Wermut und Thymian zum Wohl des Viehs
17.07.2026 Lampenberg, Landwirtschaft, LampenbergStefanie Spycher
Sitzt man bei Myriam Schwob am Esstisch, schweift der Blick in die Ferne zu den Höfen in den Bennwiler Hügeln. Dann bleibt er an den grossen, weisslich-grünen Pflanzen hängen, die ungefähr einen Meter hoch vor dem Fenster wachsen. «Das ist Wermut, ...
Stefanie Spycher
Sitzt man bei Myriam Schwob am Esstisch, schweift der Blick in die Ferne zu den Höfen in den Bennwiler Hügeln. Dann bleibt er an den grossen, weisslich-grünen Pflanzen hängen, die ungefähr einen Meter hoch vor dem Fenster wachsen. «Das ist Wermut, ich habe ihn während der Bäuerinnenschule gepflanzt», erzählt Schwob. Schon ist man mittendrin in einem ihrer Lieblingsgebiete, der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Im Rahmen ihrer Ausbildung zur Bäuerin mit Fachausweis, die sie 2021 abgeschlossen hat, hat sie darüber ihre Abschlussarbeit geschrieben.
Wermut hat sie damals genauso wie Thymian gepflanzt. Beide Heilkräuter sind heute prominent im Milchviehstall vertreten: Das Pulver aus den getrockneten Wermutpflanzen fressen die Kühe nach dem Abkalben oder bei Stoffwechselstörungen. «Die enthaltenen Bitterstoffe sind appetitanregend, entblähen und beeinflussen den Leberstoffwechsel», sagt die Bäuerin. Der Thymian werde vor allem bei den Kälbern eingesetzt, zur Prophylaxe und Unterstützung bei Erkältungen oder Grippe. Er wirke antiviral und fördere die Funktion der Atemwege. «Auch Apfelessig stellen wir in einem guten Apfeljahr selbst her», so Schwob. Dieser dürfe gerade an heissen Sommertagen in der Futterration nicht fehlen. Denn neben vielen positiven Eigenschaften helfe der Apfelessig auch, die Körpertemperatur zu regulieren.
Im Milchviehstall ist die Bäuerin dann anzutreffen, wenn «jemand fehlt». Sei es, wenn die Lehrtochter Schule oder frei hat oder wenn ihr Mann gerade mit einer anderen Arbeit beschäftigt ist. Die Arbeit bei den Milchkühen macht sie genauso gerne, wie sie eigene Produkte verarbeitet. Beim Besuch der «Volksstimme» ist die 35-Jährige dabei, Käse aus hofeigener Milch herzustellen. Diesen legt sie dann in Öl ein. Ein weiteres neues Produkt ist Seife aus Molke mit Aroma aus eigenem Lavendelhydrolat. Die Seife produziert sie zum Verkauf am Dorffest in Lampenberg am 5. und 6. September.
Ihre Aufgaben auf dem Bauernhof sind genauso vielseitig wie sie selber. So arbeitet sie nicht nur im Stall und verarbeitet Produkte, sondern bezahlt auch die Rechnungen, schaut zu den Legehennen, zum Haushalt und Garten, hilft bei Erntearbeiten und ist Mutter von zwei Kindern.
Kanada, Costa Rica und Mexiko
Myriam Schwob ist nicht auf dem Prinzenhof aufgewachsen, sondern hat hier ihren «Prinzen» gefunden: 23 Jahre alt war Myriam, als sie auf den Hof ihres heutigen Mannes gezogen ist. Vor rund 12 Jahren gehörte der Betrieb noch Peter Schwobs Eltern, die Hofübergabe stand bevor.
Damals war sie zwar noch sehr jung, erlebt hatte sie aber schon viel. Aufgewachsen auf einem klassischen Milchbetrieb in Duggingen, zog es sie früh hinaus in die Welt. So war sie nach ihrer Ausbildung zur Floristin für vier Monate in Kanada auf einer Farm, hat in Costa Rica Spanisch gelernt und in Mexiko in einem Waisenhaus gearbeitet. Dazu kamen Reisen mit ihrem zukünftigen Mann, mehrheitlich in Europa und Amerika sowie Südamerika. Von ihren gemeinsamen Reisen zeugen die Pins auf einer Weltkarte an ihrer Wohnzimmerwand. «Wir wussten, wenn wir diesen Betrieb übernehmen, wird es wohl eine Weile nichts mehr mit Ferien – darum haben wir das vorher erledigt», sagt Myriam Schwob und lacht.
In der Tat: Nach der Hofübernahme und ihrer Hochzeit im Jahr 2016 wurden ein Neubau und eine komplette Automatisierung im Milchviehstall geplant und realisiert: Melkroboter und automatische Fütterung sollen den Tagesablauf erleichtern und ermöglichen, dass Myriam und Peter Schwob die Arbeit auf dem Betrieb auch ohne Angestellte und mit zusätzlicher Lebensqualität bewältigen können. Eine arbeits- und finanzintensive Zeit liegt hinter ihnen. Seit 2023 ist der automatisierte Milchviehstall mit Kompost-Liegefläche in Betrieb. Momentan stehen 60 Milchkühe im Stall, dazu kommt die eigene Aufzucht mit 15 Kälbern, 20 Rindern und 35 Mastkälbern. «Auf dem Betrieb läuft es langsam so, wie wir es uns vorgestellt haben», sagt Myriam Schwob.
Im krassen Gegensatz dazu stehen die äusseren Bedingungen; diese haben sich in den vergangenen Monaten zum Negativen verändert. Die in den Medien viel diskutierte «Milchschwemme» in der Schweiz, verbunden mit sinkenden Preisen, macht auch den Schwobs zu schaffen. Und so arbeiten die beiden momentan nicht wie geplant dank der Automatisierung weniger, sondern mehr. Denn die rund 10 000 Franken, die monatlich durch den tiefen Milchpreis fehlen, müssen anders erwirtschaftet werden. So haben Schwobs in den vergangenen Monaten zum Beispiel 60 Wiesenschweine und 10 zusätzliche Kälber unter anderem mit Milch gemästet.
Die Entscheidungen für diese neuen temporären Betriebszweige haben die beiden gemeinsam getroffen. Auf dem Papier ist die Bäuerin zwar «nur» angestellt, der Hof gehört ihrem Mann Peter. «Aber wir führen den Betrieb gemeinsam.» Wichtige Entscheide werden zusammen diskutiert und gefällt. Beide sind dafür auch bestens ausgebildet: Myriam Schwob ist Bäuerin mit Fachausweis, Peter Schwob hat nach der landwirtschaftlichen Grundausbildung weitergemacht bis zur Meisterprüfung. Die beiden wissen also, wovon sie reden. Unterstützt werden sie jeweils von einem oder einer Lernenden sowie von Peter Schwobs Eltern, die noch, wo immer möglich, im Betrieb mithelfen.
«Ah, du arbeitest wieder…»
Am Beruf der Bäuerin schätzt Myriam Schwob besonders «den vielseitigen und abwechslungsreichen Alltag, das Verarbeiten, Vermarkten und natürlich auch selber Geniessen der eigenen Hofprodukte». Ebenso schätze sie, dass sie mit ihrem Mann zusammenarbeiten und ihre Kinder miteinbeziehen könne. Auch wenn sie gesteht: «Es ist nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bekommen.»
Die beiden Mädchen sind fünf und sieben Jahre alt und im Kindergarten und in der Schule. Darum ist es möglich, dass die gelernte Floristin wieder einen Tag auswärts in ihrem angestammten Beruf arbeiten kann. «Ich mache das vor allem für mich als Ausgleich, denn Arbeit hätte es zu Hause genug.» Aufgefallen seien ihr dabei Aussagen wie «Ah, du arbeitest wieder», die ihr zu verstehen gaben, dass die Arbeit der Bäuerinnen oder auch der Hausfrauen zum Teil nicht richtig wahrgenommen wird. «Deshalb freut es mich sehr, dass die UNO 2026 zum Jahr der Bäuerinnen erklärt hat.» Denn ihr Alltag zu Hause sei arbeitsintensiver und auch mit mehr Verantwortung verbunden.
Myriam Schwob macht kein Geheimnis daraus, dass die aktuelle Situation wegen des tiefen Milchpreises für sie recht herausfordernd ist. Aber Trübsal blasen möchte sie nicht. Nicht nur glaubt sie daran, dass die Milchproduktion in der Schweizer Landwirtschaft Zukunft hat: «Es kommen hoffentlich wieder bessere Zeiten für uns Milchviehbetriebe.» Sie bemüht sich auch zu sehen, was sie hat: «Wir dürfen sehr dankbar sein für alles.» Ihr Blick schweift dabei über das Haus, den Hof und die Felder.
Bereits erschienen sind die Porträts von Sonya Leuenberger vom Hof Halde in Ziefen sowie Andrea Gysin vom Hof Halde in Läufelfingen. Die Serie wird wöchentlich fortgesetzt.

