Wie die Geschichte weiterbrennt
25.08.2026 BaselWerner Ryser macht im neuen Roman die sozialen Verwerfungen der frühen Industrialisierung greifbar
Autor Werner Ryser erzählt in seinem neuen Roman «Die Ausgebeuteten» von Kleinhüningen, Basel, Krieg, Gift in Färbereien und im Rhein – sowie von bitterer ...
Werner Ryser macht im neuen Roman die sozialen Verwerfungen der frühen Industrialisierung greifbar
Autor Werner Ryser erzählt in seinem neuen Roman «Die Ausgebeuteten» von Kleinhüningen, Basel, Krieg, Gift in Färbereien und im Rhein – sowie von bitterer Armut und dem Kampf der kleinen Leute gegen die reichen Herren.
David Thommen
Nachdem ich vor einigen Jahren Werner Rysers Roman «Die Revoluzzer» gelesen hatte, schrieb ich in der «Volksstimme», das alte Basel wachse einem während der Lektüre nicht gerade ans Herz. Ryser (1947), Basler Schriftsteller mit Wurzeln in Winterthur, hatte damals ein Fenster mitten hinein in den bedrückenden Alltag der Baselbieter Landbevölkerung zur Zeit vor der Kantonstrennung geöffnet, als Leibeigenschaft noch bittere Lebenswirklichkeit war. Nun legt Ryser Jahre und etliche Bücher später mit «Die Ausgebeuteten» einen eigentlichen Folgeroman vor. Und man muss sagen: Besser wird es mit dem alten Basel auch weiterhin nicht!
Dieses Mal führt Ryser seine Leserinnen und Leser nicht in die Zeit der Kantonstrennung, sondern nach Kleinhüningen und Basel in die Jahre vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Aus den geknechteten Baselbieter Bauern sind nun die Arbeiter in den Färbereien und Chemiefabriken geworden. Ihre Herren sind nicht mehr die Landvögte auf den Burgen, sondern heissen Clavel, Schetty oder Werthmüller. Die Mittel der Unterdrückung haben sich verändert, der Grundmechanismus bleibt: Unten schuften Menschen unter erbärmlichen Bedingungen, oben wird verdient, entschieden und bei Bedarf verdrängt. Oder sogar gemordet.
Im Zentrum des Buchs steht Konradin Jacob, ein junger Lehrer aus Liestal, Sohn eines Vorarbeiters einer Florettspinnerei in Füllinsdorf. Er tritt seine Stelle in Kleinhüningen an und wird dort mit einer Welt konfrontiert, die Ryser mit grosser Anschaulichkeit schildert: Färber, deren Hände und Schnurrbärte vom Farbstoff Mauvein gezeichnet sind; Fabrikhallen voller Hitze, Gestank und giftiger Dämpfe; Familien, die in engen Wohnungen hausen und dennoch ständig Nachwuchs bekommen; Kinder, die neben der Schule Geld verdienen müssen und für die aus Spargründen Schuhe ein Winterprivileg sind. Früh im Roman besucht Konradin eine Färberei. Es ist eine jener Szenen, in denen Ryser besonders stark ist: Er erklärt das Elend nicht einfach, er lässt die Leserinnen und Leser geradezu ins Elend hineingleiten.
Früher Umweltschutz
Dazu kommt Judith Niethammer, eine junge Frau aus einem anderen – etwas besseren – Milieu, klug, eigenwillig, angehende Hebamme. Ihr Vater, ein Naturfreund, hat die Verschmutzung des Rheins durch die Industrie lautstark beklagt und ist daraufhin unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen. Über die Protagonisten Judith und Konradin erhält der Roman neben der grossen historischen auch eine persönliche Linie. Ryser kann Liebesgeschichten erzählen, ohne dass sie süsslich werden. Gelegentlich würde man sich allerdings wünschen, der Schriftsteller hätte den beiden ein paar emotionale Momente mehr gegönnt und liesse sie dafür einige rote Parolen weniger dreschen. So richtig ans Herz gehen einem die beiden bis zum Schluss nicht. Auch dann nicht, als sich Konradin mutig dazu entschliesst, als männlicher Pionier an einem Geburtsvorbereitungskurs teilzunehmen – eine Szene, die wohl als Zeichen verstanden werden soll, dass auch in einer schlimmen Welt noch nicht alles ganz verloren ist.
Wie schon «Die Revoluzzer» ist auch «Die Ausgebeuteten» weit mehr als ein historischer Roman mit erfundener Handlung. Ryser interessiert sich für die Strukturen hinter den Einzelschicksalen. Er erzählt vom Färberstreik, von der Macht der Arbeitgeber, von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, von Suppenküchen, der Basler Mission, vom Aktivdienst, von Flüchtlingen an der Grenze, vom Frauenspital, von der Kriegsnot und schliesslich von den heftigen sozialen Erschütterungen rund um den Landesstreik und den Basler Generalstreik. Gleichzeitig zieht sich ein ökologisches Motiv durch das Buch: der Rhein als Lebensader – und als Abflussrinne für das, was die chemische Industrie loswerden will.
Historischer Kontext
Ryser hat in einem früheren «Volksstimme»-Interview gesagt, er schreibe düstere Bücher, weil die Realität häufig düster sei. Das trifft auch hier zu.
Er erklärte damals auch, ihn interessierten Menschen auf der Verliererseite des Lebens, die grosse Kraft und Widerstand in sich trügen. Genau solche Menschen bevölkern diesen Roman: Sie verlieren häufig, manchmal werden sie gebrochen, aber bleiben als Figuren nicht stumm. Während die Ausgebeuteten reden, erscheinen die Ausbeuter meist nur schemenhaft.
Natürlich ist «Die Ausgebeuteten» kein schmales, leichtfüssiges Buch. Ryser holt aus und nimmt sich Zeit, manchmal sehr viel. Er liebt den historischen Kontext, erklärt den unerklärlichen Ersten Weltkrieg, politische Zusammenhänge, soziale Verhältnisse, die Spanische Grippe, medizinische Abläufe, militärische Dienstordnungen und industrielle Entwicklungen – zum Teil en détail. Wer einen reinen Plot-Roman sucht, wird sich gelegentlich wünschen, der Autor würde etwas zügiger vorwärtsmachen. Doch genau diese Fülle ist zugleich die Stärke des Buchs: Bei Werner Ryser ist Geschichte nicht Kulisse. Man versteht nach der Lektüre mehr – über Kleinhüningen, das seine Eingemeindung nach Basel bitter bereuen musste, über die Arbeiterschaft, die Anfänge der chemischen Industrie und vor allem darüber, weshalb soziale Rechte nicht vom Himmel gefallen sind.
Der alte Gegensatz
«Die Revoluzzer» erzählte, wie sich die Landschaft aus der Herrschaft der Stadt löste. «Die Ausgebeuteten» zeigt, dass damit die Geschichte der Unterdrückung nicht beendet war. Sie verlagerte sich: Aus den Baselbieter Bauern wurden Hilfsarbeiter, Dienstmädchen, kleine Angestellte, Soldaten, bitterarme Gebärende im Frauenspital, Kinder ohne Zukunftsaussichten. Der alte Gegensatz zwischen oben und unten blieb bestehen. Nur die Schauplätze änderten sich.
Ich habe mich bei «Die Revoluzzer» gefragt, weshalb ich über die Unterdrückung meiner Vorfahren so wenig wusste. Nach «Die Ausgebeuteten» stellt sich die gleiche Frage erneut – diesmal mit Blick auf die Arbeiter, die in Basel und an seinen Rändern den Reichtum anderer mit ihrer Gesundheit bezahlten. Werner Ryser leistet auch mit diesem Buch gute Dienste: Er schreibt nicht bequem, aber so, dass man nachher klüger ist. Und sich durchaus daran erfreuen kann, wie sehr sich unsere Region in den vergangenen 100 Jahren zum Positiven verändert hat. Heute stirbt nicht mehr, wer einen Schluck aus dem Rhein nimmt; heute schwimmt tout Bâle darin. Und viele als Dividende jener überaus harten Zeit der Industrialisierung auch im Geld.
Werner Ryser, «Die Ausgebeuteten», Cosmos Verlag. Die Buchvernissage findet übermorgen Donnerstag, 27. August, 19.30 Uhr, im Sommercasino Basel an der Münchensteinerstrasse 1 statt. Moderation: Brigitte Häring (SRF).

