«Wir wollen näher am Geschehen sein»
24.09.2026 TurnenChristian Furler hat an der Spitze des NKL die Verantwortung übernommen
Beim NKL soll ein Generationenwechsel im Vorstand für frischen Wind sorgen. Der neue Präsident Christian Furler spricht über neue Ziele, sportliche Ambitionen und den Umgang mit den negativen ...
Christian Furler hat an der Spitze des NKL die Verantwortung übernommen
Beim NKL soll ein Generationenwechsel im Vorstand für frischen Wind sorgen. Der neue Präsident Christian Furler spricht über neue Ziele, sportliche Ambitionen und den Umgang mit den negativen Schlagzeilen der vergangenen Jahre.
Thomas Ditzler
Herr Furler, seit rund einem halben Jahr sind Sie Präsident des Nordwestschweizerischen Kunstturn- und Trampolinzentrums Liestal (NKL). Was war Ihr Beweggrund, dieses Amt zu übernehmen?
Christian Furler: Ich war selbst als Turner im NKL aktiv und nach meiner Karriere zunächst als Kampfrichter und später im Vorstand tätig. Mir war es immer wichtig, dem Verein etwas zurückzugeben. Denn das Turnen war für mich mehr als nur Leistungssport. Ich habe viel fürs Leben gelernt, etwa Disziplin und Durchhaltewillen. Als sich im Vorstand ein Generationenwechsel abzeichnete, war ich bereit, gemeinsam mit dem neuen Gremium mehr Verantwortung zu übernehmen. Ein grosses Anliegen ist uns dabei, stärker auf die Menschen und Organisationen im Umfeld des NKL zuzugehen.
Mit welchen Plänen haben Sie das Präsidium angetreten und welche konnten Sie bereits in Angriff nehmen?
Zu Beginn ging es vor allem darum, die Strukturen und Abläufe kennenzulernen. Nur drei von sieben Mitgliedern hatten bereits zuvor im NKL-Vorstand mitgearbeitet. Entsprechend brauchten wir eine gewisse Anlaufzeit, um herauszufinden, wo die wichtigsten Handlungsfelder liegen. Ein Schwerpunkt war die Kommunikation. Wir haben gegenüber den Eltern klarer aufgezeigt, welche Meldewege bei Anliegen gelten – vom Trainer über den Cheftrainer und die Stützpunktverantwortlichen bis hin zur Geschäftsleitung. Gleichzeitig möchten wir unsere Trainer noch stärker für das Trainingsklima sowie für pädagogische und ethische Fragen sensibilisieren. Dabei orientieren wir uns unter anderem am Ethik-Kompass von Swiss Olympic. Uns ist wichtig, dass Verbesserungspotenzial offen angesprochen werden kann. Ein weiteres grosses Thema sind die Finanzen. Unsere Möglichkeiten sind knapp, weshalb wir neue Einnahmequellen erschliessen möchten. Gleichzeitig überprüfen wir derzeit unsere internen Abläufe und schauen, wo wir effizienter arbeiten, Kosten sparen und zusätzliche Einnahmen generieren können.
Sie sprechen die Kommunikation an. Wurde sie vernachlässigt?
Die Kommunikationswege waren schon vorher klar definiert. Das Problem war eher, dass wir als Vorstand zu wenig nah am Geschehen waren. Das möchten wir ändern und stärker mitbekommen, was in der Halle läuft. Wichtig ist uns ein regelmässiger und möglichst direkter Austausch mit den Turnenden, Eltern und Trainerinnen und Trainern. Zudem haben wir eine Person, die für ethische Fragen verantwortlich ist und an die sich unsere Mitglieder mit Anliegen auch anonym wenden können. Unser Ziel ist es, den Kommunikationsfluss insgesamt zu verbessern und Informationen möglichst ungefiltert mitzubekommen.
Neben Ihnen gab es weitere personelle Veränderungen. Welche konkreten Aufgaben hat sich der neue Vorstand vorgenommen?
Was ich sehr positiv finde, ist die neue Zusammensetzung. Mehrere Mitglieder sind Eltern von aktiven Turnerinnen und Turnern, mit Jonas Munsch ist zudem ein weiterer ehemaliger Turner dabei. Wir haben uns unter anderem vorgenommen, gegen aussen sichtbarer zu werden. Wir möchten stärker vermitteln, dass das NKL neben dem Leistungssport zahlreiche Breitensportangebote für Jung und Alt bietet. Gleichzeitig wollen wir die Zusammenarbeit mit unseren Stakeholdern und anderen Vereinen intensivieren, Synergien nutzen und uns in der Turn- und Sportwelt im Baselbiet noch besser vernetzen. Unser Herz schlägt natürlich für den Leistungssport. Dabei geht es uns aber nicht um Leistung um jeden Preis. Wir möchten unsere Turnerinnen und Turner auch in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten. Ob es am Ende für das Nationalkader oder eine Goldmedaille reicht, ist das eine. Entscheidend ist auch, dass sie aus ihrer Zeit im Sport etwas fürs weitere Leben mitnehmen.
Sie sprechen das Trainingsklima an. In den vergangenen Jahren war das NKL wegen Missbrauchsvorwürfen in den Schlagzeilen. Wie stark prägt diese Vergangenheit Ihre Arbeit?
Diese Vergangenheit hat uns in den vergangenen Jahren stark begleitet und war belastend. Für uns ist deshalb zentral, transparent und offen damit umzugehen und selbstkritisch zu prüfen, wo wir uns weiter verbessern können. Wir wollen ein Trainingsklima schaffen, in dem sich alle sicher fühlen und wissen, an wen sie sich mit einem Anliegen wenden können. Meldungen müssen ernst genommen, gehört und an die richtigen Stellen weitergeleitet werden. Gleichzeitig sensibilisieren und schulen wir unsere Trainerinnen und Trainer im Bereich Ethik. Wir nehmen jede Rückmeldung von Turnerinnen und Turnern ernst. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass Leistungssport mit anspruchsvollen und teilweise sehr fordernden Trainings verbunden ist. Umso wichtiger ist es, klare Grenzen zu haben und ein Umfeld zu schaffen, in dem Leistung und ein gutes Trainingsklima miteinander vereinbar sind.
Waren diese Vorkommnisse ausschlaggebend für Rochaden im Vorstand?
Das war vielmehr ein Generationenwechsel. Einige Vorstandsmitglieder hatten sich über sehr viele Jahre für das NKL engagiert, teilweise während rund 30 Jahren. Gleichzeitig waren bereits einige neue Personen dabei, und es bestand auch von aussen Interesse, im Vorstand mitzuwirken. Dadurch war für uns der richtige Zeitpunkt gekommen, diesen Generationenwechsel zu vollziehen.
Die damals beschuldigte Trampolin-Trainerin arbeitet weiterhin im NKL. Es handelt sich um ein laufendes Verfahren. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Wir haben uns entschieden, die Trainerin weiterhin zu beschäftigen und gleichzeitig Massnahmen getroffen, um das Training entsprechend abzusichern. Dazu gehört beispielsweise, dass die betreffende Trainerin nie allein mit den Turnenden in der Halle ist. Zudem haben wir Strukturen geschaffen, damit allfällige Vorkommnisse oder Rückmeldungen unmittelbar wahrgenommen und weitergeleitet werden können. Für die Trainerin gilt während des laufenden Verfahrens die Unschuldsvermutung. Gleichzeitig nehmen wir unsere Verantwortung für ein ethisch korrektes Trainingsumfeld sehr ernst. Mit der Trainerin haben wir gute Erfahrungen gemacht. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe haben sich zudem mehrere Eltern für ihren Verbleib ausgesprochen. Wir bringen ihr deshalb weiterhin Vertrauen entgegen, behalten aber die getroffenen Schutz- und Kontrollmassnahmen bis zum Abschluss des Verfahrens bei.
Sie sprechen von einem Neustart. Gleichzeitig arbeitet die Trainerin, gegen die Vorwürfe erhoben wurden, weiterhin am NKL. Wie passt das zusammen?
Mit Neustart meine ich in erster Linie frischen Wind: Wir wollen bestehende Strukturen hinterfragen, Verbesserungspotenzial erkennen und entsprechende Veränderungen umsetzen. Das hat nicht zwingend mit der Weiterbeschäftigung dieser Trainerin zu tun. Bereits der frühere Vorstand hat unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe reagiert. Das NKL hat den Vorfall selbst gemeldet und verschiedene Massnahmen ergriffen. Von den verbleibenden Turnerinnen und deren Eltern erhielten wir die klare Rückmeldung, dass sie sich eine weitere Zusammenarbeit wünschen. Seit Einführung der Massnahmen sind uns keine weiteren Vorfälle bekannt geworden.
Ist die Angelegenheit für Sie aufgearbeitet – oder gibt es weiteren Handlungsbedarf?
Das Verfahren läuft weiterhin, deshalb kann man nicht von einem vollständigen Abschluss sprechen. Was wir als NKL tun können, um ein sicheres Training zu gewährleisten und die ethischen Standards einzuhalten, haben wir umgesetzt. Gleichzeitig bleiben wir offen dafür, unsere Massnahmen weiter zu überprüfen und anzupassen. Zur Aufarbeitung gehört aber auch der Austausch mit den Turnerinnen, die von den damaligen Vorkommnissen berichtet haben. Wir haben ihnen relativ früh ein Gespräch angeboten und auch den Kontakt gesucht. Zu einem Austausch ist es bisher nicht gekommen. Unser Angebot besteht weiterhin. Mir persönlich wäre es wichtig, mit den betroffenen Turnerinnen an einen Tisch zu sitzen.
Zurück zum Sportlichen: Die Schweizer Kunstturnszene wird derzeit von Turnenden aus dem Aargau dominiert. Wo steht das NKL?
Aargau und Zürich prägen die Schweizer Kunstturnszene derzeit stark, auch das Tessin ist gut aufgestellt. Wir selbst sehen uns sportlich momentan eher im Mittelfeld. Da haben wir durchaus noch Potenzial, uns weiterzuentwickeln. Gleichzeitig haben wir einzelne Turner, die sehr gute Leistungen zeigen. Dazu gehören etwa im Amateurbereich Janick Brunner aus Lupsingen oder der Maispracher Jan Imhof, der mittlerweile dem Nationalkader C angehört. Solche Beispiele zeigen uns, dass wir sportlich durchaus Potenzial haben.
Welchen Anspruch hat das NKL in Bezug auf die Resultate?
Man muss zwischen den verschiedenen Sportarten unterscheiden. Im Trampolin sind wir national gut aufgestellt. Mit Elia Locher als Schweizermeister haben wir beispielsweise einen der stärksten Athleten der Schweiz, und auch sonst erreichen wir regelmässig Medaillenplätze. Im Kunstturnen bei den Männern und Frauen besteht dagegen vor allem beim Nachwuchs noch Potenzial. Bei den Jüngsten ist das Interesse zwar gross. Sobald jedoch die Trainingspensen steigen und für den Leistungssport zunehmend Kompromisse nötig werden, nimmt die Zahl der Turnerinnen und Turner ab. Andere Sportarten wie Fussball lassen sich oftmals einfacher in den Alltag integrieren. Wir versuchen deshalb, Kinder früh für das Turnen zu begeistern. Mit Angeboten wie dem Krabbel-Gym schaffen wir einen frühen Zugang und können Talente bereits im Grundlagenbereich erkennen und fördern.
Was ist Ihre Vision? Welche Bedeutung soll das NKL in Zukunft für die Region und den Schweizer Turnsport haben?
Das NKL soll zu einer zentralen Anlaufstelle für Bewegungs- und Turnbegeisterte in der Region werden – von Jung bis Alt und vom Breitensport bis zum Spitzensport. Bei uns soll jeder ein passendes Angebot finden. Dazu gehören neben dem Leistungssport beispielsweise freie Trainings oder Workshops. Gerade im Breitensport möchten wir das Angebot ausbauen. Wir möchten ein Begegnungszentrum schaffen, in dem Menschen zusammenkommen und sich austauschen. Dazu gehört auch eine engere Zusammenarbeit mit den Turnvereinen der Region. Das NKL soll ein lebendiges Turn- und Sportzentrum für die ganze Region sein.
Zur Person
td.
Christian Furler (39) ist in Ziefen aufgewachsen und wohnt mittlerweile in Basel. Furler turnte einst im TV Ziefen und war im Nordwestschweizerischen Kunstturn- und Trampolinzentrum Liestal (NKL) sowohl als Kunst- als auch als Trampolinturner aktiv. Seit Ende März ist er Präsident des NKL. Zuvor war er bereits seit 2017 im Vorstand und als Kampfrichter tätig. Furler arbeitet bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Baselland.

