«Wir müssen mit neuen Realitäten umgehen lernen»
12.03.2026 ItingenTreuhänder Ernst Lerch kennt Freuden und Leiden der Landwirtschaft
Am 1. April feiert die Lerch Treuhand AG ihren 50. Geburtstag. Gründer Ernst Lerch ist mit bald 87 Jahren noch immer beratend aktiv. Er spricht über seine Prinzipien sowie über die Landwirtschaft und ...
Treuhänder Ernst Lerch kennt Freuden und Leiden der Landwirtschaft
Am 1. April feiert die Lerch Treuhand AG ihren 50. Geburtstag. Gründer Ernst Lerch ist mit bald 87 Jahren noch immer beratend aktiv. Er spricht über seine Prinzipien sowie über die Landwirtschaft und ihre Entwicklung.
Jürg Gohl
Herr Lerch, vor 50 Jahren gründeten Sie die heutige Lerch Treuhand AG. Hinter Ihnen hängen die Porträts Ihrer inzwischen gut 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das muss Sie mit Stolz erfüllen.
Ernst Lerch: Stolz bin ich sicher. Aber primär bin ich dankbar für die schöne, lange Zeit, die ich mit ihnen verbringen durfte. Wir pflegten immer ein gutes, kollegiales Verhältnis, und ich freue mich auch mit bald 87 Jahren jeden Morgen, wenn ich zu ihnen ins Büro komme. Wir betrachten uns als eine grosse Familie.
Unter jedem einzelnen Bild ist das Eintrittsdatum vermerkt.
Dabei fällt sofort auf, dass fast alle schon sehr lange bei Ihnen angestellt sind.
Zwei Mitarbeitende sind schon mehr als 40 Jahre in der Firma: Bei Bernadette Erni sind es 48 Jahre und bei Urs Nussbaumer 44 Jahre. Bernadette Erni war im Jahr 1978 meine erste Lehrtochter. Ein Drittel der Belegschaft arbeitet zwischen 30 und 40 Jahre bei uns, und der Anteil mit weniger als zehn Dienstjahren liegt ebenfalls bei rund einem Drittel und entspricht der normalen Fluktuation. Das ist nicht nur für den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache, sondern auch für die Kundschaft, die sich nicht ständig an eine neue Bezugsperson gewöhnen muss.
Damit wecken Sie den Neid anderer Arbeitgeber.
Haben Sie ein Erfolgsgeheimnis?
Wichtig ist der soziale Aspekt. Den Sorgen und Nöten der Angestellten muss Verständnis entgegengebracht und der Teamgeist muss gepflegt werden. Zudem scheitert bei uns nie eine Anstellung an den Lohnforderungen. Mit allen führte ich einmal pro Jahr ein intensives Gespräch über die Befindlichkeit, und dabei wurde auch der Lohn thematisiert. Das alles hat mit Respekt und Kollegialität zu tun. Ich legte auch immer Wert darauf, dass alle selbstständig arbeiten und Verantwortung übernehmen konnten. Ich hatte von klein auf ein gutes Gespür im Umgang mit Menschen und als Bauernsohn mit Tieren.
Sie wurden an Heiligabend 86 Jahre alt, erscheinen aber jeden Morgen im Büro.
Am Morgen bin ich im Büro, am Nachmittag bei meinen Bienen. Ich habe das riesige Glück, dass ich körperlich und geistig gesund geblieben bin. Heute bearbeite ich nur noch spezielle Anliegen wie Erbteilungen, Testamente oder meine privaten Geschäfte. Gerade in der Landwirtschaft sind das sehr komplexe Geschäfte, die viel Fachwissen erfordern.
Als Sie vor 50 Jahren Ihr Treuhandunternehmen gründeten und sich damit auf die Landwirtschaft spezialisierten, stiessen Sie in eine Marktlücke vor. Wie kamen Sie auf die Idee?
Bereits als Junge habe ich mich damit befasst. Mein Vater starb mit 57 Jahren an den Spätfolgen der Spanischen Grippe, und so half ich auf dem Ruttigerhof mit 15 Jahren meiner Mutter auch im finanziellen Bereich. Als ich später die landwirtschaftliche Schule in Solothurn besuchte, bemerkte ich sofort, wie alle anderen die Augen verdrehten, sobald es um Buchhaltung ging. Da kam in mir tatsächlich erstmals die Idee auf, mich auf diese Marktlücke, wie Sie es nennen, zu spezialisieren.
Heute sagt man, Ernst Lerch kenne jeden Bauernhof. Stimmt das?
Auf jeden Fall sehr viele. Als ich mit 22 Jahren bei der Firma Nebiker in Sissach zu arbeiten begann, erteilten wir Buchhaltungskurse in der ganzen Schweiz. Hansruedi Nebiker, mein Chef, liess mich früh selbstständig arbeiten, und so reiste ich durch alle landwirtschaftlich geprägten Gegenden der Schweiz und lernte sehr viele Bauernbetriebe kennen. Wir boten ihnen an, für sie in unserem Büro diese ungeliebten, aber wichtigen Schreibtischarbeiten zu erledigen.
Nehmen wir den Zeitrahmen Ihres Jubiläums. Welche sind für Sie die wichtigsten Veränderungen in der Landwirtschaft? Weniger, dafür grössere Höfe? Grösserer Fuhrpark?
Das sind bereits zwei wesentliche Veränderungen. Die vielen, vielen Höfe, die aufgegeben wurden, wurden teilweise in grössere Höfe integriert. Ein Beispiel aus dem Gäu: In Kappel gab es einst zwölf Bauernhöfe, für alle erledigten wir die Buchhaltung. Heute sind es noch vier. Die ebenfalls angesprochene Technisierung und die Automatisierung sind wahnsinnig. Wenn ich daran denke, wie viel wir auf dem Ruttigerhof von Hand oder mit Zugtieren erledigten …
Verändert haben sich auch die Bauernfamilien, die einst mehrere Generationen umfassten.
Ja. Nicht nur mehrere Generationen. Oft lebten auf dem Hof neben den Grosseltern eine ledig gebliebene Tante oder ein Onkel und Helfer, die häufig aus Italien kamen. So sassen ein gutes Dutzend Leute am Mittagstisch. Heute ist es das krasse Gegenteil. Auch die Rolle der Bäuerin hat sich massiv geändert.
Trauern Sie den alten Zeiten manchmal nach?
Nein. Wir müssen alle mit den neuen Realitäten umgehen lernen und das Beste daraus machen. Das ist mir bisher immer gelungen.
Keine Gotthelf-Romantik?
Romantisch waren die Zeiten auch bei Jeremias Gotthelf nicht. Seine Bücher habe ich übrigens damals gelesen, als Gotthelf in der Nachkriegszeit und speziell 1954 zu seinem 100. Todestag sehr populär war. Zeit zum Lesen nahm und nehme ich mir immer.
Aber der Druck auf die Landwirtschaft inklusive Rebbau erhöht sich zunehmend. Sehen Sie für die Landwirtschaft auf die Dauer nicht schwarz?
Es wird immer eine Zukunft geben, und wir müssen uns immer neuen Begebenheiten anpassen. Das führt wiederum zu Selektionierungen. Es ist auch zu beobachten, dass es in der Branche immer mehr Unternehmer gibt, die ein neues Denken in die Landwirtschaft einbringen. Bemerkenswert ist auch, dass immer wieder Frauen bewusst Bäuerin werden und sich so für ein Leben in und mit der Natur entscheiden.
Kassier, Richter, Gemeinderat, Imker, Ahnenforscher
jg. Der 86-jährige Ernst Lerch, verheiratet und in Sissach zu Hause, engagierte sich zeitlebens in verschiedenen Vereinen und Berufsverbänden. So war er Kassier bei den Feldschützen, bei der kantonalen SVP und bei dem Hauseigentümerverein Sissach. Zudem amtete er gleichenorts als Präsident der SVP-Sektion. In Känerkinden gehörte er sechs Jahre dem Gemeinderat an, dazu war er 20 Jahre lang Richter am kantonalen Verwaltungs- und Sozialversicherungsgericht. Seit mehr als 70 Jahren sind seine Bienen seine grösste Leidenschaft.
All diese Aktivitäten waren aber nur möglich, weil ihm seine Frau Johanna und seit 30 Jahren seine Frau Grazyna stets den Rücken freigehalten haben, betont Lerch. 2021 erschien unter dem Titel «Die Ruttiger Buben» eine Biografie über ihn und seinen Bruder Robert.

