Warum die Angst vor dem Wolf?
30.04.2026 SchweizBiologe Andreas Moser über sein Buch «Wölfe – sind sie uns zu nah?»
In seinem neuen Buch «Wölfe – sind sie uns zu nah?» räumt Andreas Moser mit einem Jahrhundertmythos auf: Die Angst vor dem Wolf hat weniger mit dem Tier zu tun als mit ...
Biologe Andreas Moser über sein Buch «Wölfe – sind sie uns zu nah?»
In seinem neuen Buch «Wölfe – sind sie uns zu nah?» räumt Andreas Moser mit einem Jahrhundertmythos auf: Die Angst vor dem Wolf hat weniger mit dem Tier zu tun als mit uns Menschen.
Brigitt Buser
Herr Moser, Sie begleiten die Rückkehr des Wolfs in die Schweiz seit Jahrzehnten. Was hat Sie dazu bewogen, jetzt ein Buch darüber zu schreiben?
Andreas Moser: Als Biologe und Medienschaffender hatte ich mit dem «Netz Natur»-Team bei SRF seit 1994 die natürliche Rückkehr der Wölfe in die Schweiz in mehreren Sendungen begleitet. Ich bin mit dieser biologischen Entwicklung seit Jahrzehnten vertraut. Es gibt zwar unzählige Wolfsbücher und jedes Jahr kommen neue dazu, jedoch hat keines die Beziehung und die mehrere Zehntausend Jahre alte Geschichte zwischen Menschen und Wölfen aus heutiger Sicht in einen umfassenden Zusammenhang gestellt. Und ich bin bei den Recherchen auf viele aufregende, neue wissenschaftliche Ergebnisse gestossen, die in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt sind.
Die wilde Stammform der Hunde ist der Wolf, dem er als Unterart zugeordnet wird. Warum haben Sie die Hunde ins Buch einbezogen?
Menschen lebten in der Steinzeit seit je mit Wölfen im selben Lebensraum. Im Gegensatz zu dem, was in der psychologischen Literatur ohne Kenntnisse vorgeschichtlicher Fakten steht, war das keine Angstbeziehung. Ursprüngliche indigene Kulturen belegen bis heute, dass die Menschen in vielen Gebieten im Gegensatz zum westeuropäischen, christlichen Kulturkreis eine nahe, positive Beziehung zu den Wölfen pflegten. Wölfe und Menschen lebten als soziale Jäger in territorialen Familien. Ihre sozialen Systeme und ihre Sozialisierung sind sehr kompatibel. Neue Studien aus Amerika zeigen, dass es bei Wölfen eine genetische Mutation gibt, die sie vor etwa 15 000 Jahren für das ständige Zusammenleben mit Menschen besonders geeignet machte. Infolge dieser Mutation wurden Wölfe dank der Obhut der Menschen zu Hunden. Weil sich Hunde im Gegensatz zu ihren frei lebenden Vorfahren nicht mehr selbstständig durch eigene Jagd ernähren können und nur mit menschlicher Hilfe überleben, müssen sie auch als eigene Spezies betrachtet werden.
Warum haben wir Angst vor dem Wolf?
Historischen Quellen belegen, dass erst im Mittelalter die Missionare, die das Christentum in Europa verbreiteten, zur scharfen Abgrenzung von den «Heiden» der früheren Kulturen die Wölfe dämonisierten und eine Verbindung zu Hexerei und Werwölfen herstellten, die man verfolgte und verbrannte. Zu dieser Dämonisierung und Angstbeziehung leistete die Tollwut der Hundeartigen, die als Krankheit auch für Menschen fürchterlich verläuft und tödlich ist, einen entscheidenden Beitrag. Seit dem Mittelalter verselbstständigte sich diese Angstbeziehung und führte zu einem jahrhundertelangen Krieg zwischen Wölfen und Menschen in Westeuropa und später durch die weissen Invasoren auch in Nordamerika. So verfestigte sich diese kulturelle Angst vor «dem Wolf» in der Psychologie der Menschen.
Was soll Ihr Buch auslösen?
Das Buch zeigt, dass die Angst vor Wölfen das psychologische Produkt einer historischen Entwicklung ist, die nicht mit den Fakten über die heutigen, realen Wölfe übereinstimmt. Diese haben ein grosses Nahrungsangebot an Wildtieren und leben als geschützte Spezies. Wölfe, die nicht verfolgt werden und die wie heute bei uns genügend natürliche Nahrung finden, sind für Menschen nicht gefährlich.
Wie liest sich das Buch und wie empfehlen Sie, es zu lesen?
Die ersten Rückmeldungen aus der Leserschaft berichten von leichter Lesbarkeit, merken aber an, dass es keine schnelle Lektüre sei, weil die Inhalte so dicht seien. Das Buch ist tatsächlich umfassend und beschreibt aufgrund von mehr als 600 Literaturquellen nicht nur das Leben der Wölfe, sondern auch dasjenige der Menschen im Lauf ihrer langen, gemeinsamen Geschichte. Der Text ist in grosse, thematische Blöcke gegliedert, die komplexe Sachverhalte beschreiben. Deshalb gibt es auch ein «Fädeli» als Buchzeichen, damit man die Lektüre unterbrechen und «verdauen» kann … Es lohnt sich also, sich Zeit zu lassen. Das zweite Standbein des Buchs besteht aus drei Blöcken mit spannenden Bildfolgen aus mehr als 200 Screenshots aus Videos frei lebender Wölfe. In knappen Texten erklären damit die Wölfe sozusagen selbst ihr Jagd- und Sozialverhalten.
Die Videos kann man über Links zur Webseite des Buchs anschauen.
Könnte sich auch bei uns ein Wolfsrudel ansiedeln?
Wölfe sind sehr anpassungsfähig und finden heute auch in Wäldern und Kulturlandschaften – wie im Jura mit vielen Wildschweinen und Rehen und in immer mehr Gebieten auch mit Rothirschen – geeignete Lebensräume. Die Frage ist, ob die Politik, die zurzeit wacker die alten Ängste vor «dem bösen Wolf» schürt, dies durch neue Gesetze zulassen wird. Gewisse Politiker profilieren sich als «Beschützer der Bevölkerung vor dem bösen Wolf» und wollen den alten Krieg gegen diese vierbeinigen «Raubtiere» als Symbole der Grünen und Stadtmenschen wieder reaktivieren.
Auf Social Media werden zunehmend Reels gepostet, in denen Wildtiere angefüttert oder als Haustiere gehalten werden. Geht dies auch mit einem Wolf?
Wölfe zähmen und als Wildtiere füttern zu wollen, ist keine gute Idee: Immer, wenn Futter zwischen Menschen und Wölfen im Spiel ist, führt das zu Problemen, weil sich Wölfe und Menschen so ähnlich sind. Weil es eben ums Futter geht, muss man auch Nutztiere wie Schafherden vor Wölfen schützen, was überall dort ohne grosse Diskussionen funktioniert, wo diese frei lebenden Fleischfresser seit je mit den Menschen denselben Lebensraum bewohnen. Nur bei uns, wo die Wölfe ausgerottet waren und wo die historisch und psychologisch begründete Wolfsangst herrscht, gibt es Widerstand.
Inwiefern zeigt sich das konkret in Zahlen?
Die Landwirtschaft hat allein bei sich selbst ein hausgemachtes Problem mit insgesamt 50 000 Schafen, die jedes Jahr in Ställen und auf Weiden kläglich ganz ohne Wolf verenden. Diese Zahlen sind amtlich dokumentiert. Nur etwa 1000 Schafe aus schlecht oder gar nicht geschützten Herden gehen dabei auf das Konto der Wölfe, also um die 2 Prozent. Doch man redet nur von den Wolfsopfern und nicht von den eigenen Problemen bei der Tierhaltung … Berglandwirtschaft und Wölfe sind mit Herdenschutz nebeneinander möglich. Aber eine gute, gegenseitige Beziehung braucht Respekt und Abgrenzung: Wie zwischen uns Menschen braucht es beim Zusammenleben einerseits die gegenseitige Akzeptanz, gleichzeitig aber auch die respektvolle, gegenseitige Distanz. Wird dieses Prinzip eingehalten, sind die Wölfe dazu fähig. Bei den Menschen hingegen ist dies eher fraglich, weil auch respektvolle Abgrenzung unter uns selbst oft nicht funktioniert …
Die Zusammenhänge verstehen
bbu. Das Buch «Wölfe – sind sie uns zu nah?» wirft als umfassende Recherche neuester Forschungsergebnisse ein neues Licht auf die nahen Beziehungen zwischen Wölfen, Hunden und Menschen. Es trägt dazu weltweit die Fakten von der Steinzeit bis in die Gegenwart zusammen und erklärt verständlich die Zusammenhänge zwischen dem australischen Busch, dem Kinderzimmer, dem Gentechlabor und den Schafweiden in den Walliser Alpen. Es hinterfragt Konflikte und Anziehung zwischen Menschen und Wölfen im Spannungsfeld zwischen biologischen
Fakten und menschlicher Psychologie, von der bedingungslosen Liebe bis in bodenlose Ängste. Einzigartige Bildstrecken frei lebender Wolfsfamilien in den Alpen zeigen auf mehr als 60 Seiten, wie sie sich verhalten und wie sie kommunizieren: Bilder von der aggressiven Dynamik des Jagdverhaltens bis hin zu unerwarteter Zärtlichkeit. Mit diesem Buch verliert «der Wolf» seine Unberechenbarkeit und enthüllt seine Rolle im Kaleidoskop der Tatsachen und Fantasien. So wird es zum Spiegel, der zeigt, wovor wir uns tatsächlich fürchten sollten.
Zur Person vs. Andreas Moser studierte in Basel und schloss 1988 sein Zoologiestudium mit einer Doktorarbeit über Kreuzottern im Engadin ab. Anschliessend wechselte er zum Schweizer Fernsehen, wo er anfänglich als Moderator, später als Redaktor und Moderator die Sendung «Netz Natur» betreute. Dabei wirkte er immer auch als Kameramann. Er produzierte mit seinem Team bis zu seiner Pensionierung mehr als 200 Sendungen zu aktuellen Themen aus dem Spannungsfeld Zoologie, Mensch und Umwelt. Dafür erhielt er diverse Preise. 2006 wurde er auch mit dem Ehrendoktor der Universität Zürich bedacht.


