Was wir vom Eichhörnchen lernen sollten
08.04.2026 PolitikSamira Marti, Nationalrätin SP, Binningen/Ziefen
Sind Sie manchmal auch etwas überfordert angesichts der vielen negativen Meldungen? Eine schlechte Nachricht folgt auf die nächste. Der Horror von Crans-Montana, der Busbrand in Kerzers, der Gondelabsturz ...
Samira Marti, Nationalrätin SP, Binningen/Ziefen
Sind Sie manchmal auch etwas überfordert angesichts der vielen negativen Meldungen? Eine schlechte Nachricht folgt auf die nächste. Der Horror von Crans-Montana, der Busbrand in Kerzers, der Gondelabsturz in Engelberg. Die US-Drohungen gegenüber Grönland, die Gefangennahme von Maduro in Venezuela, der Ukrainekrieg. Und nun auch noch Krieg im Nahen Osten. Dass man da Angst bekommt, ist verständlich. Aber es darf kein Grund sein wegzuschauen. Entscheidend ist, dass wir jetzt die richtigen Schlüsse für uns selbst ziehen.
Stellen Sie sich vor, die Strasse von Hormuz ist über längere Zeit geschlossen oder beeinträchtigt. Erdöl und Erdgas werden knapp und teuer. Die Strompreise steigen an. Das führt zu Inflation auf allen Gütern, die Nachfrage wiederum leidet. Die Wirtschaft kommt ins Stocken. Was müssen wir tun?
Die geradezu nostalgisch anmutenden Geschichten meiner Eltern aus den 1970er-Jahren, mit autofreien Sonntagen und Kindervelo fahren auf der Autobahn, sind keine gute Lösung. Fakt ist: Impor- tierte fossile Energien machen abhängig. Vor allem, wenn sie aus einer instabilen Region stammen oder die Transportrouten machtpolitische Kernelemente sind.
Die Lösung liegt auf der Hand und ist längst bekannt. Wir brauchen möglichst viel unabhängigen, einheimischen Strom, auch bekannt unter dem Titel «erneuerbare Energien». Zwar wurde die Solardachpflicht für Eigentümer von der Stimmbevölkerung nicht befürwortet, aber ein Recht besteht ja, und der Anreiz sollte grösser denn je sein.
Dabei geht es auch um unsere Sicherheit, das zeigen nicht zuletzt die Bombenangriffe auf zentrale Energieproduktionsstätten im Iran und in der Ukraine. Aus militärischer Sicht gelten sie als bevorzugte Ziele, da sie einen Staat verwundbar machen. Auch beim Überfall auf Venezuela war der erste Schritt, die Stromversorgung zu kappen. Der kubanischen Bevölkerung wird aktuell im wörtlichen Sinn der Strom abgestellt. Zentrale Förderund Produktionsorte sind besonders vulnerabel für Bomben oder Cyberangriffe.
Kürzlich war der 15. Jahrestag der Katastrophe von Fukushima. Die Japaner sind legendäre Technologen und bekannt als Aufräumer – Marie Kondo lässt grüssen –, dennoch werden die Aufräumarbeiten noch Jahrzehnte dauern. AKWs sind dank neuer Technologie sicherer, sagt Bundesrat Rösti. Die Technologie in Ehren, aber vor Umweltkatastrophen und Bombardierungen schützt auch die grösste Innovation nichts.
Für uns Schweizerinnen und Schweizer scheint der Krieg weit weg. Doch die Energieversorgung ist eine unserer Achil- lesfersen. Ich möchte es nicht drauf ankommen lassen und hoffen, dass unsere Tochter mal auf der Raststätte Pratteln mit dem Kindervelöli vorfahren kann.
Diversifizieren ist das Motto, das Strom und Sicherheit bringt. Je verteilter wir Strom produzieren, desto besser. Es ist ein universelles Prinzip: Das Eichhörnchen vergräbt im Herbst die Nüsse an sehr vielen Orten, der Banker versorgt das Geld in unterschiedlichen Anlagenformen. In beiden Fällen geht es darum, das Klumpenrisiko zu reduzieren.
Für uns heisst das: Hundertausende Solardächer sind besser als ein AKW. Möglichst viele unabhängige Stromquellen anzuzapfen ist besser, als auf den Tanker aus Nahost warten. Was in der Welt passiert, zeigt uns immer wieder, wie schnell vermeintliche Sicherheiten ins Wackeln geraten. Für uns bedeutet das, Prioritäten neu zu setzen. Ganz nach dem Eichhörnchen.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

