Wie viele Studien braucht es noch?
05.06.2026 PolitikDario Rigo, Landrat «Mitte», Ormalingen
Beim Frühfranzösisch liegen die Fakten längst auf dem Tisch. Bereits eine grosse nationale Vergleichsstudie zeigte, dass Französisch ab der 3. Klasse im Baselbiet nicht den erhofften Erfolg bringt. ...
Dario Rigo, Landrat «Mitte», Ormalingen
Beim Frühfranzösisch liegen die Fakten längst auf dem Tisch. Bereits eine grosse nationale Vergleichsstudie zeigte, dass Französisch ab der 3. Klasse im Baselbiet nicht den erhofften Erfolg bringt. Dass nach Jahren Unterricht fast die Hälfte der Schüler schon an einfachstem Französisch scheitert, wäre ernüchternd genug. Wirklich alarmierend ist aber ein anderer Befund. Jeder sechste Baselbieter Schüler kann nach neun Schuljahren keinen einfachen deutschen Text verstehen. Wer Deutsch nicht ausreichend beherrscht, findet kaum Anschluss, weder in der Lehre noch im Beruf oder Alltag. Darum muss die Schule zuerst das sichern, was jedes Kind braucht: Lesen, Schreiben, Rechnen.
Trotzdem wurde der Landrat im vergangenen Herbst um Geduld gebeten. Man solle nichts übereilen, sondern zuerst eine weitere Studie zum Sprachenkonzept abwarten. Diese lag zwar schon länger vor, blieb aber unter Verschluss. Nun ist sie veröffentlicht – und bestätigt im Kern, was die Zahlen längst gezeigt haben. Unterdessen starten die Kinder auch im nächsten Schuljahr mit einem Schulkonzept, das gute Absichten mit schulischer Realität verwechselt.
Ein Blick in die heutigen Klassenzimmer zeigt, worum es geht. Viele Kinder wachsen mit einer anderen Erstsprache auf. Für sie ist Hochdeutsch bereits die erste Fremdsprache und auf dem Pausenplatz kommt mit der Mundart gleich die zweite dazu. Gleichzeitig braucht mehr als ein Drittel der Primarschulkinder zusätzliche Förderung.
Wenn dann ab der 3. Klasse für alle noch Französisch folgt und später Englisch, wird es für viele zu viel. Wer die Unterrichtssprache noch nicht sicher beherrscht oder beim Lesen und Rechnen Mühe hat, braucht zuerst mehr Zeit für die Grundlagen. Das ist keine Ausgrenzung, sondern wirksame Förderung.
Aus dieser Überzeugung heraus haben wir im vergangenen Herbst eine Volksinitiative zur Stärkung der Primarschule lanciert. Sie setzt beim Frühfranzösisch an, verfolgt aber ein breiteres Ziel. In der Primarschule soll wieder mehr Zeit bleiben für die Grundlagen: Lesen, Schreiben und Rechnen. Entscheidend ist nicht, möglichst früh möglichst viel in den Stundenplan zu packen. Entscheidend ist, dass am Ende der Schulzeit wieder mehr Jugendliche einfache Texte verstehen, sich verständlich ausdrücken und im Alltag rechnen kön- nen. Wer die Grundlagen stärkt, schwächt nicht die Landessprachen.
Genau deshalb ist jedes weitere Abwarten schwer erträglich. Selbst wenn jetzt gehandelt wird, dauert es Jahre, bis eine Änderung in den Schulzimmern ankommt. Bis dahin startet jedes Jahr ein neuer Jahrgang mit einem Konzept, dessen Schwächen längst bekannt sind. Für die Bildungsbürokratie ist es ein Prozess, der Jahre dauert und möglichst gesichtswahrend abgewickelt werden soll. Für die Kinder sind es Schuljahre, die nicht zurückkommen. Darum reicht es nicht, die neue Studie zur Kenntnis zu nehmen. Wer die Ergebnisse ernst nimmt, muss jetzt den Weg für eine Korrektur frei machen.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

