«Während ich zeichne, entdecke ich»
02.04.2026 SissachMartin Cleis feiert seinen 80. Geburtstag
Martin Cleis ist Künstler, Weltreisender sowie Zeichner aus Leidenschaft und feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. Zum runden Jubiläum präsentiert er ein Buch, das sechs Jahrzehnte seines Schaffens vereint.
...Martin Cleis feiert seinen 80. Geburtstag
Martin Cleis ist Künstler, Weltreisender sowie Zeichner aus Leidenschaft und feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. Zum runden Jubiläum präsentiert er ein Buch, das sechs Jahrzehnte seines Schaffens vereint.
Melanie Frei
Er sitzt inmitten seines Archivs, umgeben von unzähligen Bilderrahmen und Jahrzehnten gesammelter Werke und wirkt dabei vollkommen zu Hause. Martin Cleis, aufgewachsen in Sissach, feiert am 5. April seinen 80. Geburtstag. Man sieht ihm die Jahre kaum an, während er – animiert durch unser Gespräch und die vielen Erinnerungen – von seinem Leben erzählt.
Der wache Mann empfängt in seinem «living-archive» an der Hafenstrasse 25 in Kleinhüningen – einem lebendigen Archiv, das er im Dezember 2023 eröffnete und das künftig auch als Veranstaltungsort dienen soll.
Zu seinem runden Geburtstag am Ostersonntag präsentiert Cleis sein Buch: «EntwicklungsLINIEN – Zeichnungen aus sechs Jahrzehnten». Wer es aufschlägt, begibt sich auf eine Reise durch ein aussergewöhnliches Künstlerleben von den ersten Kritzelversuchen eines Kindes in Sissach bis zu den reifen Werken eines international erfahrenen Künstlers.
Martin Cleis wurde 1946 in Basel geboren, wuchs aber in Sissach auf. Zeichnen gehörte von klein auf zu seinem Leben, wenngleich er das im Rückblick nüchtern einordnet: «Ich war auch so ein Vielzeichner, denke aber, dass die Lust am Zeichnen für Kleinkinder nahezu universell ist und nichts Aussergewöhnliches», schreibt er im Buch. Erst mit wachsendem Realitätsbewusstsein und sozialen Vergleichen komme manchmal der Abwehrsatz «ich kann nicht zeichnen».
In Sissach besuchte er die Primarschule und Realschule, später das Lehrerseminar im ehemaligen Zisterzienser-Kloster Wettingen, wo er das Primarlehrerpatent erwarb. Doch schon damals zog es ihn zur Kunst. Frisch diplomiert trat er an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel in die Klasse für Zeichenlehramtskandidaten ein. Die Ausbildung war geprägt vom Geist des Bauhauses mit zehn Mal mehr Zeichenlektionen als Malstunden. «Dementsprechend waren unsere Hände abends meist auch schwärzlich patiniert», erinnert er sich schmunzelnd.
London, Amsterdam, New York
1973 traf Martin Cleis einen mutigen Entscheid: Er gab den sicheren Lehrerberuf auf und wagte den Sprung in die Unsicherheit als freischaffender Künstler. Was folgte, war eine rastlose, inspirierende Suche: London, Amsterdam, New York – überall saugte er Eindrücke auf. Die Pop Art prägte ihn nachhaltig mit Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Claes Oldenburg, James Rosenquist. In New York beschäftigte er sich mit Konzeptkunst, Druckgrafik und Fotografie. Ein Zitat von Jasper Johns brannte sich ihm dabei ein: «Take an object. Do something to it. Do something else to it.» Diese Worte wurden, wie er schreibt, zur Triebfeder für sein serielles Arbeiten.
1978 erhielt er ein Stipendium für die Cité des Arts in Paris. Dann, von 1981 bis 1987, Barcelona, wo er nicht nur lebte und arbeitete, sondern 1984 in der renommierten Fundació Joan Miró eine Ausstellung mit Schweizer Kunstschaffenden kuratierte, die anschliessend in Lissabon, Tokyo, Taipei, Arizona und schliesslich in der Kunsthalle Basel gezeigt wurde. Ein Sissacher in der Weltkunst.
Mitte der 1980er-Jahre reifte in Cleis eine weitere kühne Idee: ein eigenes Atelierhaus. Als eine erste Gruppe von Künstlerkollegen zerfiel, die das Projekt gemeinsam angehen wollten, zog Cleis es kurzerhand alleine durch. Er baute das Atelierhaus Arlesheim auf eigenes Risiko im Baurecht der Christoph Merian Stiftung im Industriegebiet von Arlesheim. In diesem Moment, schreibt er, sei ihm etwas aufgegangen: «Es wurde mir plötzlich bewusst, dass ich nun an einem ähnlichen Punkt im Leben stand wie wohl vor Jahrzehnten mein Vater, der das Geschäft seines Vaters in Sissach übernahm und es mit dem Bau von Wäschereimaschinen in die Zukunft führte. Ich baute nun also auch meine ‹Fabrik›, aber für meine Bedürfnisse und Anliegen.»
Was zieht sich durch all diese Jahrzehnte, all diese Stationen? Die Linie. Der Strich. Das Zeichnen. In seinem Buch wird Cleis’ Werk in eine grosse kunsthistorische Tradition eingebettet: vom russischen Konstruktivismus über den abstrakten Expressionismus bis hin zur Zen-Kalligraphie. Seine freie Linie steht an einem Schnittpunkt: zwischen geometrischer Präzision und der Poesie des unvollkommenen Strichs, zwischen Kontrolle und Spontaneität. Im bereits erwähnten Buch schreibt Kunsthistorikerin Maria Eugenia Blázquez, PhD, treffend: «‹Während ich male, denke ich›, sagte die Künstlerin Agnes Martin. Im Fall von Martin Cleis könnte man sagen: ‹Während ich zeichne, entdecke ich.›»
Paul Klee hat diesen Prozess einmal so beschrieben: Eine Zeichnung reproduziert nicht. Sie nimmt eine Linie auf einen Spaziergang mit. Für Martin Cleis, der nun auf acht Jahrzehnte zurückblickt und gleichzeitig vorwärts schaut – mit seinem lebendigen Archiv in Kleinhüningen, seiner Stiftung, seinem neuen Buch – ist dieser Spaziergang noch längst nicht zu Ende.
Die Verbindung zu Hugo Cleis
mef. Ugo Cleis (1903 – 1976), einer der bekanntesten Baselbieter und Tessiner Maler, hatte nicht nur am gleichen Tag wie sein Neffe Martin Cleis Geburtstag, er war für ihn ein geliebter Onkel und – was das «Künstler-sein» betrifft – auch ein Vorbild: «Es war immer eine grosse Freude, wenn Onkel Hugi aus dem Tessin zu meiner Grossmutter zu Besuch kam», erzählt Martin Cleis. «Aber noch unvergesslicher sind die Besuche in seinem Atelier, wenn unsere Familie Ferien im Tessin machte», so der Künstler.
Buchvernissage am Sonntag, 15 Uhr, in der Galerie Mollwo in Riehen.

