«Wir können Unterstützung leisten»
11.06.2026 SchweizMiriam Behrens spricht im Interview über die Flüchtlingshilfe
Die Schweizerische Flüchtlingshilfe feiert dieses Jahr ihren 90. Geburtstag. Direktorin Miriam Behrens aus Ormalingen hält Rückschau und warnt vor unberechtigter Panikmache. Zudem äussert sie sich ...
Miriam Behrens spricht im Interview über die Flüchtlingshilfe
Die Schweizerische Flüchtlingshilfe feiert dieses Jahr ihren 90. Geburtstag. Direktorin Miriam Behrens aus Ormalingen hält Rückschau und warnt vor unberechtigter Panikmache. Zudem äussert sie sich zur Initiative «10-Millionen-Schweiz» der SVP.
Thomas Gubler
Frau Behrens, die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) wird am 17. Juni 90 Jahre alt. Wie wird gefeiert?
Miriam Behrens: Unsere Ressourcen werden zurzeit dermassen von politischen Geschäften – Vorstossflut im Bundesparlament, «10-Millionen-Schweiz» und vieles mehr – beansprucht, dass wir das Jubiläum eher in bescheidenem Rahmen begehen. Wir geben eine Jubiläumsbroschüre heraus, worin wir die Geschichte der SFH darstellen, dann veranstalten wir eine Themenwoche, und wir rücken im Rahmen unserer bereits laufenden Kampagne «Tour de Suisse der Menschlichkeit» mit Stopps in verschiedenen Städten das Jubiläum und die Historie ins Zentrum.
Was wünscht sich die Flüchtlingshilfe von der Schweiz?
Wir wünschen uns in erster Linie, dass die Schweiz wieder zu einer menschlichen Haltung gegenüber geflüchteten Personen, die unsere Unterstützung brauchen, zurückfindet und nicht so negativ über diese Menschen spricht.
Ohne bereits ins Detail zu gehen: Als wie gastfreundlich nehmen Sie die Schweiz wahr?
Wir haben immer noch den Eindruck, dass die Schweiz im Grundsatz ein hilfsbereites und solidarisches Land ist, dass die humanitären Werte in der Bevölkerung hochgehalten werden und dass der Flüchtlingsschutz sowie die internationalen Konventionen sehr gut abgestützt sind. Und in allen Parteien gibt es eine Mehrheit für die Beibehaltung dieser Konventionen und Staatsverträge. Die politisch-öffentliche Debatte ist ein anderes Thema. Dort sind im Moment vor allem die kritischen Stimmen die lauten, und Probleme jeder Art erhalten ein grosses mediales Echo. Das dominiert die öffentliche Wahrnehmung, was für die betroffenen Personen mitunter sehr belastend ist.
Es waren die vor dem Nazi-Regime in Deutschland Fliehenden, die 1936 in der Schweiz zur Gründung der damaligen Zentralstelle für Flüchtlingshilfe führten – im Sinne einer Bündelung der Kräfte. Damals ging es um die unmittelbare Rettung von Verfolgten. Zurzeit hat man den Eindruck, die heutige Flüchtlingshilfe kämpfe vor allem an der politischen Front. Ist dieser Eindruck falsch?
Schon ein bisschen. Bei unserer Gründung 1936 gab es bereits verschiedene Flüchtlingshilfswerke wie die Caritas oder das jüdische Hilfswerk, die für die Aufnahme und Betreuung der Geflüchteten – damals vor allem jüdische Flüchtlinge, Sinti und Roma – sorgten und die operative Arbeit leisteten. Diese Flüchtlingshilfswerke kamen allerdings an ihre Grenzen, weil der Staat im Flüchtlingsbereich nicht engagiert war. Das gehörte damals nicht zu seinen Aufgaben. Diese Hilfswerke brauchten deshalb einen Dachverband, um die Kräfte zu bündeln. Die Schweizerische Flüchtlingszentrale wurde somit gegründet, um zu koordinieren und um die politische Arbeit auf nationaler und internationaler Ebene zu erledigen. Das ist bis heute der Fokus unserer Arbeit. Und unsere Mitglieder sind immer noch Flüchtlingshilfswerke und -organisationen. Wir haben also immer noch die gleiche Rollenteilung.
Das heisst, Arbeit und Funktion haben sich nicht verändert?
Es gibt Sachen, die konstant geblieben sind. Wir sind immer noch der politische Dachverband, und wir versuchen immer noch, Innovationen anzustossen. Wandlungen haben sich ergeben durch die Veränderungen im staatlichen Flüchtlingswesen. Früher hatten wir etwa grosse Bundesaufträge für Integration oder die Koordination der Hilfswerksvertretung bei den Anhörungen. Bei der Integration von Flüchtlingen beispielsweise waren die Hilfswerke zuerst praktisch allein federführend. Dann wurde die Integration Bundesaufgabe, und heute sind es die Kantone und Gemeinden, die diese Aufgabe umsetzen – teilweise immer noch in Zusammenarbeit mit Hilfswerken.
Sie sind seit zehn Jahren SFH-Direktorin. Was ist Ihre primäre Aufgabe?
Zum einen bin ich ein klassischer CEO. Mein Job ist, die Organisation so aufzustellen, dass sie sich über Jahre hinaus für Geflüchtete einsetzen kann. Die Anforderungen an Organisationen wie die Flüchtlingshilfe sind in den vergangenen Jahren gestiegen – in Bezug auf Wirkung und Kontrolle, Rechenschaft über Spendengelder und so weiter. Zudem sind IT und Künstliche Intelligenz für uns Herausforderungen wie für alle anderen auch. Die zweite Aufgabe ist die politische. Das heisst, ich bin zuständig für den Behördendialog und damit die Hauptansprechperson für Bundesrat und Behörden. Die dritte Aufgabe ist die eigentliche Sicherung des Flüchtlingsschutzes. Dazu gehört, quasi als oberste Flüchtlingshelferin öffentlich aufzutreten, Verständnis zu schaffen und mit neuen Ideen Impulse zu geben. Und schliesslich zählen auch die Weiterentwicklung des Verbands und die Pflege der Beziehungen zu unseren Mitgliedern zu meinen Aufgaben.
Wie viel Raum nehmen die Repräsentationspflichten ein?
Die Hälfte ist Management intern, und die andere Hälfte ist Arbeit nach aussen.
Nun ist es ja nicht so, dass man in früheren Zeiten, etwa während des Zweiten Weltkriegs, die Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen hätte. Man denke etwa an das Buch und den Film «Das Boot ist voll». Was ist heute anders?
Ich glaube, es gibt immer Auf-und ab-Bewegungen. Beim Ausbruch des Ukraine-Krieges vor vier Jahren konnten wir eine unglaubliche Hilfsbereitschaft feststellen. Allerdings war diese in der Schweiz bei Flüchtlingen aus kommunistischen oder ehemaligen kommunistischen Ländern schon immer gross. Bei Menschen aus anderen Kulturen ist es in der Regel eher etwas schwieriger.
Was die Herkunft von geflüchteten Personen betrifft, so waren Ungaren (1956) und Tschechoslowaken (1968) sehr willkommen, Chilenen nach dem Pinochet-Putsch von 1973 aber weit weniger. War der Umgang der Schweiz mit Flüchtlingen mitunter nicht erheblich von Ideologien und Opportunitäten bestimmt?
Doch, und auch von Diskriminierung. Man darf das Kind ruhig beim Namen nennen. Tschechoslowaken etwa wurden 1968 mit offenen Armen aufgenommen und sofort in den Arbeitsmarkt integriert. Und als es 1956 darum ging, zur Entlastung von Österreich ungarische Flüchtlinge zu übernehmen, ging die Schweiz sogar so weit, zu erklären, man übernehme gerne alle Akademiker. Nun, im Lauf der Zeit übernahm man dann auch noch andere Berufsgruppen. In der Regel hatten es Menschen aus Europa stets leichter als solche aus anderen Kulturkreisen. Man glaubt, dass die Integration von Ersteren besser gelinge.
Was entgegnen Sie, wenn Sie den Satz hören, der in gewissen Kreisen immer wieder kolportiert wird: «Es kommen zu viele und die Falschen.»?
Das ist falsch. Die Quote von denjenigen, die in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt und Schutz erhalten haben, liegt in den vergangenen zehn Jahren bei sieben von zehn. Das zeigt doch, dass sehr wohl die Richtigen, also die Schutzbedürftigen, kommen. Aussagen wie die genannte sind vor allem auf die Vermischung des Flüchtlings- mit dem Migrationsbereich zurückzuführen. Natürlich gibt es viele Migranten in der Schweiz ohne Visum und Papiere, die sich nicht regulär aufhalten und gar kein Asylgesuch stellen. Die haben aber nichts mit dem Asyl- oder Flüchtlingswesen zu tun.
Nun ist die weltpolitische Situation zurzeit nicht gerade so, dass man in Zukunft mit weniger Flüchtlingen und Migranten in Westeuropa rechnen könnte. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage, und womit rechnen Sie in naher Zukunft?
Die Flüchtlingszahlen haben seit 2016 weltweit massiv zugenommen. Dabei ist es aber nicht so, dass die Schweiz davon so wahnsinnig stark betroffen ist. Hauptbetroffen waren jeweils immer die Nachbarländer einer Konfliktregion. So flohen die meisten Ukrainer nach Polen und nicht in die Schweiz. Das ist immer so. Nur wenige schaffen den weiten Weg zu uns. Zudem möchten sich geflüchtete Personen in der Regel in eigenen Netzwerken und auf vertrautem Gebiet aufhalten, natürlich auch in der Hoffnung auf baldige Rückkehr. Grundsätzlich ist es so: Wenn die Konflikte zunehmen, sind auch mehr Menschen auf der Flucht. Hinzu kommen inzwischen noch andere Probleme, die zu Migration führen, wie Klimawandel oder Armut. Aber das ist ein anderes Thema, das andere Lösungen erfordert – etwa die vorläufige Aufnahme von Klimaflüchtlingen –, von denen wir aber noch weit entfernt sind.
Europa hat kaum die Möglichkeit – und die Schweiz schon gar nicht –, diese Klima- und Armutsflüchtlinge aus dem globalen Süden alle aufzunehmen. Gibt es einen Punkt, an dem man sagen muss: «Jetzt ist das Boot wirklich voll.»?
Das ist am Schluss immer ein Entscheid der Bevölkerung. Wir sind ein reiches Land, und wir können Unterstützung leisten. Ich muss hier aber einwenden, dass die Migration aus Nordafrika, aus dem Maghreb, seit zwei Jahren stark abnimmt. Das findet in der öffentlichen Debatte keinen Niederschlag. Durch Corona war so etwas wie ein Stau entstanden, der sich in sehr hohen Migrationszahlen im Jahr 2023 auswirkte. Übrigens nicht nur bei uns. Das ist aber, wie gesagt, nicht mehr der Fall, weshalb wir auch nicht in einen Panikmodus verfallen sollten. Und dann tritt in Europa demnächst auch ein neuer Pakt in Kraft, der festlegt, dass bereits an der europäischen Aussengrenze abgeklärt werden soll, wer wirklich schutzbedürftig ist.
Glauben Sie an eine abschreckende Wirkung dieses Paktes?
Es ist grundsätzlich so, dass Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, immer einen Weg finden und ja auch finden müssen, um zu überleben. Wenn die Grenzen geschlossen sind, gibt es die grüne Grenze. Wir bleiben jedenfalls gespannt, wie sich der Pakt bewährt. Bisher liess sich noch nie eine abschreckende Wirkung wirklich nachweisen.
Die Flüchtlings- und Migrationsproblematik wird von gewissen sehr gerne bewirtschaftet, ohne dass diese mit konstruktiven Lösungsansätzen aufwarten. Was unternehmen Sie gegen diese Verpolitisierung?
Diese Thematik war schon immer eine politische. Die Frage ist einfach, ob noch sachlich und mit den richtigen Fakten argumentiert wird. Und da verorten wir im Moment das grösste Problem. Wir gehen dagegen vor allem mit einer Faktenkampagne vor. Wir präsentieren die wichtigsten Zahlen und ordnen diese ein. So stammen beispielsweise gerade mal 2,5 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung aus dem Flüchtlingsbereich und 1,7 Prozent aus dem Asylbereich, die anderen sind Ukrainerinnen und Ukrainer. Zudem sorgen wir auch für Begegnungen der Menschen mit Geflüchteten. Aber es ist natürlich schon so: Wir haben weder die Strahlkraft noch das Budget einer grossen Partei wie etwa der SVP. Aber wir versuchen, aus unseren Möglichkeiten das Beste zu machen.
Wie sehen Sie der «10-Millionen-Schweiz» entgegen?
Ein wichtiger Teil der Initiative betrifft ja Europa. Und die konkreteste Massnahme, die sich daraus für die Zuwanderung ergeben könnte, ist die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens mit der EU. Wir von der SFH sind für den Flüchtlingsbereich zuständig. Und der ist viel weniger konkret. Da steht einfach: Es müssen Massnahmen ergriffen werden, und es müssen bevölkerungstreibende Konventionen gekündigt werden. Weil der Text aber so ungenau formuliert ist, wird es Sache des Parlaments sein, diesen zu interpretieren, falls die Initiative angenommen wird. Diesen Prozess im Parlament würden wir sicher ganz eng begleiten und versuchen, im Interesse des Flüchtlingsschutzes Einfluss zu nehmen.
Zur Person
gub. Miriam Behrens (60) ist seit 2016 Direktorin der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Die studierte Biologin arbeitete längere Zeit als Projektleiterin für «Pro Natura». Von 2010 bis Ende 2015 war sie Generalsekretärin der Grünen Schweiz. Behrens ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und wohnt mit ihrem Partner in Ormalingen.
Vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden
gub. Am 17. Juni 1936 haben 13 schweizerische Hilfswerke aufgrund der Herausforderungen durch die Flucht von Juden, Sinti und Roma vor den Nazis den Dachverband «Schweizerische Zentralstelle für Flüchtlingshilfe» (SFZ) gegründet.
Die Organisation sollte als Clearingstelle die Arbeit der Hilfswerke koordinieren, den Kontakt zu internationalen Organisationen pflegen und die Flüchtlingsinteressen gegenüber den Behörden wahrnehmen. Die Tätigkeit war nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte geprägt von der Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden.
Seit etwa 1990 steht der Dachverband aufgrund der stetigen Verschärfung des schweizerischen Asylrechts im permanenten politischen Abwehrkampf gegen Praxisverschärfungen und den Abbau von Flüchtlingsrechten. Das brachte die Organisation zunehmend in Opposition zu den Behörden – ohne dass sie dabei allerdings die pragmatische Zusammenarbeit aufgab. 1991 erfolgte der Namenswechsel zu «Schweizerische Flüchtlingshilfe» (SFH). Seit 1994 ist die SFH auch Mitglied des Europäischen Flüchtlingsrats, einer Allianz von Nichtregierungsorganisationen, die sich für den Schutz und die Rechte von Flüchtlingen einsetzt. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe ist im Verlauf der Jahrzehnte auch immer wieder mit innovativen Ideen aufgefallen. So wurde beispielsweise 2015 das Gastfamilienprojekt verwirklicht, das anerkannten Flüchtlingen die Unterbringung in Gastfamilien ermöglicht.
Der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, die seit dem Jahr 2016 unter der Leitung von Miriam Behrens steht, gehören derzeit die folgenden Hilfswerke an: Amnesty International Schweiz, Caritas Schweiz, Heks, Heilsarmee Schweiz, Schweizerisches Arbeiterhilfswerk, Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen, Internationaler Sozialdienst, Flüchtlingshilfe Liechtenstein, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende, Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, Save the Children Schweiz und als assoziiertes Mitglied das Schweizerische Rote Kreuz.

