll. Da das Wissen heute viel schneller veraltet als früher, müssen wir alle viel agiler sein und uns ständig aufdatieren und dazulernen. Es ist nicht ganz einfach, sich in der Informationsflut zurechtzufinden und schnell zu erkennen, welche Informationen wirklich von Bedeutung sind.
Wie wird im Lernplan und im Unterricht mit der KI-Thematik umgegangen?
Das Thema Künstliche Intelligenz ist sehr relevant und eine grosse Herausforderung. In der Forschung setzen wir bereits stark auf KI und haben entsprechende Professuren eingerichtet. In der Lehre ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz ebenfalls eine grosse Herausforderung; sie wird bereits in praktisch allen Fächern angewendet. Es ist tatsächlich so, dass dadurch für die Dozierenden ein zusätzlicher Aufwand generiert wird, um stets aktuell zu sein und für die Studierenden einen Mehrwert zu schaffen. Auf nationaler Ebene tauschen wir uns unter den Hochschulen zu diesem Thema regelmässig aus, um voneinander zu lernen und die «best practises» zu diskutieren.
Wie sehen Sie das Thema der Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt?
Ich bin der Ansicht, dass wir hier in Europa – im Gegensatz zu Asien – regelmässig wertvolles Humankapital vernichten. Es wird aber wahrscheinlich erst eine Veränderung möglich sein, wenn es eine Reform der Sozialversicherungen gibt, damit erfahrene Berufsleute mit zunehmendem Alter nicht «zu teuer» werden. Selbstverständlich geht es nicht darum, den gesamten Arbeitsmarkt umzukrempeln, sondern darum, erfahrene Berufsleute auf dem Arbeitsmarkt zu halten, sofern sie dies gerne möchten.
Worauf sind Sie stolz in Ihrer Arbeit für die Universität Basel?
Besonders stolz bin ich auf unsere Mitarbeitenden, die jeden Tag ihr Bestes geben und daran arbeiten, neues Wissen zu generieren und unsere Welt ein bisschen besser, resilienter und nachhaltiger zu machen. Wir dürfen uns dabei als profilierte Volluniversität auf ganz verschiedene Fakultäten stützen, die uns helfen, die grossen Probleme unserer Zeit von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten und dafür Lösungen zu finden. Wir brauchen einander, denn nur gemeinsam können wir Ergebnisse liefern, die man in der Realität umsetzen kann.
Welche Projekte und Aufgaben konnten Sie an der Universität Basel voranbringen?
Mit der Gründung des Instituts für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB) in der Augenheilkunde haben wir gemeinsam mit Novartis und dem Kanton Basel-Stadt sowie dem Universitätsspital Basel eine Forschungseinheit etabliert, die mit sehr guten Ergebnissen unterwegs ist. Das IOB hat zum Ziel, sehbehinderten Menschen das Augenlicht zumindest teilweise wieder zurückzugeben.
Und sonst?
Weiter gibt es eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Basel Research Center for Child Health (BRCCH) als gemeinsame Forschungseinrichtung der Universität Basel und der ETH Zürich. Ziel ist hier, die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weltweit durch digitale Innovationen sowie neue Diagnose- und Therapiemethoden mit der Nutzung Künstlicher Intelligenz zu verbessern. Schliesslich konnten wir 2017 erfolgreich eine Innovations-Initiative lancieren, die Forschende aus allen Fakultäten bei der Gründung von Spin-offs und Start-ups unterstützt. Diese Initiative wird nun auf den Verbund der oberrheinischen Universitäten ausgeweitet.
Welche Werte sind Ihnen in der Führung besonders wichtig?
Für mich ist zentral, dass man Entscheidungen transparent kommuniziert, fair agiert sowie wertschätzend und mit Toleranz die Führungsaufgaben erfüllt.
Ihre Zeit als Rektorin dauert noch bis Juli kommenden Jahres.
Was möchten Sie Ihrer Nachfolge dann mitgeben?
Wichtig ist, offen zu sein für alles Neue und die Freude an der Arbeit nicht zu verlieren. Ich freue mich immer noch – nach all den Jahren – darüber, dass ich an dieser Universität arbeiten darf, zusammen mit all den wunderbaren Menschen, die hier studieren, lehren, forschen oder in der Verwaltung arbeiten.
Worauf freuen Sie sich besonders nach Ihrer Uni-Basel-Zeit?
In erster Linie freue ich mich darauf, dass ich meine Agenda selbst bestimmen kann. Das ist eine Freiheit, wie ich sie aktuell nicht kenne.
Zur Person
eba. Andrea Schenker-Wicki (66) lebt in Zürich. Seit August 2015 ist sie Rektorin der Universität Basel – als erste Frau in der Geschichte der Uni. Sie studierte Lebensmittelwissenschaften an der ETH Zürich sowie Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich, promovierte 1990 in Freiburg (CH) und habilitierte sich 1996 an der Universität St. Gallen. Heute ist sie Vizepräsidentin von «swissuniversities» und Präsidentin von «Eucor – The European Campus». Mehrere Universitäten verliehen ihr Ehrendoktorwürden.
Podium zur Finanzierung der Uni Basel aus Baselbieter Perspektive: Donnerstag, 4. Juni, 19.30 Uhr, Obere Fabrik, Sissach.

