«Von Mexiko wurde ich Fan»
17.07.2026 Sport, FussballThomas Ditzler
Herr Werder, Sie waren mehrere Wochen an der Fussball-WM vor Ort und haben die Schweizer Nationalmannschaft begleitet.
Welcher Moment ist Ihnen am stärksten geblieben?
Lucas Werder: Ich reiste für das Eröffnungsspiel Mexiko ...
Thomas Ditzler
Herr Werder, Sie waren mehrere Wochen an der Fussball-WM vor Ort und haben die Schweizer Nationalmannschaft begleitet.
Welcher Moment ist Ihnen am stärksten geblieben?
Lucas Werder: Ich reiste für das Eröffnungsspiel Mexiko gegen Südafrika nach Tijuana und schaute mir das Spiel im Public Viewing an. Über Tijuana heisst es, es sei eine der gefährlichsten Städte der Welt. Davon habe ich aber nichts mitbekommen. Die Unterschiede der WM-Euphorie zwischen den USA und Mexiko waren sehr beeindruckend. In Mexiko fühlte ich mich wie in einer anderen Welt. Die Euphorie, die dort geherrscht hat, hat mich beeindruckt. Überall Fans im Trikot ihrer Nationalmannschaft.
Als Journalist haben Sie die er Nationalmannschaft eng begleitet. Wie lautet Ihr Fazit über die Schweizer WM-Kampagne?
Schaut man sich die Resultate der Schweiz an, kann man sagen, dass die Erwartungen leicht übertroffen wurden. Im Vorfeld wusste man, dass vieles möglich sein könnte. Mit dem Erreichen der Viertelfinals schaffte das Team einen historischen Erfolg und mehr, als ich der Nati vor dem Turnier zugetraut hatte. Schliesslich wäre im Achtelfinal auch ein Duell gegen Portugal möglich gewesen.
Wie haben Sie den historischen Erfolg der Schweiz im Achtelfinal gegen Kolumbien miterlebt?
Das Spiel verfolgte ich auf der Medientribüne im Stadion. Ich war sehr angespannt, nicht etwa wegen des Ausgangs der Partie, sondern weil wir bezüglich der Berichterstattung in der Zeitung die Sportseite offen gelassen haben, um möglichst noch über die Partie berichten zu können. Als das Spiel ins Penaltyschiessen ging, war für uns klar, dass es wegen des Redaktionsschlusses und der Zeitverschiebung nicht mehr in die aktuelle Ausgabe reichen wird. Es war für mich eine stressige Partie. Nicht wegen dem Sportlichen auf dem Rasen, sondern wegen der Zeitungsproduktion.
Aus regionaler Optik war die Einsatzzeit des Arisdörfer Noah Okafor ebenfalls ein Gesprächsthema. Wie haben Sie die Diskussionen rund um seine Personalie erlebt?
Ich war überrascht, wie wenig Spielzeit Noah Okafor erhalten hat. Dass er keine Hauptrolle haben wird, war mir klar, dennoch bin ich davon ausgegangen, dass er mehr spielen würde, als er es letztlich tat. Auch wir Journalisten vor Ort konnten das Okafor-Geheimnis nicht lüften, wieso er nicht mehr zum Zug kam. Was man jedoch sagen kann: Okafor ist mit seiner Rolle gegen aussen sehr professionell umgegangen. Man hat gespürt, dass er sich menschlich in den vergangenen Jahren entwickelt hat.
Welche Nation oder welche Spieler haben Sie an dieser Endrunde am meisten überzeugt?
Es sind die üblichen grossen Namen. Lionel Messi hätte ich es aber beispielsweise nicht zugetraut, dass er nochmals so performen wird. Die WM war das Turnier der üblichen Superstars, jene Spieler, die man im Vorfeld bereits auf dem Radar gehabt hat. Eigentlich etwas schade. Überrascht haben mich jedoch auch die kleineren Nationen, beispielsweise Kap Verde, auch wenn ich mir als regelmässiger Beobachter des Afrika-Cups der Qualitäten dieses Teams bewusst gewesen bin. An dieser WM haben kleinere Nationen gezeigt, dass sie auch taktisch grosse Fortschritte gemacht haben und so den grossen Mannschaften viel abverlangt.
Gab es auch Enttäuschungen?
Aus sportlicher Sicht für mich die asiatischen Teams. Jordanien oder Usbekistan holten keinen einzigen Punkt. Auch Südkorea habe ich mehr zugetraut. Trotz Aufstockung des Turniers auf 48 Mannschaften gelang es aus asiatischer Sicht nur Japan, sich für die K.-o.-Phase zu qualifizieren. Abseits des Platzes wird mir die Begnadigung nach der roten Karte des US-Amerikaners Folarin Balogun besonders in negativer Erinnerung bleiben. Dass sich die Politik so in den Sport einmischt, ist für mich ein Skandal. Die Fussballregeln, die wir alle kennen, wurden in diesem «Fall Balogun» einfach ausgehebelt.
Im Vorfeld wurde viel über den Gigantismus dieser WM diskutiert. Wie haben Sie die Stimmung vor Ort erlebt?
In den USA haben sich viele Klischees bewahrheitet. Die Städte in den USA sind so gross, da hat man nicht viel von einer Weltmeisterschaft gespürt. Fussball hat nur einen mittleren Stellenwert. Und dennoch war die mediale Berichterstattung sehr gross. Gerade in Kansas City, wo wir zuletzt für den Viertelfinal zwischen der Schweiz und Argentinien waren, war in der Stadt fast nichts los. Anders sah es beispielsweise in Vancouver aus: Jeden Abend waren die Leute auf der Strasse, darunter viele Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln. Die Latino-Gemeinschaft hat generell an dieser WM viel zur Stimmung beigetragen. Zum Beispiel auch beim ersten Schweizer Gruppenspiel gegen Katar, bei dem fast mehr Mexikooder Argentinien-Shirts als Schweizer Leibchen zu sehen waren. Kanada hat mich hingegen positiv überrascht. Den Hype um die Spiele und die Nationalmannschaft haben wir gut gespürt. In Vancouver trafen wir auch auf mehr Schweizer Fans. Es gab viele, die mir erzählten, dass sie wegen der Politik bewusst auf eine Reise in die Vereinigten Staaten verzichtet haben. Punkto Euphorie war Mexiko unbestritten die Nummer eins.
Die WM-Stadien sind gigantisch.
Was war für Sie das Eindrücklichste in Bezug auf die Spielstätten?
Das SoFi-Stadion in Los Angeles war sehr beeindruckend. Auch die Schweizer Spieler zeigten sich im Gespräch mit uns sehr angetan von diesem Stadion. Remo Freuler meinte beispielsweise, er habe schon in grossen Stadien wie im Londoner «Wembley» oder «Bernabéu» in Madrid gespielt, aber dieses Stadion habe nochmals eine ganz andere Dimension. Bis vor dieser WM war das Lusail-Stadion, in dem der WM-Final 2022 in Katar ausgetragen wurde, das Stadion, das mich am meisten beeindruckt hat. Das SoFi-Stadion gehört nun aber definitiv auch dazu.
Hat sich Ihr Bild von den Gastgeberländern verändert?
Was die USA betrifft, überhaupt nicht. Es war so, wie ich es erwartet habe und wie im Vorfeld berichtet wurde. Mehr Euphorie erlebten wir in Kanada. In diesem Land könnte mit dieser Weltmeisterschaft in den nächsten Jahren durchaus etwas entstehen. Von Mexiko wurde ich Fan. Eine so extreme Euphorie, wie ich sie dort erlebt habe, hat mich überrascht. Generell waren die Leute, denen ich in Mexiko begegnet bin, sehr toll.
Am Sonntag wird der Weltmeister gekürt. Welche Nation wird aus Ihrer Sicht den Pokal in die Höhe stemmen?
Für mich war lange Frankreich der klare Favorit auf den Titel. Doch mit ihrer defensiven Meisterleistung im Halbfinal haben mich die Spanier beeindruckt. Im Final tippe ich darum auf den Europameister, auch wenn man Argentinien nie abschreiben darf. In jedem einzelnen K.-o.- Spiel hat das Team um Lionel Messi gewankt. Und trotzdem steht der Titelverteidiger erneut im Final. Ich setze aber trotzdem auf Spanien.
Zur Person
td. Lucas Werder arbeitet seit 2024 wieder als Sportreporter beim «Blick». Davor war er bei «20 Minuten» und ebenfalls beim «Blick» tätig. Der 34-Jährige, der in Bubendorf aufwuchs, begleitet die Schweizer Nationalmannschaft beruflich seit mehreren Jahren. So unter anderem auch an der Fussball-WM 2022 in Katar und in diesem Sommer in Mexiko, Kanada und den USA. Werder war zuvor auch als freier Mitarbeiter für die «Volksstimme» tätig.

