Wenn selbst die Notfallpläne austrocknen
08.10.2026 GelterkindenDie Nachbarn können kein Wasser liefern – neue Notlösungen sind gefragt
Die angespannte Wassersituation im Oberbaselbiet spitzt sich zu. Der Plan, Gelterkinden im Notfall über das Pumpwerk Böckten zu versorgen, ist nicht möglich. Auch den Nachbarn fehlt das ...
Die Nachbarn können kein Wasser liefern – neue Notlösungen sind gefragt
Die angespannte Wassersituation im Oberbaselbiet spitzt sich zu. Der Plan, Gelterkinden im Notfall über das Pumpwerk Böckten zu versorgen, ist nicht möglich. Auch den Nachbarn fehlt das Wasser. Ein Augenschein in der Tiefe mit Brunnmeister Samuel Fröhlicher zeigt: Gelterkinden muss zu unkonventionellen Mitteln greifen.
Jo Krebs
Normalerweise steht das Wasser im Brunnenschacht bei der Wolfstiege so hoch, dass Samuel Fröhlicher es mit der Hand berühren kann. Fasst der Gelterkinder Brunnmeister in diesen Tagen in den elf Meter messenden Schacht des Hauptpumpwerks, greift er ins Leere. «Der Wasserstand liegt rund vier Meter tiefer als im Vorjahr», sagt Fröhlicher und deutet auf die Markierungen am Betonschacht. Der Füllstand bewegt sich derzeit nur in eine Richtung: nach unten. Allein von Anfang September bis Anfang Oktober ist der Pegel um einen weiteren Meter gesunken.
Das Pumpwerk, in dem wir uns befinden, ist ein technisches Meisterwerk aus den 1960er-Jahren. Als schweizweit einzigartige Anlage wird das Grundwasser hier über einen horizontalen Stollen von unten her angezapft. Doch der tiefe Wasserstand wird allmählich kritisch. Fällt der Pegel in den Bereich der Filterrohre, drohen zu starke Strömungen. Diese könnten Sedimente mitführen und die Anlage beschädigen.
Fröhlicher und sein Team mussten bereits regelmässig das Gelterkinder Notpumpwerk «Zelgwasser» zuschalten, um den Pegelverlust der Hauptfassungen in der Wolfstiege abzufedern. Da dies keine Dauerlösung ist, hoffte man bis vor Kurzem, das benachbarte Pumpwerk in Böckten (Verbund Wühre) als Notnagel nutzen zu können. Zwar half man sich bei Baustellen schon früher aus, doch dass ein Verbundnetz wegen akuter Wasserknappheit bei den Nachbarn aushelfen muss, wäre ein Novum.
Technisch wäre es simpel. Die beiden Netze sind nur einen Meter getrennt. Eine externe Pumpe zwischen zwei Hydranten reicht, um das Wasser fliessen zu lassen. Doch daraus wird nichts. «Der Verbund Wühre kann aktuell nicht liefern», stellt Fröhlicher klar. Die Trockenheit macht nicht an der Gemeindegrenze halt. Auch Sissach und Böckten verzeichnen inzwischen einen Wassermangel und mussten kürzlich gar eine Notlieferung an Tenniken einstellen, um die eigene Versorgung nicht zu gefährden.
Plan B in Planung
Im Hintergrund arbeitet die Gelterkinder Wasserversorgung nun an weiteren Alternativen. Da Böckten ausfällt, richtet sich der Blick auf Tecknau und Buus. Während nach Tecknau eine bestehende Leitung genutzt werden könnte, erfordert der Anschluss an Buus unkonventionelle Massnahmen. «Wir prüfen aktuell, ob wir zwischen Buus und dem Leitungsnetz von Ormalingen einen rund 500 Meter langen Trinkwasserschlauch oberirdisch verlegen können», erklärt Fröhlicher. Über das Netz von Ormalingen könnte anschliessend Gelterkinden versorgt werden. Dies würde den sinkenden Gelterkinder Grundwasserspiegel vorübergehend entlasten.
Die Auswirkungen der anhaltenden Trockenheit lassen sich täglich an den Messgeräten ablesen. In der Hochphase, als Gelterkinden kurzzeitig auch Ormalingen mitversorgen musste, wurden täglich bis zu 2500 Kubikmeter Wasser bezogen. Heute sind es noch rund 1200 Kubikmeter. Dieser Rückgang sei allerdings nur bedingt den Sparappellen zu verdanken, auch wenn sich die grosse Mehrheit der Bevölkerung an den haushälterischen Umgang mit Trinkwasser halte.
Ein wichtiger Faktor war laut dem Brunnmeister der Wetterumbruch im September. Bei tieferen Temperaturen werde beispielsweise weniger geduscht. Gleichwohl sinke der Grundwasserpegel weiter, da die Quellen aufgrund fehlender Niederschläge versiegt seien. So gelte nach wie vor, mit Wasser sparsam umzugehen.
Durchschnittlich verbraucht eine Person im Haushalt rund 145 Liter pro Tag, wovon nur wenige Liter aufs Kochen und Trinken entfallen. Das meiste Wasser wird im Badezimmer genutzt, und hier sind die grössten Hebel einfach: die kleine statt der grossen Taste bei der Toilettenspülung nutzen. Oder das Wasser beim Einseifen unter der Dusche abstellen. Einen besonderen Tipp hat Fröhlicher von älteren Generationen erhalten: «Einfach einen Kessel vor die Dusche stellen und das anfangs kalte Wasser auffangen. Bis es warm wird, fliessen oft bis zu fünf Liter ungenutzt in den Abfluss. Dieses Wasser kann man ideal zum Giessen der Pflanzen verwenden.»
Warten auf ausgiebigen Regen
Wie lange diese Notlösungen die Versorgung bei ausbleibendem Regen noch aufrechterhalten können, lässt sich kaum abschätzen. «Wir hatten ein solches Szenario schlicht noch nie», sagt Fröhlicher.
Kurzfristige Schauer und auch einzelne Regentage wie heute bringen keine wesentliche Entlastung, da die Nässe aktuell nur wenige Zentimeter in den extrem trockenen Boden eindringt, statt bis in tiefere Schichten und ins Grundwasser zu gelangen. Die Hoffnung für das Oberbaselbiet liegt in den kommenden Monaten. Bleiben ergiebige Herbst- und Winterregen sowie Schneefälle aus, dürfte das kommende Jahr zu einer noch grösseren Belastungsprobe für den Wasserhaushalt und die Menschen im Ergolztal werden.
Trockenjahre im Baselbiet
jk. Die aktuelle Dürreperiode reiht sich in eine Serie historischer Extremjahre ein, die das Ergolztal und die regionale Wasserversorgung vor immer grössere Herausforderungen stellen:
2003: Der damalige Jahrhundertsommer war der erste grosse Stresstest für die moderne Infrastruktur. Monatelange Hitze liess lokale Quellen versiegen. Als Reaktion wurden regionale Zusammenschlüsse und Wasserverbünde gebildet oder intensiviert, um Engpässe abzufedern. Permanent sinkende Grundwasserspiegel, wie aktuell in Gelterkinden, gab es damals jedoch noch nicht.
2018: Nicht nur der Sommer, sondern bereits der Frühling war extrem trocken. In vielen Gemeinden im Oberbaselbiet sanken die Grundwasserpegel auf historische Tiefstände. Erstmals, so wie aktuell, griffen zahlreiche Gemeinden flächendeckend zu Aufrufen und Verboten, etwa beim Rasensprengen oder Befüllen von Pools.
Heute: Trockenphasen sind keine seltenen Ausnahmen mehr. Das Hauptproblem ist oft nicht mehr nur der fehlende Sommerregen, sondern das Ausbleiben ergiebiger Niederschläge im Winter und Frühjahr. Dadurch füllen sich die Grundwasserspeicher nicht mehr auf und nehmen konstant ab.
Zur Person
jk. Samuel Fröhlicher ist Brunnmeister mit eidgenössischem Fachausweis und Leiter der Brunnenmeisterei Gelterkinden. Er betreut mit seinem Team auch die Wasserversorgungen von Ormalingen und Rothenfluh. Zu seinen Aufgaben gehören der Betrieb und Unterhalt der Quellen, Pumpwerke, Reservoirs und des Leitungsnetzes sowie die Überwachung der Trinkwasserqualität. Zudem koordiniert er Leitungsbauprojekte und Massnahmen zur Sicherstellung der Wasserversorgung.

