Wie nennt man eigentlich ein paar Quadratmeter?
18.08.2026 PolitikThomas Grüter, Gemeindepräsident Tenniken, parteilos
Man könnte meinen, in einem Dorf mit rund 950 Einwohnerinnen und Einwohnern seien die wirklich grossen Fragen schnell geklärt. Aber nein. Die grosse Frage der jüngsten Zeit lautete: Wie ...
Thomas Grüter, Gemeindepräsident Tenniken, parteilos
Man könnte meinen, in einem Dorf mit rund 950 Einwohnerinnen und Einwohnern seien die wirklich grossen Fragen schnell geklärt. Aber nein. Die grosse Frage der jüngsten Zeit lautete: Wie nennen wir unser kleines Plätzli bei der Gemeindeverwaltung? Eigentlich ganz einfach. Ein paar Quadratmeter, ein Baum, ein Bänkli – fertig. Doch dann kommt die Namensfrage. Und plötzlich wird es kompliziert. Denn ein Platzname soll möglichst allen gefallen, einen Bezug zum Dorf haben und auch in 50 Jahren noch passen.
Das OK «800 Joor Tenniken» lancierte einen Wettbewerb zur Namensfindung. Rund 20 Namen wurden eingereicht und anschliessend öffentlich zur Abstimmung gebracht. Und plötzlich ging es um viel mehr als nur um einen Namen. Unter den Vorschlägen waren unter anderem Namen von Menschen, die viel für unser Dorf geleistet haben. Einer erinnerte an einen ehemaligen Gemeindemitarbeiter, der kürzlich verstorben ist. Ein anderer an einen Tenniker Boten, der vor rund 110 Jahren auf seinem Arbeitsweg ermordet wurde. Hinter jedem Vorschlag steckt eine Ge- schichte. Doch wen oder was wollen wir eigentlich mit einem Namen ehren? Natürlich ist es schön und richtig, Menschen zu würdigen, die sich für unser Dorf eingesetzt haben. Aber was ist mit all jenen, de- ren Leistungen nie auf einem Schild stehen? Mit der Ehefrau, die ihren Mann über Jahre still und selbstverständlich zu Hause pflegt? Mit den Menschen, die im Verein anpacken, zuhören, helfen, trösten und einfach da sind? Sind das nicht auch Heldinnen und Helden des Alltags, die es verdienen, öffentlich gewürdigt zu werden?
Doch ein Dorf lebt nicht von seinen Schildern und Strassennamen. Es lebt von den Menschen, die füreinander da sind. Vielleicht ist gelebte Gemeinschaft das schönste Denkmal überhaupt. Gewonnen hat schliesslich ein herrlich neutraler Name: «Dorfplätzli». Kein berühmtes Tenniker Original, kein tragisches Schicksal. Einfach ein Name für einen Platz. Und das Schönste daran: Eingereicht wurde dieser Vorschlag von einem jungen Menschen. Unsere Jugend ist da, denkt mit und engagiert sich für ihr Dorf. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft treffen sich auf ein paar Quadratmetern.
Bei der Einweihung kamen ungefähr 50 Tennikerinnen und Tenniker zusammen und verbrachten miteinander eine gute Zeit. In diesem Moment dachte ich: Dieser kleine Platz hat sich sein Denkmal schon selbst gesetzt. Nicht durch seinen Namen, sondern durch das, was dort geschieht: Menschen begegnen sich, schenken einander Zeit und machen aus ein paar Quadratmetern einen Ort der Gemeinschaft. Das ist es, was ein Dorf wertvoll macht. Erinnerungen entstehen nicht auf Schildern – sie entstehen zwischen Menschen. Und vielleicht ist genau jenes das schönste Denkmal, das wir einem Dorf geben können: einander Zeit schenken, füreinander da sein und gemeinsam neue Erinnerungen schaffen. Wir Menschen sind es.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

