Wir
07.07.2026 PolizeiEine Schweizer Genossenschaftsbank warb kürzlich mit dem WIR-Gefühl (um ausnahmsweise die Schreibung ihrer PR-Agentur zu übernehmen). Der Name des Instituts ist leicht zu erraten. Ein Wir-Gefühl aufzubauen, zählt in vielen Bereichen, etwa im Beruf, im Verein, in der ...
Eine Schweizer Genossenschaftsbank warb kürzlich mit dem WIR-Gefühl (um ausnahmsweise die Schreibung ihrer PR-Agentur zu übernehmen). Der Name des Instituts ist leicht zu erraten. Ein Wir-Gefühl aufzubauen, zählt in vielen Bereichen, etwa im Beruf, im Verein, in der Familie oder in der Schulklasse, zu den Erfolgsgeheimnissen. Im Sport sowieso.
«Wir wissen erst am Sonntag, gegen wen wir am Montag spielen», klagte vorletzte Woche die «Bild» im Titel zur Fussball-WM, und wir wissen, wer damit gemeint ist: natürlich die deutsche Nationalmannschaft. Um dasselbe Team geht es auch, wenn die Deutsche Martina Voss-Tecklenburg, die ehemalige Trainerin der Schweizerinnen, als Co-Kommentatorin in Leutschenbach bei Halbzeit ihrem Berufskollegen Julian Nagelsmann rät: «Wir müssen mehr über die Aussen kommen.» Das kumpelhafte «Wir» sei Co-Kommentatorinnen und dem Boulevard zugestanden.
Allmählich erobert das Solidarität ausdrückende Pronomen aber auch in den Sportteilen – wie Manzambi bei Yakin – einen Stammplatz. In der «bz» lesen wir vor dem Fussballspiel der Schweiz gegen Kanada in einem Untertitel «... uns wäre ein Unentschieden recht» und in einem Zwischentitel «...hinten haben wir ein Problem». Im Text stolpert man einmal über «unsere Nati». Meistens nehmen die Schreiber aber die gebotene journalistische Distanz zur Schweizer Nationalmannschaft ein und wechseln grammatikalisch in die dritte Person. Die gleiche Zeitung verfiel an der Eishockey-WM unmittelbar zuvor immer wieder ins «Wir».
Und die Sonntagszeitungen, die uns den langen Tag bis zum ersten Match verkürzen? Selbstverständlich bewahren die Blätter der «NZZ» und des «Tagi» mit der dritten Person Abstand. Selbst der «Sonntagsblick» (mit dem prächtigen Titel «Die Nati tanzt Manzambi») hält das auf seinen ersten drei Seiten zur Nationalmannschaft so. Der nächsten Doppelseite verpasst er aber den Titel: «Das steckt hinter dem Torjubel unserer Nati-Stars».
Die eingangs erwähnte «Bild» verantwortete einst auch die berühmteste «Wir»- Schlagzeile im gedruckten Journalismus. Als das Konklave im Jahr 2005 den Deutschen Joseph Ratzinger auf den Heiligen Stuhl wählte, füllten drei einsilbige Wörter die Titelseite: «Wir sind Papst!»
Die Sprachpolizei würde am 19. Juli selbstverständlich ein Auge zudrücken, sollten wir …
Jürg Gohl
