«Was machen wir sonst alleine?»
04.08.2026 OrmalingenAktive Alltagsgestaltung spielt im Zentrum Ergolz eine wichtige Rolle
Das Eintrittsalter in Altersheime steigt, die Zahl der Demenzbetroffenen wächst. Gleichzeitig gibt es politische Sparforderungen an die Pflegeheime. Wie sieht der Alltag in einer solchen Institution aus? Die ...
Aktive Alltagsgestaltung spielt im Zentrum Ergolz eine wichtige Rolle
Das Eintrittsalter in Altersheime steigt, die Zahl der Demenzbetroffenen wächst. Gleichzeitig gibt es politische Sparforderungen an die Pflegeheime. Wie sieht der Alltag in einer solchen Institution aus? Die «Volksstimme» hat in Ormalingen einen Einblick erhalten.
Marianne Ingold
Bald kann Berta Suter ihren 90. Geburtstag feiern. Sie freut sich auf das Fest im Kreis ihrer grossen Familie und möchte dafür mobiler werden. Mit der Physiotherapeutin übt sie das Treppensteigen und in ihrem Zimmer macht sie selbstständig eine Kräftigungsübung für die Beine. Dazu sitzt sie auf der Bettkante, hält sich am Rollator fest, steht mit möglichst geradem Rücken auf und setzt sich wieder. «Atmen sollte ich auch noch dabei», sagt sie und lacht.
Frau Suter wohnt seit Januar 2025 im Alters- und Pflegezentrum Ergolz in Ormalingen. «Ich sah fast nichts mehr, konnte nicht mehr einkaufen und nicht mehr kochen. Das tat weh.» Nach einem Schlaganfall machten auch ihre Beine nicht mehr mit. Der Umzug ins Heim sei für sie deshalb das Beste gewesen: «Ich bin hier sehr gut aufgehoben und die Pflege ist super.» Am Morgen kommt sie noch alleine zurecht und ist spätestens um 8 Uhr bereit fürs Frühstück: «Ich freue mich immer auf den Kaffee und das frische Brot.»
Die zwölf Bewohnenden einer Pflegeeinheit frühstücken gemeinsam in der grossen Wohnküche. Am Mittag und am Abend können sie auch im Speisesaal essen. Zusätzlich gibt es ein öffentliches Restaurant, das von Mittwoch bis Freitag auch abends geöffnet ist. An monatlichen Abendanlässen werden gemeinsam Apéroplättli gemacht oder der Pizzakurier kommt: «Dass man Essen einfach bestellt, kennt die Altersgruppe nicht, die wir hier haben», sagt Jannine Cavallet, Bereichsleiterin Betreuung und Pflege.
Nach dem Frühstück faltet Berta Suter oft Tücher. An einzelnen Vormittagen steht Turnen auf dem Programm. Der strengste Tag sei der Montag, erzählt sie: «Da habe ich noch Physiotherapie.» Danach sei sie jeweils müde, doch sie wolle ja trainieren. Am Dienstag besucht sie die Kreativwerkstatt. Sie mag auch die Kaffeerunden am Nachmittag, bei denen Zivildienstleistende mit den Bewohnenden spielen oder Quizfragen stellen. «Wenn nichts läuft, ist es langweilig.
Was machen wir sonst alleine?» Fernsehen könne sie nicht mehr. Nur bei «1 gegen 100» höre sie manchmal noch zu.
Umso mehr schätzt Frau Suter die Dinge, die noch möglich sind: «Eine Enkelin holt mich manchmal zum Nachtessen ab, im Sommer zum Grillieren – das mag ich sehr gern.» Sie erhält auch oft Besuch von ihren Angehörigen. «Der jüngste Urenkel will mich schon im Rollstuhl herumstossen.» Es gebe noch viele schöne Erlebnisse, sagt Frau Suter. Dazu gehört ein Ausflug in den Zirkus Knie: «Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter nochmals in den Zirkus gehen würde!»
Zuhören und motivieren
In den drei Gebäuden des Zentrums Ergolz leben insgesamt 107 Bewohnerinnen und Bewohner in zwei offenen Pflegewohngruppen und drei geschützten Demenzwohngruppen. Eine Wohngruppe besteht aus jeweils zwei Wohneinheiten und wird von einem festen Pflegeteam betreut, das in verschiedenen Schichten arbeitet. Pro Tag und Wohngruppe sind vier Pflegehelferinnen oder Pflegehelfer im Einsatz plus zwei Pflegefachpersonen für die medizinischen Dienstleistungen. Ab 21 Uhr übernimmt ein separates Nachtteam.
Rita Frech ist Pflegehelferin SRK und arbeitet als Alltagsgestalterin in einer Pflegewohngruppe. «Wir sind für alles da, was der Mensch täglich braucht», erzählt sie. «Wir unterstützen bei der Körperpflege und beim Anziehen, servieren das Essen und sind Ansprechpartner.» Viele Menschen seien einsam und froh, wenn ihnen jemand zuhöre oder sie motiviere, etwas Neues auszuprobieren. «Es ist ein sehr vielfältiger Job, in dem es keine Routine gibt», sagt Frech, die auch mit Bewohnenden spazieren geht, Puzzles macht, kocht oder Zopf backt.
Auf die Frage, ob nicht gerade solche Aktivitäten einem möglichen Spardruck zum Opfer fallen könnten, antwortet Pflegeleiterin Cavallet: «Das wollen wir auf keinen Fall.» Rita Frech ergänzt: «Für unsere Bewohnenden ist es das letzte Daheim und sie sollen sich hier wohlfühlen. Der Mensch braucht soziale Kontakte und eine Motivation.» Jannine Cavallet erinnert daran, dass die Coronazeit in Langzeiteinrichtungen wegen der Isolation besonders schlimm gewesen sei: «Wenn man den Betreuungskontext minimieren würde, um Kosten einzusparen, hätten wir fast dieselbe Situation.»
In den Pflegewohngruppen liegt das Eintrittsalter heute bei mehr als 85 Jahren. Der bisher älteste Neueintretende war 100. Beim Eintritt sind die hochbetagten Menschen oft in einem schlechten Gesundheitszustand, der sich aber dank der Betreuung verbessern kann: «Wenn eine gebrechliche Bewohnerin wieder am Rollator gehen kann, stehst du mit Tränen in den Augen da», sagt Rita Frech.
Was hat sich sonst noch verändert, seit sie vor 13 Jahren angefangen hat? «Die Bewohnenden sind viel anspruchsvoller geworden», stellt sie fest. «Früher bedankten sich alle, wenn man ihnen eine Serviette reichte. Heute hören wir auch manchmal: ‹Gib mir eine Serviette!›» Jannine Cavallet nennt ein anderes Beispiel: «Es besteht teilweise die Erwartung, täglich und zu jeder beliebigen Zeit duschen zu können.» Das gehe aber nicht, weil andere Bewohnende vielleicht gleichzeitig seelischen Beistand bräuchten.
Für ihren Beruf wünscht sich Rita Frech mehr gesellschaftliche Anerkennung: «Während Corona dachte ich, wir würden mehr Wertschätzung erhalten. Aber das ging schnell wieder vergessen.» Teilweise höre sie sehr abwertende Begriffe über ihre Arbeit, die aus wesentlich mehr bestehe, als beim Toilettengang behilflich zu sein. Die Pflegenden, darunter eine zunehmende Anzahl Männer, seien auch Psychologinnen, Vorleser oder Animateurinnen. «Viele sehen und schätzen das erst, wenn sie selber Angehörige haben, die in einer solchen Institution betreut werden.»
Nichts erzwingen
In einer der Demenzwohngruppen unterstützt Angelique Keller, Pflegehelferin SRK, als Alltagsgestalterin die Bewohnerinnen und Bewohner bei der Körperpflege und stellt sicher, dass sie genug trinken, gut versorgt sind und wenn möglich in den Alltag einbezogen werden: «Wir kochen zum Beispiel Apfelschnitze, welche diejenigen Bewohnenden schneiden, die das noch können.»
Die Arbeit mit Demenzbetroffenen stellt besondere Anforderungen an die Betreuung: «Es braucht viel Geduld und die Kommunikation läuft nicht nur über Sprache, sondern auch über Gestik», erklärt Keller. «Wenn zum Beispiel das Gesicht gewaschen werden soll, zeige ich es vor.» Erzwungen wird nichts: «Wenn etwas nicht geht, probieren wir es später nochmals. Oder ein anderes Teammitglied übernimmt und hat vielleicht mehr Glück.» Die kleinen Wohneinheiten à maximal zehn Personen seien ein Vorteil: «Sonst sind die Bewohnenden schnell überfordert.» Besonders gegen Abend können Demenzerkrankte unruhig werden und möchten «heim». Auch das erfordere viel Ruhe und Empathie.
Wie viel eine alltagsnahe Aktivierung auch bei Demenzbetroffenen bewirken kann, zeigt eine Aktivität in einer geschützten Wohngruppe mit der «Tovertafel», einer Art Beamer, der verschiedene interaktive Bilder auf einen Tisch projiziert. Sobald die Seifenblasen, Herbstblätter, Bälle oder Blumen erscheinen, werden zuvor passive Männer und Frauen aufmerksam, beginnen zu zeigen, tippen, wischen und lachen.
Anja Schütz leitet das Aktivierungsteam. «Viele denken, Aktivierung habe nur mit körperlicher Bewegung zu tun. Sie ist aber sehr umfassend und schliesst auch Sinneserfahrungen ein», erklärt Schütz. Ein Angebot zu schaffen, das für möglichst alle Beteiligten passe, sei eine Herausforderung. Das betreffe sowohl kognitive Fähigkeiten wie auch Geschmäcker: «Manche stehen auf Ländler, aber wir haben auch Heavy-Metal-Fans.» Auch Themen für den beliebten Männer-Stammtisch zu finden, sei anspruchsvoll. «Damit soll der Austausch unter den Männern gefördert werden. Frauen kommen leichter in Kontakt miteinander.»
Unterstützt werden Pflegende und Aktivierungsteam vom Gönnerverein, der Veranstaltungen und einen jährlichen Ausflug organisiert, sowie von zahlreichen Freiwilligen, die unter anderem mit Bewohnenden Tandem-Velo fahren, eine Jassrunde betreuen oder zusätzliche Einzelbesuche machen. «Heute sind Bewohnende häufiger lieber für sich», sagt Jannine Cavallet. «Viele waren jahrelang alleine zu Hause und wurden von der Spitex betreut. Sich dann umzugewöhnen, fällt schwer.»
Zukünftig werde sich die Tagesstruktur an die Bedürfnisse der «Babyboomer» anpassen müssen, ist Anja Schütz überzeugt: «Diese Generation möchte wahrscheinlich nicht schon um 20 Uhr ins Bett.» Manche Aktivitäten würden dann statt am Vormittag eher am Nachmittag oder gegen Abend stattfinden, meint Jannine Cavallet. Beides ginge personell nicht. Sicher ist jedoch: Alltagsgestaltung und Aktivierung werden im Zentrum Ergolz ihren hohen Stellenwert behalten, denn, so Anja Schütz: «Wenn die Bewohnenden den ganzen Tag im Zimmer sitzen und depressiv werden, ist niemandem gedient.»
Pflegekosten beschäftigen Landrat
je. Die Diskussion um die Altersheimkosten wird nach der Sommerpause, die am 27. August endet, auch den Landrat beschäftigen. Im Baselbieter Parlament ist ein Vorstoss des SVP-Landrats und Gesundheitsökonomen Stefan Meyer (Münchenstein) hängig. Der Regierungsrat soll demnach prüfen, wie sich die Pflegeund Betreuungsqualität in den Baselbieter Altersheimen systematisch messen und vergleichen lässt. Meyers Ziel ist ein Qualitätsbenchmark, der Gemeinden und Versorgungsregionen mehr Transparenz über Kosten und Leistungen verschaffen soll. Der Vorstoss steht im Zusammenhang mit der Debatte über die Höhe der Pflegeheimkosten. Ausgelöst wurde diese durch ein von der Gemeinde Binningen in Auftrag gegebenes Gutachten, das Sparpotenzial bei den Pflegekosten sieht, vom Pflegeheimverband Curaviva Baselland aber vehement kritisiert wird (die «Volksstimme» berichtete am 22. Mai darüber).



