Wildtiere trotzen Hitze und Wassermangel
21.07.2026 SissachFachleute äussern sich zu den aktuellen Herausforderungen
Unsere Wildtiere kommen mit der ausserordentlichen Situation generell gut zurecht, da sie ihre Flüssigkeit vor allem über die Nahrung aufnehmen. Ein Experte rät aber trotzdem dazu, die Tiere nicht unnötig ...
Fachleute äussern sich zu den aktuellen Herausforderungen
Unsere Wildtiere kommen mit der ausserordentlichen Situation generell gut zurecht, da sie ihre Flüssigkeit vor allem über die Nahrung aufnehmen. Ein Experte rät aber trotzdem dazu, die Tiere nicht unnötig zu stressen.
Elmar Gächter
Im Gegensatz zu den Fischen (siehe «Volksstimme» vom 14. Juli) leiden die Wildtiere an Land weniger unter dem Wassermangel und den hohen Temperaturen. Die anhaltende Trockenheit und Hitze sind für sie jedoch ebenfalls herausfordernd. «Im Gegensatz zu den Menschen müssen sie nicht regelmässig Flüssigkeit zu sich nehmen, sondern decken ihren Bedarf vorwiegend über ihre Nahrung, seien dies Pflanzen oder Beutetiere», sagt Holger Stockhaus, interimistischer Leiter des Amts für Wald und Wild beider Basel.
Weil die Vegetation sehr trocken ist, haben es vor allem die Pflanzenfresser schwerer; Raubtiere hingegen können ihren Flüssigkeitsbedarf weiterhin über Beutetiere decken. Die Grösseren unter ihnen, wie etwa der Luchs, finden angesichts ihrer weiten Reviere in der Regel Wasserquellen für ihren bescheidenen Bedarf. Stockhaus weist auf die Vernetzung mit Wildtierkorridoren hin, die es allen Tieren ermöglicht, frei zu wandern und Gebiete aufzusuchen, die ruhiger und wasserreicher sind.
Problematischer werden kann es für Jungtiere wie etwa Rehkitze, die noch säugen. Je mehr sie auf Milch angewiesen sind, desto höher ist der Flüssigkeitsbedarf bei der Mutter. Wenn sie nicht genügend Nahrung für ihre Jungen produzieren kann, leidet der Nachwuchs. Generell sind die jungen und älteren sowie schwächeren Tiere stärker gefährdet als solche, die voll im Saft stehen. «Dass bisher aussergewöhnlich viele Wildtiere verendet sind, ist mir jedoch nicht bekannt», so Stockhaus.
Die trockenen Böden in Feld und Wald machen die Nahrungssuche auch für die Wildschweine anspruchsvoller. Sie haben genügend Kraft zum Wühlen, doch verkriechen sich die von ihnen bevorzugten Organismen hitzeund trockenheitsbedingt in tiefere Bodenschichten. Es sei möglich, dass es wegen der schwierigeren Nahrungssuche heuer keinen Zweitwurf an Jungtieren gebe, was angesichts der starken Population speziell im Oberbaselbiet jedoch kein Drama wäre.
Vorsicht bei Fütterung
Die Situation der Reptilien und Amphibien beurteilt Markus Plattner, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft beim Ebenrain, als noch weitgehend unkritisch. Die meisten Amphibienarten haben sich fortgepflanzt und die jungen Frösche und Kröten sind aus den Gewässern abgewandert. Es gebe immer noch Feuchtstellen und genügend Wasser in vielen Weihern. Der Kanton fülle keine Weiher, falls sie austrocknen. «Die ganz ausgetrockneten Bäche sind aber für die Wasserspitzmaus und die Larven der Feuersalamander sehr schlecht», so Plattner.
Die Vögel kommen grundsätzlich gut mit der Hitze zurecht und benötigen keine direkte Hilfe, wie Livio Rey von der Vogelwarte Sempach auf Anfrage festhält. Man könne sie jedoch mit einem vogelfreundlichen Garten oder einem Vogelbad unterstützen. Wichtig sei, dass das Wasser zweimal täglich gewechselt werde, um die Hygiene zu gewährleisten. «Von einer Fütterung im Sommer raten wir ab. Hohe Temperaturen ermöglichen es manchen Krankheitserregern, besser in Wasser oder Futter zu überdauern, was eine Übertragung von Krankheiten von Vogel zu Vogel begünstigt», so der Biologe.
Welche Auswirkungen die Hitze auf den Brutbestand verschiedener Vogelarten hat, könne kaum abgeschätzt werden, da die Brutzeit noch nicht abgeschlossen ist. Herausfordernd ist die Situation allerdings für junge Mauersegler, wenn es in den Nestern unter Dachziegeln tagsüber mehr als 50 Grad heiss wird. Die noch nicht flugfähigen Jungvögel versuchen dann der Hitze auszuweichen, verlassen das Nest vorzeitig und landen am Boden. Ohne Hilfe würden sie sterben, da sie ausserhalb des Nestes von ihren Eltern nicht weiter gefüttert werden. Sie sollten daher in eine Pflegestation gebracht werden, wo man sie fachkundig versorgt.
Auf die Frage, ob kleine Vögel besser mit der Situation umgehen können als grosse, hält Livio Rey fest: «Darüber ist keine generelle Aussage möglich. Der Graureiher mit seinem breiten Nahrungsspektrum dürfte nicht besonders stark betroffen sein, da er auf Wiesen, Feldern und an den Gewässern nach Nahrung suchen kann.»
Holger Stockhaus appelliert an die Bevölkerung, bei den hohen Temperaturen Wildtiere noch vermehrt in Ruhe zu lassen und die nötige Distanz zu wahren. «Jede Störung bedeutet für sie Stress und damit einen höheren Energie- und Flüssigkeitsverbrauch. Deshalb sollte man sich auf den Wegen bewegen und die Tiere auch nachts nicht stören.»

