Wenn alle «Sierra, Sierra Madre» singen
29.09.2026 SissachEin Sonntag zwischen «Amore» und Bierbechern
Am Schupfart-Festival treffen sonntags Schlager, Tracht und Generationen aufeinander. Zwischen Lederhosen, Bierbechern und alten Melodien wird der Event zur grossen Familienund Freundesrunde.
Daniel ...
Ein Sonntag zwischen «Amore» und Bierbechern
Am Schupfart-Festival treffen sonntags Schlager, Tracht und Generationen aufeinander. Zwischen Lederhosen, Bierbechern und alten Melodien wird der Event zur grossen Familienund Freundesrunde.
Daniel Aenishänslin
«Sierra, Sierra Madre del Sur. Sierra, Sierra Madre, oh, oh.» Die «Seerugge Feger» spielen ihre Zugabe, und auf den Bänken stehen Menschen fast jeden Alters. Sie schunkeln im Takt, singen mit, einige stemmen Bierbecher in die Höhe. Es schwappt auch mal über. Dazwischen Dirndl mit Blumenmuster, Lederhosen, ausgelassene Gesichter. «Sierra, Sierra Madre del Sur.» Für einen Moment sind alle Teil desselben Refrains. Diejenigen, die den Schlager schon vor Jahrzehnten kannten, ebenso wie jene, die vermutlich noch gar nicht auf der Welt waren, als Wolfgang «Ronny» Roloff und Hans Hee das Lied 1970 schrieben. Die Schlagerparty hat das Schupfart-Festival fest im Griff.
Wer am Sonntag ab 11 Uhr im Festzelt von Schupfart steht, könnte meinen, hier fliessen die Jahrzehnte ineinander. Auf der Bühne wird ein Schlager angestimmt, der schon Generationen von Festbesuchern begleitet hat. Im Publikum treffen Dirndl auf Jeans und T-Shirts. Auf den Bänken schunkeln Teenager neben Menschen, die das Festival vielleicht noch aus seinen ersten Jahren kennen.
Der Velo-Moto-Club Schupfart veranstaltet das heutige Schupfart-Festival seit 1983. Damals hiess es noch Oktoberfest und war, wie OK-Präsidentin Doris Müller sagt, «etwas Eigenes». Zwei Jahre später kam Country dazu und mit der Musik ein zweiter Festivaltag. Heute dauert der Anlass drei Tage. Der Freitag steht im Zeichen von Pop und Rock. In diesem Jahr stand erstmals ein 40-Tonnen-Truck im Zelt. Daraus wurden am Freitag die Souvenirs der Band «Freiwild» feilgeboten.
Trotz aller Neuerungen und Entwicklung ist der Ort, wo man sich trifft, derselbe geblieben: der Flugplatz Schupfart. 1983, im Gründungsjahr, wurde in München wie bereits vor 173 Jahren die Mutter aller Oktoberfeste gefeiert, eröffnet vom damaligen Oberbürgermeister Erich Kiesl. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauss bekam die erste Mass Bier. Die Tradition, dass der bayerische Ministerpräsident die erste Mass erhält, hatte Strauss drei Jahre zuvor selbst eingeführt.
Schupfart war also von Anfang an ein bisschen München im Kleinen. Die Stars der beiden ersten Jahre waren hier aber nicht Strauss und Kiesl, sondern der Kaistener Beny Rehmann und die deutsche Pop-Band Dschingis Khan.
Italianità auf Schupfarter Art
«Arriwidertschi, Ciao Amore» ist ein weiterer gescheiterter Versuch einer deutschen Sängerin, von der Schupfarter Bühne Italianità zu versprühen. Das ist ähnlich wie in Trier. Zig gute Restaurants, aber um einen trinkbaren Cappuccino zu kriegen, muss man in die Casa del Caffè, zum Italiener. Den Leuten im Zelt ist es egal. Sie lieben Anna-Maria Zimmermann. Von wegen Kaffee, Hauptsache Amore.
«Diese Dirndl und Lederhosen sind die absolute Magie für mich», ruft Zimmermann ins Zelt. Hier ist die Tracht weniger Kleidervorschrift als Eintrittskarte in einen gemeinsamen Nachmittag. Wobei gelegentlich die Grenzen des guten Geschmacks geritzt werden. Lange, weisse Lederhosen. Wer hat sich denn so etwas ausgedacht?
Seitlich der Bühne formieren sich Tamara, Yvonne, Janina und Heidi um einen Stehtisch. Vier Frauen in violetten T-Shirts mit dem aufgedruckten Imperativ: «Party People United». Sie sind gemeinsam aus Koblenz angereist, sind Arbeitskolleginnen und seit über zehn Jahren Stammgäste am Sonntag.
«Die blonden Ladys da drüben sind die Ursprungsformation», erzählt Tamara. Sie zeigt auf drei ältere Damen, die noch ganz jugendlich das «Arriwidertschi» mittanzen. Ein traditioneller Frauenausflug, sagt Tamara. «Immer super Acts, immer super Stimmung, immer schön.» Allerdings sei es heute etwas ruhiger als gewöhnlich. Und sehr warm.
Auf der Bühne geht die Reise weiter. Noch einmal ist Italien Ziel der Sehnsucht, zumindest musikalisch. Anna-Maria Zimmermann singt «Tornerò» von «I Santo California». 1974 war das. Unter dem alten Lied treibt ein junger Beat den Song an. «Ooh – ooh – ooh»: Das Publikum singt mit. «Ooh – ooh – ooh»: Das Publikum schwelgt in Glückseligkeit. Ein halbes Jahrhundert später funktioniert das immer noch.
Seit den ersten Schupfarter Festtagen hat sich einiges verändert. Zu Zeiten von Franz Josef Strauss hätte man unter einer kurzen Lederhose vermutlich anderes erwartet als heute. Tätowierte Waden gehören inzwischen ebenso selbstverständlich zum Trachtenbild wie die Hosenträger darüber.
Der Schlager wird mit viel Drumherum serviert. In einer Ecke wird auf einem mechanischen Bullen geritten. Gleich daneben riecht es nach Raclette. Dazu besticht der Ausschank durch eine praktische Erfindung für Durstige. Kartonhalter, in denen fünf Bierbecher in der Reihe Platz haben. «Männerhandtaschen» werden sie genannt.
«Reisst die Hütte ab», singt Mickie Krause nun von der Bühne. «Reisst die Hütte ab», johlt die Menge zurück. Das Publikum, sagt OK-Präsidentin Müller, sei deutlich jünger geworden. Ein Publikum, das Schlager und Party möge. Rund 7000 seien ans Festival gekommen. «Solide», sagt Müller, die gerne noch ein paar zahlende Gäste mehr begrüssen würde. 500 Helferinnen und Helfer kümmerten sich um sie.
Doris Müller ist derweil gut gelaunt. Sie erscheint etwa so, wie sie das Sonntags-Publikum beschreibt: «Fröhlich, positiv, sorgenfrei.» Diese Stimmung, auch die gute Stimmung im Helferteam, sei für sie stets das Highlight. Der Festival-Sonntag sei wie eine Verabredung unter Freunden oder in der Familie. «Dieses Treffen ist sogar wichtiger, als wer auftritt», sagt Müller. Mickie Krause gibt trotzdem Vollgas. «Reisst die Hütte ab!»





