Was ist eigentlich gut?
03.07.2026 PolitikSandra Jenni, Landrätin FDP, Zunzgen
Eine Pflanze braucht Wasser. Wenn ihre Blätter hängen, greifen wir zur Giesskanne. Eine gute Absicht – und oft auch die richtige Handlung. Was aber, wenn die Pflanze trotz regelmässigem Giessen immer ...
Sandra Jenni, Landrätin FDP, Zunzgen
Eine Pflanze braucht Wasser. Wenn ihre Blätter hängen, greifen wir zur Giesskanne. Eine gute Absicht – und oft auch die richtige Handlung. Was aber, wenn die Pflanze trotz regelmässigem Giessen immer kümmerlicher wird? Dann können wir ihr noch mehr Wasser geben, weil Wasser schliesslich gut ist. Oder wir halten inne und stellen fest, dass ihre Wurzeln längst im Nassen stehen.
Dieses Beispiel zeigt ein grundsätzliches Problem: Eine Handlung kann gut gemeint sein und trotzdem das Gegenteil dessen bewirken, was beabsichtigt war. Damit sind wir bei einer der ältesten Fragen überhaupt: Was ist gut? Wir sprechen von einem guten Menschen, einer guten Schule oder einer guten Politik. Doch nach welchem Massstab urteilen wir? Eine gute Autofahrerin fährt sicher, sparsam oder schnell. Schon ein alltägliches Urteil setzt voraus, dass wir uns über das Ziel einig sind.
Bei politischen Fragen begegnen sich häufig zwei Denkweisen. Die eine beginnt mit einer Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte. Sie definiert ein Ideal und misst die Realität daran. Wo eine Abweichung festgestellt wird, entstehen Forderungen, Programme und neue Regeln. Die andere beginnt bei der Wirklichkeit. Sie fragt: Was geschieht tatsächlich? Welche Handlun- gen führen zu welchen Ergebnissen? Was funktioniert – und was nicht? Der Unterschied zeigt sich, wenn eine Massnahme nicht die erwartete Wirkung erzielt. Nehmen Armut, Abhängigkeit oder Spannungen trotz eines Programms nicht ab, müsste dies Anlass sein, die eigenen Annahmen zu überprüfen. Doch genau das fällt uns schwer. Haben wir viel Zeit, Geld oder Überzeugung in eine Idee investiert, halten wir oft umso stärker an ihr fest. Den Misserfolg erklären wir dann damit, dass noch nicht genug getan wurde.
Die Pflanze welkt weiter? Dann braucht sie eben noch mehr Wasser. So kann aus einer guten Absicht eine Ideologie werden. Nicht weil das Anliegen falsch war, sondern weil die Wirklichkeit ihre korrigierende Funktion verliert. Das gilt auch für die Bekämpfung von Armut. Dass Armut schlecht ist, dürfte kaum bestritten sein. Schwieriger ist die Frage, welche Massnahmen Menschen tatsächlich helfen, sie dauerhaft zu überwinden. Entscheidend ist, ob eine Massnahme Leid verringert, Abhängigkeit reduziert und Menschen befähigt, ihr eigenes Leben zu gestalten. Eine Gesellschaft braucht Ideale. Ohne Vorstellungen davon, wie die Welt sein könnte, gäbe es keinen Fortschritt. Aber Ideale müssen sich an ihren Folgen messen lassen. Vielleicht zeigt sich moralisches Handeln deshalb nicht nur darin, für das Richtige einzustehen. Vielleicht zeigt es sich ebenso darin, eine Überzeugung aufzugeben, wenn ihre Folgen den Menschen schaden, denen sie helfen sollte.
Wer etwas als gut bezeichnet, sollte deshalb nicht nur fragen: Was wollte ich erreichen? Sondern auch: Was habe ich tatsächlich bewirkt? Denn entscheidend ist nicht, wie fürsorglich wir die Giesskanne halten. Entscheidend ist, ob die Pflanze wächst.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

